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Der Israelit · 1891-11-09 · Heft 87 (9.11.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 87 (9.11.1891)
Date
1891-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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die Weiber schmutzig, kaum den Ausland wahrend; die Männer so elend, daß ein sich selbst respectirender Arbeiter nicht mit ihnen arbeiten, ein anständiger Arbeitgeber sie nicht aufnehmen kann. Nun, m. H., warum ist die Lage eine so traurige? Bedenken Sie, wie die Verhältnisse liegen! Die Auswanderer kommen zuerst in Europa nach tagelanger Reise an der Grenze an, von da werden sie möglichst schnell nach erfolgter Beköstigung an den Hafen befördert. Sie kommen oft ohne mehr als die Kleider am Leibe am Hafenplatze an. Gebadet wurden sie bis vor wenigen Monaten nicht, und ihr schmutziger Zustand war eine beständige Ursache der Klagen seitens der Komirös in Amerika. Denn wir konnten sie nicht präsentiren — sie waren der Spott der Leute, ein Ekel anzusehen. Daß die Leute jetzt, wie Herr Hinrichsen mittheilt, gebadet werden, hat mir große Freude gemacht. Dann kommen die Auswanderer in das Zwischendeck und treffen nach etwa 10 Tagen in Amerika ein. Viele haben Schiffskarten, manche kaufen solche mit dem letzten Rest ihrer Mittel oder suchen sich das Reisegeld auf irgend welche Weise zu verschaffen. So kommen die meisten ohne Mittel, ohne Bekannte, ohne Gewerbe, ohne Anhaltspunkt in Amerika an. Was wird nun aus den Leuten, wenn sie gelandet sind? Von der Regierung der Vereinigten Staaten angestellte Leute empfangen sie. Die, welche eigene Mittel haben, sehen bald einen Ausweg, die machen uns wenig zu schaffen. Andere haben Anknüpfungen in den verschiedenen Theilen des Landes, Verwandte, Freunde und haben theilweife auch Mittel, sich dorthin befördern zu lassen; andere haben nur einen Theil der Mittel, für solche zahlen wir den Rest und schicken sie sobald wie möglich zu Verwandten. DaS ist aber nur eine sehr geringe Zahl; die bei weitem größte Zahl bleibt in New-Iork, denn sie haben weder Mittel noch Verwandte, die sie aussuchen könnten oder wollten. Für diese beginnt nun ein Kampf mit den Behörden — denn ein solcher ist eS — daß sie ihnen den Zutritt gestatten. Das New-Iorker Komitb und sonst wohlthätige Juden leisten dort, wo es nöthig ist, Cautionen. Diese Cautionen lauten dahin, daß die Eingewanderten auf zwei Jahre dem Staate oder der Gemeinde nicht zur Last fallen werden. Jede Caution beträgt 2000 Dollars. (Fortsetzung stehe in der Beilage.) Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 4. November. In einer der jüngsten Nummern dieser Blätter wurde in einer trefflichen Abhandlung Ihres Berliner Correspondemen auf die Gefahren hingewiesen, welche in den famosen Vorschlägen wurzeln, die Herr Justizrath Makower den unglücklichen russischen Glaubensgenossen zu ertheilen für nöthig erachtet, von deren Befolgung er das Heil und die Besserung ihres zukünftigen Lebensglückes zu erwarten glaubt. — So wenig diese „Rathschläge" wohl einen fruchtbaren Boden finden werden, und — wie Ihr Herr Correspondent richtig hervorhebt — wie wenig Hoffnung, gottlob, vorhanden ist, daß unsere russischen Brüder, trotz ihres unsäglichen Elends, ihres jammervollen, heroischen Martyriums, der heiligen und großen jüdischen Sache und Aufgabe untreu werden, so verdienen doch diese „Rathschläge" als ein laut sprechendes Characteristicum für Anschauungen und Ueberzeugungen betrachtet zu werden, von denen leider ein großer Theil unserer Brüder — selbst solcher, die noch nicht gänzlich mit dem göttlichen Gesetze gebrochen haben — erfüllt ist. Es ist diese Anschauung bereits die Frucht, der früher ausgegebenen Parole, nach welcher die Ideale des JudenthumS einzig und allein in der Bethätigung von Wohtthätigteit und Humanität zu suchen set, und welche mit ängstlicher Scheu aus ihrem Bannkreise jede Aeußerung des religiösen Lebens fernhält. Es wurde bereits in früheren Jahrgängen dieser Blätter darauf hingewiesen, welche namenlose Gefahr in diesen Bestrebungen liege, wie solche eine Leugnung der ewig und über allem Wechsel der Zeiten heiligen Grundprinzipien des jüdischen Gesetzes involviren — die jüngsten Erscheinungen weisen mit drastischer Wirklichkeit daraus hin, wie berechtigt und geboten damals jene Befürchtungen gewesen. Zu verwundern bleibt — man mag über die sonstigen Vorschläge des Herrn Makower denken wie man will — daß gerade das „Lernen", das uralte jüdische „Lernen" dem Herrn Justizrath ein so schrecklicher Dorn im Auge ist. Hat denn Herr Makower keine Ahnung, daß gerade dieses „unfruchtbare Lernen" es gewesen ist, das unseren Vätern in allen Drangsalen des Goluthdruckes und der Verfolgung, in den Stunden des Unglücks und der Roth die einzige und höchste Quelle der Freude war, aus welcher sie Kraft, Muth und Begeisterung schöpften, das Schwere und Herbe ihres äußeren Lebensgeschickes freudig zu ertragen. Wir empfehlen einmal dem Herrn Makower die Lectüre einer von einem unserer größten Geffter — S. R. Hirsch — zu dem 88. Psalm gegebenen Erklärung, die da lautet: „In der Thal, am Tage hatte der Jude zu kämpfen mit der Sorge um's Brod für Weib und Kind, mit den Feinden seiner Existenz, mit dem Hohn und der Verachtung, mit den böswilligen Plackereien, die man allerorts in seinen ohnehin dornenvollen Lebensweg streute. Wie aber der Tag zur Rüste ging, rief die sinkende Sonne ihn heim zu seinen Brüdern, Büchern, seinen Bet- und Lehrhäusern, zum Verkehr mit seinem Gotte, seinen Geist- und Gesinnungsgenossen der Gegenwart, und, meist in Gemeinschaft mit ihnen, mit den großen Geistern seiner nationalen Vergangenheit, aus deren Schriften ihm Verständniß und Erkenntniß, Trost und Muth, Begeisterung und Kraft für seine gottgewiesene Lebensbahn quoll." Nein, und abermals neiu, Herr Makower, so wenig Sonne und Mond verschwinden, so lange

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