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Der Israelit · 1891-11-12 · Heft 88 (12.11.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 88 (12.11.1891)
Date
1891-11-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXÜ. Jahrgang. Erste Keilage,«M 88 d-- „IsraelitIeschar««- Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Mainz, 11. November. Aus Argentinien geht uns soeben ein mit 17 Unterschriften russischer Juden Unterzeichneter Nothschrei zu, in welchem diese ihre elende Lage in grauenvoller Weise schildern. Der von Baron Hirsch 'bort eingesetzte Director Dr. L ö w e n t h a l behandle sie ärger noch als man Sclaven zu behandeln pflege. Das schlechteste, ungesundeste Land müßten sie zu den theuersten Preisen abnehmen. Innerhalb weniger Tage seien 45 Kinder gestorben. Das Sterben daure noch an. Und in dieser Weise klagt und jammert der Bericht volle 20 Seiten voll. Der Bericht ist im Auftrag der erwähnten Juden von einem angeblich seit 10 Jahren in Buenos Aires ansässigen deutschen Juden, einem Zahnarzte Namens Eugenio Sonnenfeld abgefaßt. Da wir diesen ungeheuerlichen Anklagen keinen rechten Glauben zu schenken vermögen, werden wir uns sofort mit einem Argentinischen Consul in Verbindung setzen um über die Zuverlässigkeit dieses Herren und dessen Mittheilungen uns Auskunft zu verschaffen. Worms, 6. November. Aus Worms wird dem „Darmftädter Täglichen Anzeiger" von hier geschrieben: „Von einem Studiosus N. von hier, welcher sich in dem benachbarten Orte Lampertheim aufzuhalten pflegt, ist folgender Akt von Antisemitismus verübt worden. Im Gasthause „Zum Rebstock" in Lampertheim fand ein israelitischer Ball statt. Der Herr Studiosus trank sich an dem Ballabend zuerst Courage an, äußerte zu seinen Bekannten: „Heute Abend müssen die Juden dran glauben!" und rückte um 11 Uhr mit einem Begleiter in das Balllokal. Hier verhöhnte er die Ballgäste, blies mit einer Kindertrompete nnd warf zuletzt Steinkohlen in den Ballsaal.In der ganzen Umgegend spricht man mit Empörung von diesem rohen Betragen." So weit der „Darmst. Tägl. Anz." Aber warum in aller Welt haben denn die männlichen Theilnehmer an dem Balle dem Burschen nicht die ihm gebührende Strafe gleich an Ort und Stelle applizirt? Marburg, 29. Oct. Eine heute vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus einberufene Versammlung war sehr zahlreich von den verschiedensten Klaffen der Bevölkerung, auch stark von Antisemiten, die kolonnenweise aus den Dörfern angerückt kamen, besucht. Der Vorsitzende, Herr Prof. Stengel, ertheilte dem Licentiat G r ä b n e r das Wort, der, obwohl anfänglich gestört durch das kommandomäßige Lärmen der Antisemiten, es verstand, durch den packenden Inhalt einer ca. 2stündigen Rede die Ruhe herzustellen. Minutenlanger stürmischer Beifall ohne jegliche Mißfallsäußerung belohnte den Redner. Dr. Böckel wurde in seiner Entgegnung sofort persönlich, so daß ihm das Wort entzogen und die Versammlung geschlossen werden mußte. Jetzt wird der „große Mann" schön über die „Feigheit" u. s. w. der Gegner schimpfen. Er selbst ist ja ein fanatischer Anhänger des freien Wortes. Das hat er erst am Sonntag vor acht Tagen wieder in Greifenstein bei Herben bewiesen, wo er dem ihm in der ruhigsten und durchaus sachlichen Weise cntgegentretenden Redacteur Schreiber durch den antisemitischen Wirth in die Rede fallen und auf Grund des „Hausrechts" das Lokal verbieten ließ, weil in diesem Saale keine freisinnigen Reden geduldet werden. Und dabei handelte es sich um eine öffentliche Versammlung! Berlin, 2. November. Dem „Vorwärts" ist zufällig ein Schriftück in die Hände gerathen, welches beweist, daß die Freundschaft zwischen der Antisemitenperle, Herrn Rector a. D. Ahlwardt, und dem Vermittler für Commerzienrathstitel, Geh. Hofrath Manche, nicht von gestern ist. Das genannte Blatt druckt das folgende, vom Jahre 1885 datirte lithographirte Schreiben ab: „Bitte an edle Menschenfreunde. Ein höherer Schulmann, dem die vorzüglichsten Zeugnisse zur Seite stehen, und der von seiner Behörde wegen seiner außergewöhnlichen Leistungen hoch geschätzt wird, hat sich in den Jahren 1876/77 noch mit niedrigem Gehalt zur Uebernahme bedeutender Bürgschaften verleiten lassen. Hierdurch ist derselbe in Wucherschulden gerathen. Um seine Carriöre nicht zu schädigen, hat derselbe leider geschwiegen, und acht Jahre lang die ungeheuerlichsten Zinsen bezahlt. Dadurch hat die Schuldsumme eine so enorme Höhe erreicht, daß eine Tilgung derselben aus eigener Kraft unmöglich ist. Wohl ist wiederholt versucht worden, durch Hergabe niedriger verzinslicher Darlehen eine gewisse Ordnung herzustellen, aber, da nicht alle Wucherschulden getilgt werden konnten, so wurde das Uebel nur noch ärger. Da der Betreffende mehreren der Unterzeichner als ein höchst solider Mann seit einer Reihe von Jahren bekannt ist, und dieselben seinem langen Todeskampfe gegen ein übermächtiges Geschick mit innigster Theilnahme zugeschaut haben, so sind dieselben zu einem Eomite zusammengetreten, um eine Sammlung bei unseren wohl stitutrten Mitbürgern, welche für die Leiden ihrer Mitmenschen ein Herz bewahrt haben, ihn zu

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