Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-11-09 · Heft 87 (9.11.1891) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 87 (9.11.1891)
Date
1891-11-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448202--33078-2480953
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1638 schäften sich bewährt hat oder ob dieselben vielleicht schon nach V< oder Vs Jahre in die Brüche gegangen sind? Herr Dr. Goldmann (New-Iork): Sie haben sich im Allgemeinen bewährt. In anderen Fällen, wo auf die genannte Weise nicht geholfen werden kann, gaben wir den Leuten die Mittel, um hausiren gehen zu können; dies jedoch nur in den äußersten Fällen. Wieder Anderen geben wir Geld, um in den Straßen Buden zu errichten, die die jüdischen oder andere Geschäftsinhaber vor ihren Läden erlauben; die Leute können ganz schön dabei verdienen. Daß aber diese Thätigkeit enorme Summen verschlingt, bedarf wohl kaum noch des Beweises. Die Ausgaben der United Hebrew Charaties betrugen vom 1. Oktober 1890 bis 30. September 1891 175,688 Dollars. Dazu kommen noch 60— 70,000 Dollars, die das Comitö des Herrn Baron von Hirsch ausgegeben hat. Infolge der Einwanderung sind auch die Ausgaben der Wohlthätigkeitsanstalten im Allgemeinen gewachsen. Wie sehr sie zugenommen haben, können Sie aus einem Beispiel ersehen. Das Rew-Iorker Waisenhaus giebt den United Hebrew Charities 20,000 Dollars jährlich zur Unterstützung von Hilfsbedürftigen. Diese Summe wird gewöhnlich am 1. Oktober von den United Hebrew Charities zuerst angegriffen. In diesem Jahre wurde die Summe auf 25,000 Dollars erhöht, und doch war am 1. Oktober kein Cent mehr da, sondern noch ein Defizit von 7,000 Dollars. Ich muß hinzufügen, daß alle die genannten Summen von der United Hebrew Charities nicht ausschließlich für russische Juden verwendet werden; aber der bei weitem größte Theil des Geldes wird für dieselben ausgegeben. Diese Ausgaben sind im Uebrigen nur ein geringer Theil von dem, was für die russischen Juden ausgegeben wird. Die Landeswohlthätigkeitsanstalten in New-Iork befinden sich in bedrängtem Zustande, um die großen Ausgaben zu bestreiten, die die russischen Juden verursachen. Die Waisenanstalten, Hospitäler, Kliniken weisen heute verschiedentlich 50—80 °/o russische Juden auf. Sogar das Taubstummeninstitut, das konfessionslos ist, hat heute 45 °/o russische Juden. Die Ausgaben der jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten in New- Iork belaufen sich heute auf 700,000 Dollars pro Jahr. Ich habe die Statistik hier und kann jede Ausgabe zahlenmäßig belegen. Ja sogar rein christliche Kliniken, die reich sind und denen früher nicht eingefallen ist, sich an die Juden um Beitrag zu wenden, haben in der jüngsten Zeit an dieselben geschrieben und gesagt, daß der größte Theil der Unterstützten jetzt russische Juden sind und daß es deshalb nicht mehr wie recht wäre, wenn die Juden nun Beiträge zahlten. In Chicago ist im vergangenen Jahre eine Handwerkerschule errichtet worden, die 12,000 Dollars pro Jahr kostet, in der nur russische Juden unterrichtet werden. Die Handwerkerschule in New-Iork hat ungefähr 225 Schüler, von denen über 75 °/o Kinder russischer Juden sind. Das Einkommen des Baron von Hirsch-Fond beträgt monatlich 8000 Dollars; die Ausgaben in den letzten vier Monnten betrugen 15—16,000 Dollars für den Monat, also mehr als das Doppelte des Einkommens. Daher hat der Fonds die eigentlichen Zwecke, die er laut seinen Statuten zu verfolgen hat, rein ignoriren muffen, einfach weil die Noth zu groß war, der Hunger gestillt werden mußte. Soll die jüngere Genenation dieser Einwanderer aus dem Schlamm und Morast, in dem die ältern sich befinden, gehoben werden, sollen die Resultate hundertjähriger Unterdrückung gebessert werden, soll das Ghetto, das in New-Iork entstanden ist, aufgehoben werden, sollen die russischen Juden ein Segen für das Land werden, in dem sie ausgenommen werden, dann muß der Baron von Hirsch-Fond wieder zu Zwecken der Erziehung, zur Erlernung von Handwerken, zur Einrichtung von gesunden, anständigen Wohnhäusern innerhalb und außerhalb New-Iork für unsere Glaubensgenossen, zur Einrichtung von Kolonien in den Vereinigten Staaten und zur Gewährung von Darlehen an Ackerbauer und nicht, wie dies jetzt der Fall ist, auf Almosen verwendet werden. Alle diese Thätigkeiten haben wir jetzt einstellen müssen. Wir hatten eine erfolgreiche Abendschule für das Erlernen von Handwerken errichtet; aus Mangel an Mitteln mußten wir sie eingehen lassen. Wir hatten die Pläne zu einer großen Handwerkerfchrrle für 12 1,400 Schüler für's Jahr aufgstellt, sie mußten sistirt werden. Wir haben lange Zeit hindurch Untersuchungen gemacht, um außerhalb von Nev-Iork Arbeiterwohnungen zu bauen, wir haben sie aufgeben müssen. Wir haben uns auf eine einzige Kolonie beschränkt, weil die Mittel fehlten, um weiter nach dieser Richtung zu wirken. M. H., ich glaube, ich spreche den innersten Gedanken eines jeden Mitgliedes des Baron von Hirsch-Fond aus, daß, wenn die Mittel zur Linderung der Noth und zur Erlheilung von Almosen an die Einwandernden nicht aus anderer Quelle kommen, das Comite eher gewillt ist, den Fond des Baron Hirsch zurückzuschicken, als die Arbeit in der bisherigen durch die Verhältnisse nothwendig gewordenen Weise fortzusetzen, ohne daß dabei etwas Wesentliches für die dauernde Verbesserung der Lage jener unglücklichen Menschen geschehen ist. Zu allen den Ausgaben, die ich Ihnen mitgetheilt habe, kommen noch die sehr bedeutenden Summen, über die wir gar keine Aufzeichnung haben, die Privatsache sind. Ein jeder wohlthätige Jude in New-Iork kann Ihnen sagen, daß er im verflossenen Jahre Privatsammlungen hat machen müssen, um spezielle Fälle großer Noth unter den Russen, die von den Comites nicht berücksichtigt werden konnten, zu lindern. Die Anforderungen sind so groß, daß es nur sehr Reichen noch möglich ist, für andere, nicht russische Gemeinzwecke beizusteuern. Wie unglücklich und unsagbar traurig die Lage der russischen Juden bei uns ist, ersehen Sie daraus, daß wir säst jede Woche von 1000—2000 derselben gebeten werden, wir sollen sie nach Rußland zurückschicken, wo sie in besserer Lage zu sein glauben. Es sind das meist brave, tüchtige Leute. Wir schicken aber keinen zurück, der nur irgendwie sich halten kann. Unser Prinzip ist, sie zum Erwerb zu bringen. Wer irgendwie selbstständig werden kann, mutz da bleiben. Es sind nur einzelne Falle von Kranken, absolut Unfähigen, welche sich nicht emporzuarbeiten vermögen. M. H., ich habe versucht, ohne jede Uebertreibung, ohne jede Schönfärberei, die tatsächlichen Verhältnisse Ihnen zu schildern. Ob es mir gelungen ist, die Sachlage klar zu machen, weiß ich nicht. Das aber weiß ich und kann ich als gewiß aussprechen: wenn die russischen Juden in Amerika in Zukunft eine Unterkunft finden sollen, wenn ihnen dieser letzte Zufluchtsort nicht genommen, wenn die Pforten ihnen nicht geschlossen werden sollen, dann müssen Sie nicht nur mit der Erfüllung Ihrer einfachen Pflicht, sondern energisch und mit gewaltigen Opfern ihnen zu Helsen suchen. Wir leben in der Mitte eines gewaltigen weltgeschichtlichen Ereignisses: eine unerhörte in der dunklen, traurigen Geschichte des Judenthums noch nicht dagewesene Gefahr droht; denn noch niemals ist ein Volk von 5 Millionen Juden der Verfolgung und der Unterdrückung preisgegeben worden. Ich glaube, Sie können dazu beitragen, das Problem zu lösen, aber nicht durch kleine Mittel. Wenn Sie sich begnügen mit der einfachen Weiterbeförderung der unglückseligen Wanderer, ohne ihnen weiter zu Hilfe zu kommen, wenn sie nicht gemeinschaftlich mit offenem Sinn und aufopfernder Bereitwilligkeit uns in Amerika Helsen, dann werden, so sicher wie die Nacht dem Tage folgt, die Küsten Amerikas den russischen Juden in allernächster Zeit unerreichbar gemacht werden. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender: Ehe wir in der Sache weiter gehen, fasse ich das Resultat des eben gehörten Berichts so zusammen, daß von einer Hilfe in Amerika nur die Rede sein kann, wenn Millionen hergegeben werden. Aber noch eine kleine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.