Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 88 (12.11.1891)
- Date
- 1891-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1647 Zeitungsnachrichten ttttb Correspondenze«. Deutschland. Mainz, 10. November. Das offizielle Stenogramm über die Verhandlungen der Delegirten- Versammlung zur Berathung der Hilfsaction für die russischen Juden in der zweiten Sitzung am 21. October ist uns erst heute zugekommen, zu spät für diese Nummer, um dasselbe auch nur im Auszuge zum Abdruck bringen zu können. Wir beschränken uns daher heute auf das Nachstehende und werden in der IMontagsnummer mit der Veröffentlichung des Referats über die Colonisationsfrage von Karl Emil Franzos beginnen. Der Vorsitzende erklärt, zunächst die Frage der Beschaffung der Geldmittel zur Debatte und Beschlußfassung zu stellen. Zu diesem Zwecke stellen der geschäftsführende Ausschuß und Delegirter Dr. Stern (Wien) folgende Anträge: „Jedes Land veröffentlicht einen Aufruf; für Deutschland wird eine einheitliche Form festgesetzt. Die Veröffentlichung erfolgt möglichst zu gleicher Zeit. Es bleibt jedem Comite überlassen, zu bestimmen, ob der Aufruf konfessionell oder interkonfessionell unterzeichnet werden soll und ob Zusätze den lokalen Bedürfnissen entsprechend zu machen sind." „Die sämmtlichen für die russischen Juden gesammelten Gelder werden zu einem Hilfsfonds vereinigt, der der Verwaltung und Verwendung des Berliner Central- Comitös untersteht. Aus diesem einheitlichen Hilfsfonds werden die gesammten Ausgaben für die gemeinsame Hilfsaction bestritten." Es erhebt sich hierbei eine lange Debatte, namentlich über den zweiten Antrag, während welcher unter den Delegirten zwei Gegenströmungen zu Tage treten; die einen wollen, dem zweiten Anträge gemäß, dem Berliner Central-Comite die unumschränkte Macht über die für das russische Hilfswerk gesammelten Mittel überlassen, die andern wollen die Provinzialcomittzs nicht blos als Sammelstellen betrachtet wissen, sondern ihnen auch das Recht im Eentral- Comitö mitzurathen und mitzuthaten einräumen. Von Letzteren sind es namentlich die Delegirten von Frankfurt a. M. und Köln, die diesem Standpunkte präctse Ausdruck verleihen; so äußerte sich Rechtsanwalt Plotke (Frankfurt a. M.): „Ich kann die Kompetenz der Versammlung nicht anerkennen, einen solchen Beschluß bezüglich Abführung der Gelder nach Berlin zu fassen, sondern diese Kompetenz reicht nur so weit, den einzelnen Comites das, was vorgeschlagen ist, zu empfehlen. Wenn Sie gleichwohl den Antrag Stern annehmen, könuen wir ihn als für uns bindend nicht anerkennen, sondern werden zu unserer Autonomie wie früher festhalten, aber bei jeder einzelnen Angelegenheit zum Zwecke der Ausrechterhaltung der Einheit uns Ihnen anschließen." Und weiter: „Wir wollen nichts anderes, als daß unsere unglücklichen Brüder unterstützt und gefördert werden, so sehr wie möglich. Vou diesem Gesichtspunkte aus haben die Frankfurter gearbeitet, sind von Haus zu Haus gegangen und haben angefeuert. Und es ist uns gelungen. Denn wir haben die Hälfte der Mittel aufgebracht, die von dem übrigen Deutschland zusammen eingegangen sind. Unter diesen Umständen haben wir wohl ein gewisses Recht zu sagen: thun wir so viel, dann wollen wir auch mitreden. So wie die Sache Hetzt liegt, so gut auch das Comitö gearbeitet hat — und ich bin der Letzte, der das in Abrede stellen möchte — so war es doch immer nur ein Berliner Comitö. Wir im Westen und im übrigen Deutschland, die wir ihm unsere Mittel geben, wir werden nicht die Möglichkeit haben mitzureden, da können Sie wählen, wen Sie wollen. Aus dem Berliner Comitö muß ein deutsches werden und vom deutschen zum internationalen sich entwickeln. Aber daß wir einige Herren in das ComitL wählen, wie der Vorsitzende vorgeschlagen, das wäre für diese Sachlage nur eine halbe Maßregel, die zwar gut gemeint, aber nicht entsprechend ist. Das ganze Judenthum muß sich betheiligen, und dadurch das Comit« sich ergänzen zu einem wirklichen Central-Comitß." Auch die Delegirten des Auslandes sprechen sich in diesem Sinne aus. Dr. Simonsen (Kopenhagen): „So erfreulich diese Versammlung ist, so ersichtlich ist doch, daß eine internationale Verbindung noch garnicht geschaffen ist; und so thätig das Berliner Central-Comitß gewesen ist, so würde ich es doch für richtig finden, wenn es durch Correspondenz auf irgend eine Weise sich internationaler gestalten würde und könnte." Herr Isidore Loeb (Paris) als Vertreter der „Alliance Jsraelite:" „Ich dachte mir, daß es äußerst natürlich und selbstverständlich sei, wenn von einer Gesellschaft, wie die „All. Jsr.", welche seit 30 Jahren besteht und doch eine gewisse Erfahrung besitzen muß, welche schon für die russische Glaubensgenossen beträchtliche Mittel gesammelt hat und im Stande ist, noch viel größere zu sammeln, welche auch auf anderen Gebieten vielleicht einige Dienste geleistet hat, wenn man von einer solchen Gesellschaft nicht bloß Geld verlangt, sondern ihr auch gestattet, in der Sache mitzureden und ihren gerechten Einfluß auf die Leitung der so wichtigen Angelegenheit auszuüben. Nach langen Erörterungen wurden die beiden Anträge bei der Abstimmung angenommen. Vor Abstimmung über den zweiten Antrag wurden nachstehende Erklärungen abgegeben: Herr Dr. G o l d m a n n (New-Dork) erklärt Namens der Nordamerikanischen Delegirten, daß sie sich der Abstimmung enthalten, weil bei ihnen die Verhältnisse völlig anders liegen, als in Europa. Ebenso erklären die Delegirten von Franffurt a. M. und Köln, daß sie sich der Abstimmung enthalten müßten. Herr Julius Kaufs mann (Hannover): Ich möchte meinen Standpunkt dahin präcisiren, daß ich