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Der Israelit · 1891-11-09 · Heft 87 (9.11.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 87 (9.11.1891)
Date
1891-11-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXn. Jahrgang. KeUage?u M 87 der „Israelit & IeschLran- Leitender Artikel. Die DelegirtenWersammlung zur Berathung der Hilfsaction für die Russische» Juden. (Schluß aus dem Hauptblatt.) Sind die Eingewanderten endlich dieser Klippe entronnen, so dürfen sie in das „freie gelobte Land" eintreten. Dies dauert gewöhnlich 3 bis 6 Tage. Was wartet ihrer jetzt? Solche, die absolut mittellos sind, werden einige Tage in ein Logis-Haus geschickt. Wo und wie dieselben ein Unterkommen finden, ist mir, trotzdem ich fast seit einem Jahre in diesen Verhältnissen lebe, nicht bekannt. ES mutz wohl sein, daß die meisten etwas Mittel haben; auf der andern Seite unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß hier ein schöner Zug der Wohlthätigkeit seitens der Russen sich kund giebt, indem, viele ihre Landsleute auf einige Tage bei sich aufnehmen. Wir amerikanische Juden haben keine schlechte Meinung von den russischen Juden. Schon nach wenigen Stunden eilen sie nun zum Könnt«. Dies besteht aus dem Komitb des Herrn Baron von Hirsch und dem der United Hebrew Charities. Die Scenen, die sich in und vor dem Gebäude der United Hebrew Charities täglich und stündlich abspielen, sind nicht zu beschreiben. Man muß es eben gesehen haben. Seit Monaten sind 2 bis 3 Polizeidiener im Dienste des Komitös, um dem Andrängen und geradezu dem Erstürmen des Bureaus seitens der Hilfsbedürftigen zu steuern. Es kommen täglich 600 bis 10OO Menschen, die Hilfe verlangen, natürlich Hilfe der verschiedensten Art. Die Beamten der United Hebrew Charities haben seit zwei Jahren verdoppelt werden müssen, so daß jetzt 2 Oberbeamte und 20 andere interne und externe Beamte vorhanden find. Das Bureau des Baron von Hirsch besteht aus einem Oberbeamten und ungefähr aus 8 bis 9 Agenten. Außerdem ist es nothwendig geworden, daß beinahe beständig mehrere Mitglieder des Eomitös ihre ganze Zeit dieser Sache widmen. Ein jeder Bittsteller wird, nachdem er Zutritt zu dem Comit6 erlangt hat, angehort und untersucht, nicht gründlich, wie es sein sollte, damit das Beste geschehe, denn der Andrang ist zu groß, die Mittel, die zur Verfügung stehen, gering. Das Bureau der United Hebrew Charities besteht aus zwei Abtheilungen: aus dem sogenannten Arbeitsbureau und dem, welches Almosen vertheilt oder sonstige Hilfe gibt. Das ArbeitSbureau kennen Sie wohl aus dem trefflichen Berichte des Vorstehers dieses Bureaus, Herr Arthur Reichow, der letztes Jahr veröffentlicht und auch nach Europa geschickt worden ist. Er ist sehr interessant zu lesen und ich möchte Ihnen anrathen, denselben näher zu studiren. Das Arbeitsbureau ist heute in einem großen Stile angelegt. Herr Reichow hat dies vor 7 Jahren in die Hand genommen, weil er immer behauptet hat, daß die Frage der Beschäftigung dieser Leute die brennendste sein wird. Er hat mit allen Städten in Amerika, überall, wo Fabriken sind, wo eine Industrie betrieben wird , Verbindungen angeknüpft, um die möglichste Verkeilung der Emigranten herbeizuführen. Es laufen täglich 40 bis 50 Anfragen von Arbeitsgebern ein. Die Nachfrage ist besonders nach Handwerkern oder Familien mit jungen Mädchen von etwa 16 Jahren. Solche Familien zu finden, und wenn sie gefunden sind, sie zu überreden, die Stadt zu verlassen und nach den Gegenden zu gehen, von denen die Nachfragen erfolgt sind, bietet Schwierigkeit. Sind aber geeignete Familien zu dieser Uederstedlung bereit, so schicken wir einen Agenten mit ihnen nach der Fabrik und installiren '»sie da Das kostet dem New-Jorker Comite eine enorme Summe. Wir müssen den Transport der Leute bestreiten, auch der Familienmitglieder, die nicht arbeiten können, die aber mitgehen müssen. Wir müssen ihnen an Ort und Stelle eine Wohnung einrichten, zahlen gewöhnlich für einen Monat die Miethe, kaufen für sie die Wohnungseinrichtung, und da sie in den ersten zwei Wochen nichts verdienen, auch die Lebensmittel für zwei bis vier Wochen. Wir berechnen, daß diese Kosten je nach der Entfernung von New-Aork sich aus 50 bis 150 Dollars belaufen. Bis jetzt haben wir das bestritten. Ich möchte noch hinzufügen, baß wir nicht eine Familie wegschicken, ohne zu einem uns bekannten Juden in dem Ort zu schicken und zu fragen, ob der Fabrikinspektor ein ehrlicher Mann ist und ob die Fabrik auch materiell sicher ist. (Bravo!) Ich habe hier einige Circulare, aus denen Sie ersehen können, wie wir zu Werke gehen. (Redner führte einige Beispiele an. um zu zeigen, wie sich die Sache praktisch gestaltet.) Es ist uns jedoch bis jetzt gelungen, die wenigsten auf diese Art unterzubringen, die meisten bleiben in New-Zork. Deßhalb hat das Arbeitsbureau wieder bestimmt, daß Gewerbebetriebe gelernt werden: das Nähen von Kleidern, Hemden, das Cigarrenmachen und dergleichen mehr. Die Lehrzeit dauert meist vier Wochen, dann verdienen die Leute etwas. Für daS Erlernen des Handwerks, wie für den Unterhalt während der Lehrzeit müssen wir zahlen. Das Lehrgeld beträgt gewöhnlich 10 bis 20 Dollars für die Person; dazu kommen die Kosten des Unterhalts. Die Meisten sind auch willens zu arbeiten und nach Ablauf der Lehrzeit fähig sich zu erhalten. Dann etabliren wir die Leute, da wir sie von der Stadt möglichst weg haben wollen, in der Nachbarschaft von New- Zork. Dort richten wir sogenannte industrielle Ansiedelungen ein, d. h. wir überreden irgend einen kleinen Arbeitgeber, seine Fabrik dorthin zn verlegen, zahlen ihm etwas dafür, miethen ihm häufig die Fabrik, damit er von unseren Schützlingen, welche hinübernehme und sie ein Handwerk lernen können. Eigentliche Handwerke im Sinne dessen, was wir Handwerk nennen, können wir die Leute nicht lernen lassen; denn das würde zu viel Zeit und zu viel Kosten beanspruchen. Ich komme zu dem zweiten Bureau. Viele der Applikanten können kein Handwerk lernen. DaS sind die schwierigsten Fälle, mit denen wir zu thun haben. Es gibt Familien, wo weder der Vater noch die Mutter, weil sie zu alt und schwach sind, etwas verdienen können, wo auch keine Kinder da sind, die zum Unterhalte beitragen können. Diese bringen wir aus die verschiedenste Art unter. Wir errichten ihnen z. B. LogiS, worin sie andere Leute, die ein Handwerk erlernen, ernähren bis zu der Zeit, wo sie sich selber ernähren können. Einer Wittwe mit 3 Kindern im Alter von 8, 6 und 3 Jahren wurde eine Unterstützung von 200 Dollars gewährt, um einen Milchladen zu errichten. Einem arbeitsunfähigen Manne mit 7 Kindern im Alter von 14—1 Jahr wurde vor der Stadt ein Laden mit Firniß- und Farbwaaren errichtet; zu diesem Zwecke wurden 50 Dollars hergegeben. Einer Frau mit 2 Kindern im Alter von 5 und 3 Jahren, der es Krankheit unmöglich macht, ordentlich zu arbeiten, wurden 100 Dollrrs zur Errichtung eines Geschäftes beigesteuert. (Redner verliest noch eine ganze Reihe anderer Fälle und stellt noch 50—60 Fälle ähnlicher Art der Versammlung zur Verfügung.) Herr Dr. Bamberger (Königsberg): Haben Eie irgendwelche Nachweise, wie weit diese Ltablirung von Ge-

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