Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 88 (12.11.1891)
- Date
- 1891-11-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sabbatai hätte laut aufjauchzen mögen, doch die mächtige Erregung erschwerte ihm das Sprechen. „Mit Dir sei Friede", entgegnete er flüsternd mit Anstrengung. Abermals herrschte Schweigen, dann begann der Türke von Neuem: „Mein Name ist Moses ben Raphael, der große Abarbancl war mein Ahnherr." — „So sind wir Glaubensgenossen" , rief Sabbatai freudig. Der Türke zuckte die Achseln, ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Mein Glaube ist, daß Juda's Stern erloschen ist, daß finstere Nacht gelagert hat aus sein unglückliches Volk. —" „Nicht erloschen ist Juda's Stern", rief Sabbatat feurig, „nur durch eine Wolke verdunkelt ist sein Glanz. Doch ein Luftzug — und die Wolken schwinden — und auf's Neue erstrahlt Israels Stern in Hellem Glanz." „Thor!" versetzte der Andere mit dumpfer Stimme, „Thor! — dreifacher Thor!" Sabbatai starrte ihn betroffen an. „Wer bist Du?" fragte er nach kurzer Pause, „was willst Du von mir? —" „Ich bin der Leibarzt des Sultans", entgegnete Moses ben Raphael, „ich habe diesen hohen Posten erlangt, nachdem ich erkannt hatte, daß Juda's Stern erloschen ist, nachdem ich erkannt hatte, daß Juda's Heil nur in dem Ausgehen unter den es umgebenden Nationen blüht. —" „Du hast den Turban genommen", flüsterte Sabbatai. Raphael ben Moses neigte bejahend das Haupt. „Ich üabe den Turban genommen und ich erfreue mich seitdem des uneingeschränkten Vertrauens meines hohen Herrn, der mich zu Dir geschickt hat, damit ich Dir als Dolmetsch diene, wenn Du Dich vor dem Nichterstuhl des Großherrn verantworten sollst. — Denn Mahummed IV. ist ein gerechter Fürst, der auch den schwersten Verbrecher nicht ungehört verdammt." Erdfahle Blässe überzog auf's Nene das Angesicht des Gefangenen. „Welches Verbrechens hat man mich angeklagt?" stammelte er „Des Hochverrathes", versetzte der Leibarzt des Sultans mit tiefem Ernst. „Und kennst Du die Strafe", fuhr er nach kurzem Schweigen fort, „die den überführten Hochverräther trifft? — sie ist entsetzlich. — Der Verbrecher wird entkleidet und an seinen Körper werden brennende Pechfackeln befestigt, und so wird er durch die Straßen der Stadt gepeitscht, bis er unter den entsetzlichsten Qualen seinen Geist aufgibt." Ein halb unterdrückter Schrei entfuhr den farblosen Lippen des Gefangenen, schaudernd verhüllte er sein Angesicht. — Schon war es ihm als träufle das glühende Pech auf sein nacktes Fleisch, als fühle er die Peitschenhiebe, unter denen er verbluten sollte. „Fürchte nichts", versuchte der Leibarzt des Sultans ihn zu trösten, „Mahumed IV. ist ein gerechter Fürst und zweifle ich nicht, daß es Dir gelingen wird, ihn von Deiner Unschuld zu überzeugen. Nur warne ich Dich, wage es nicht, ihn durch Vorspiegelungen irgend welcher Art zu reizen, wage es vor allem nicht, mit Deiner s. g. Messianität Dich zu brüsten, denn Mahummed ist nicht nur ein gerechter Fürst, sondern auch ein aufgeklärter Geist, der sich durch plumpes Gaukelspiel nicht täuschen läßt. — Doch da kommt schon der Kerkermeister, der Dir die Ketten abnehmen wird, dann wirst Du mir zum Sultan folgen." In der That .trat jetzt der Kerkermeister zu dem Gefangenen und entledigte ihn der schweren Fesseln. Die wunden Stellen schmerzten dadurch nicht weniger, doch unvergleichlich schwerer als die schwersten Fesseln drückten ihn die Worte, die der Leibarzt des Sultans gesprochen. Vollständig gebrochen starrte er vor sich nieder und war kaum im Stande, der Aufforderung des Kerkermeisters zu entsprechen und sich von seinem elenden Strohlager zu erheben. — Die beiden Bewaffneten, die ihn geleiten sollten, mußten ihn stützen, sonst wäre er schwerlich im Stande gewesen, dem voranschreitenden Arzte zu folgen. Wie würde er sich vor dem Sultan verantworten können, dem ohne Zweifel alle seine Pläne bekannt geworden? — Er war nicht im Stande, einen zusammenhängenden Gedanken zu erfassen, nur jenen entsetzlichen, jener grauenvollen Strafe mußte er unablässig gedenken, die des überführten Hochverräthers harrte. Sie hatten das Gemach des Beherrschers der Gläubigen erreicht, der Leibarzt war zuerst eingetreten, die Bewaffneten mit dem Gefangenen in ihrer Mitte waren ihm gefolgt, gleich darauf trat Sultan Mahummed von der entgegengesetzten Seite in das Zimmer. Der Leibarzt hatte den Herrscher mit tiefer ehrfurchtsvoller Verneigung begrüßt und war von demselben huldvollft angeredet worden. Was die beiden mit einander sprachen, vermochte Sabbatai nicht zu verstehen; mit schlotternden Knien stand er da, den stieren Blick an den Boden geheftet.