Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 87 (9.11.1891)
- Date
- 1891-11-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1630 zu befördern, al» ein unbedingt feindlicher Akt gegen den Geist des amerikanischen Gesetzes erachtet werden wird." Das hat der Finanzminister am 1. August 1891 mitgetheilt. In ders jüngsten Zeit ist eine Kommission in Europa gewesen, deren Aufgabe eS war, die Emigrationsfrage zu untersuchen. Vornehmlich wurde Rußland untersucht, weil daS die drohendste Frage für Amerika ist. Ferner hat eine Kommission de» Senats während der Ferien desselben hauptsächlich mit dieser Frage sich beschäftigt. Daß das Haupt dieser Kommission den russischen Juden, ich will nicht sagen, feind ist — denn es ist ein braver, humaner und den Juden freundlicher Mann —, daß er aber die strengste Interpretation des Gesetzes beantragt, das beweist eine Korrespondenz, die er mit dem Finanzminister gehabt hat zur Zeit, als die Emigration seitens der russischen Juden sehr bedeutend war. Er nahm darin unbedingt an, daß der Geist deS Gesetzes bedinge, daß Emigranten, die von LomitöS asststirt werden, in Amerika nicht eingelassen werden, selbst dann nicht, wenn die amerikanischen Juden sich bereit erklärten, Kaution zu leisten, daß die Einwanderer keine Last für Amerika werden würden; die Kautionsstellung sei nur für solche Fälle vorgesehen, wo etwa Zweifel vorhanden wären, ob die Leute sich würden ernähren können; für solche Falle aber, wo wirMch asststirt werden müsse, sei die Kaution nicht zulässig. WaS die öffentliche Meinung betrifft, so ist in den letzten Jahren eine entschiedene Tendenz gegen die Ausländer eingetreten. Nicht als ob nicht bei allen liberalen Männern Amerika noch immer als freies Asyl gelte. Allein die besten Kräfte, in einer Republik namentlich, haben nicht immer die meisten Stimmen; die Demagogen und die große Masse müssen berücksichtigt werden, und die sind einer solchen Einwanderung nicht günstig gestimmt. Vor allen Dingen aber haben wir auf die Arbeitervereine Rücksicht zu nehmen. ES ist natürlich, daß der plötzliche Zuwachs einer Bevölkerung wie die russischen Juden den industriellen Verhältnissen eines Landeschaden muß. Wir sind doch genöthigt, die Einwanderer in Amerika irgend ein Handwerk lernen zu lassen, denn sie müssen schnell zum Erwerb gebracht werden. Dies führt dazu, daß in den betreffenden Handwerken die Preise gedrückt und davon auch die Nachbarhandwerke in Mitleidenschaft gezogen werden. Das bezieht sich auf alle Arbeiten mit der Nähmaschine, auf das Cigarrenmachen, kurz auf alle Industrien, die schnell erlernt werden, die wir aber nothwendig im Auge haben müssen. Ferner haben wir die Opposition seitens der Juden selber zu berücksichtigen. Es ist den Juden nach langjähriger schwerer Arbeit gelungen, sich zu einer angesehenen Stellung emporzuarbeiten. Diese Stellung wird nun durch den plötzlichen Zuzug der russischen Juden sichtlich bedroht. Es ist daher ganz natürlich und nicht anders zu erwarten, daß sich die amerikanischen Juden gegen eine solche Einwanderung sträuben. Die Amerikaner sagen ja nicht: das ist ein russischer, ein deutscher, ein französischer Jude, sondern sie sagen nur: daist ein Jude. Hieraus erklärt sich auch, daß euns bisher noch nicht gelungen ist, eine lebhaftere Mithilfe aus anderen Theilen des Landes zu erlangen, wie dies hoffentlich in der nächsten Zeit der Fall sein wird. Ferner müssen wir als amerikanische Bürger bedenken, daß wir dem Gemeinwohl in Amerika auch etwas schuldig sind, und bis nicht die Prinzipien der Nationalität von denen der Humanität ersetzt sind, dürfen wir die Pstichten, die wir als amerikanische Bürger dem Gemeinwohl gegenüber haben, nicht außer Acht lassen und dürfen nichts thun, was diesem schaden könnte. (Sehr richtig!) Welche Macht die öffentliche Meinung in der Republik Amerika erlangen kann, davon haben Sie vor wenigen Iahren einen vollgiltigen Beweis erhalten. Die Chinesen, ein friedliebendes und arbeitsames Volk, sind auf die Agitation eines oder zweier Staaten aus dem Lande vertrieben worden. Es sind zwei Staaten, welche politisch nicht so schwer in die Wagschale fallen. Der Osten hat sich nicht viel um die Sache gekümmert. Wie groß die Agitation aber werden kann, wenn ein Staat wie New-York die Sache in die Hand nimmt und agitirt, davon können Sie sich, da sie nicht in einer Republik leben, keine Vorstellung machen. Sie können keinen Begriff davon haben, wie es möglich ist, eine solche Agitation ins Leben zu rufen und factisch zur Ausführung zu bringen. Aber vor allen Dingen, was haben wir bis jetzt gewonnen? Was haben wir zum Heile und — was das wichtigste ist — für die Zukunst der unglücklichen Emigranten gethan? Wenn Ihr Zweck nur der ist, diese unglücklichen Menschen los zu werden, wenn Sie in Amerika ein neues Rußland schaffen wollen, wenn Sie auf Generationen hinaus eine Armuth und Unterdrückung, eine Versumpfung und schließlich eine Verfolgung der Juden herbeiführen wollten, wie sie in Rußland nicht viel schlimmer ist, dann könnten sie sich damit begnügen, den amerikanischen Juden die Sorge für sie zu überlassen. Wenn sie aber das vermeiden wollen, müffen Sie uns in Amerika helfen, die Frage zu lösen. Wie liegen die Verhältnisse in New-York? Es befinden sich heute in der Stadt New-York nicht weniger als 150—200000 russische Juden. Das sind Zahlen, über die Sie vielleicht staunen werden und die, glaube ich, genug sprechen. Seit dem 1. October 1884 haben wir die genaueste Statistik über die Emigration, die stattgefunden hat. Im Jahre 1881/83 belief sich diese Einwanderung aus 20,000 Personen, von denen 3000 zurückgeschickt wurden. Keine Daten liegen vor über das Jahr 1883. Aber seit October 1884 betragt die jüdische Einwanderung in New-York 218,900 Mann, von denen ca. 85°/0 russische Juden sind. Wir haben im letzten Sommer einen Census vorgenommen und fanden damals, daß 175,000 rein russische Juden da waren; diese Zahl ist aber infolge unrichtiger Schatzung um 20—25 000 zu groß. Das ist indessen nur die Zahl der durch die Häfen Angekommenen. Wir erhalten außerdem in New-York Zuwandernde aus allen Städten Amerikas. Alle diese armen Menschen concentriren sich in einem Viertel, und manchen Häusern so zahlreich, daß die öffentlichen Gesundheitsbeamten häufig einschreiten müssen. In elenden Wohnhäusern leben sie 6—13 in kleinen Zimmern zusammengepfercht, ohne Luft, ohne Reinlichkeit, es ist unmöglich, daß unter solchen Verhältnissen die Moral nicht bedroht sein sollte. Als einen deutlichen Beweis dafür will ich Ihnen mittheilen, daß, während es früher der Stolz der amerikanischen Juden war, fast keine jüdischen Verbrecher in den Strafanstalten zu haben, es heute nothwendig geworden ist, daß jüdische Gemeinden auf eigene Kosten einen Rabbiner in die verschiedenen Strafanstalten schicken, um auf die Verbrecher jüdischen Glaubens einzuwirken. Ebenso kommen uns besonders seitens der Correctionsanftalten für Kinder tagtäglich Klagen zu über die Zunahme der diesen Anstalten überwiesenen russisch-jüdischen Kinder. Es ist ein Ghetto in New-York erwachsen, das seines Gleichen in der Welt vergebens sucht, ein zweites pale of settleraent ist herangewachsen, das sich täglich ausdehnt. Die Menschen drängen sich hier zusammen, aus Noth, aus Unwissenheit, aus Mangel an erfolgreicher Leitung seitens derer, die sie leiten sollen und müffen. Und wie leben diese Menschen? Zum Erbarmen wirklich! Kaum genug zu essen, elend gekleidet; die Kinder, wie ich sie im vergangenen Sommer zu Dutzenden auf den Straßen gesehen habe, nur ein Hemd am Leibe;