Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 87 (9.11.1891)
- Date
- 1891-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXU. Jahrgang. M 87. Israelit... Zeschumn. Irltstzüst rilr FörderW M. Geistes twD Md. Kebess ko Mos. Gmeiode ood KWe. Kentrat-Hrgan für das orthodoxe IudenLHum. Begründet von Dr. Lehma«« in Mainz. I®*1 Fernsprechanschluß unter Nr. 315 nach Darmstadt, Frankfurt (Main), Bockenheim, Hanau, Wiesbaden, “«H Offenbach (Main), Heidelberg und Mannheim. Montag, den 9. November 5652 (1891). Leitender Artikel. Z>ie I>ekegirten-Mer sammlung zur Berathung der Hilfsaction für die Russischen Juden. (Fortsetzung aus voriger Nummer.) Herr Dr. Rülf (Memel) entwickelt zunächst in längerer Ausführung, daß die russische Regierung seines Erachtens nicht so weitgehende Absichten gegen ihre jüdischen Unterthanen habe, wie von Anderen angenommen werde. Immerhin kämen auch nach seiner Schätzung etwa l1/2 Millionen Köpfe in Betracht, die zur Auswanderung veranlaßt seien. Das Memeler Comitö habe bisher 8473 Personen befördert (seit 1. November 1890); etwa 6000 Personen seien — größtentheils auf Weisung des deutschen Centralcomitös — von Memel aus repatriirt worden. Herr Schiff (Frankfurt a. M.) verliest zur Widerlegung der Ansichten des Herrn Vorredners einige Stellen aus einem ihm aus Petersburg zugekommenen Schreiben. Hierauf folgt der Bericht der New - Yorker Delegirten. HerrDr. G old mann(New-York): Ich will versuchen, Ihnen ein Bild der Verhältnisse zu entwerfen, wie sie in Amerika bestehen. Wir glauben, der Schwerpunkt der russischen Judenfrage liegt in Amerika und nicht in Europa. Brasilien, Argentinien, Palästina, Syrien mögen Sache der Zukunft sein, werden aber die thatsachliche augenblickliche Noth nicht erleichtern. Weiter möchte ich sagen, daß die Amerikaner nicht nur bereit sind, sondern die Gelegenheit suchen, zur Losung dieser Frage beizutragen; sie sind bereit, ihre volle Pflicht zu thun und Opfer zu bringen. Allein der Antheil, den Sie uns zuweisen, muß gerecht sein und seine Ausführung innerhalb der Möglichkeit liegen. Wenn wir diese beiden Gesichtspunkte nicht im Auge behalten, so glaube ich, daß sehr traurige Verhältniffe in Amerika eintreten werden, besonders für die russischen Juden. Zwei Dinge sind zu berücksichtigen: erstens die Gesetze der Vereinigten Staaten und ihre Auslegung seitens der Regierung und ferner die öffentliche Meinung. , Die Gesetze der Vereinigten Staaten über die Emigratron werden wohl den meisten Herren bekannt sein. Es ist wesentlich das Gesetz vom März 1891 das in Betracht kommt. Dieses Gesetz war uns natürlich ein großer Schrecken. Es war das Resultat einer Agitation, die schon seit 1—2 Jahren stattgefunden hat, vorläufig nicht gegen die russischen Juden gerichtet, sondern ausgehend von einer nativistischen Tendenz, die sich in den letzten Jahren in Amerika wieder geltend gemacht hat, theilweise auch von den Arbeitervereinen, die, da sie sich jetzt in Amerika festgesetzt haben und ein gutes Leben führen, gern geneigt sind, Andere, die in Amerika ihr Heil suchen, auszuschließen. Wir fanden nun, daß uns Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, um unsere Schützlinge in Amerika einzuführen. Es wurde deßhalb ein Brief seitens der Herren Simon Wolf und Lewis Abraham an den Fknanzminister gerichtet, der denselben bat, er möge die Auslegung des Gesetzes möglichst milde machen und möge die Versicherung nehmen, daß die Juden der Vereinigten Staaten alles aufbieten werden, daß die Neueingewanderten nicht irgendwie dem Staate oder der Gemeinde zur Last fallen; und die Herren setzten auseinander, welche Mittel ihnen zu Gebote stehen, um das zu verhüten. Darauf hat der Finanzminister eine Antwort geschrieben, die nach meiner Ansicht sehr bezeichnend und von unserm Standpunkt nicht günstig ist. Ich will daraus zwei PaffuS verlesen: „Unzweifelhaft wäre ein großer und plötzlicher Zustrom von expatriirten und armen Ausländern irgend einer Rasse ein großes Unglück für jedes Land; nnd die amerikanischen Juden handeln sowohl patriotisch wie auch human, wenn sie den jüdischen Flüchtlingen rathen, nicht hierher zu kommen, aber andererseits mögen sie sich Mühe geben, wenn sie einmal da sind, sie erwerbsfähig zu machen. Unzweifelhaft ist die Erhaltung einer großen Anzahl von abhängigen Personen eine Steuer für das ganze Land, selbst wenn sie aus Privatmitteln gezahlt wird; und ebenso klar ist es, daß die industriellen Verhältniffe sehr ernstlich bedroht werden durch die plötzliche Ankunft und die nothwendig eintretende Konkurrenz einer großen Anzahl bedürftiger Menschen. Deßhalb ist es absolut nothwendig und wichtig, daß die Summe der erwarteten Flüchtlinge nicht zu groß und gefahrbringend werde und so wenig wie möglich mit den normalen Verhältnissen des Landes in Konflikt komme. Die Versicherung, welche Sie geben, daß diese Leute der Gemeinde und dem Staate nicht zufallen werden, ist vielversprechend; allein von dem Erfolg Ihrer Gesellschaft, das, was Sie Vorschlägen, ausführen zu können, hängt das zukünftige Verhalten der Regierung ab." Darin liegt der Kernpunkt, meine Herren! „Ich verlasse mich auf Ihre Versicherung, daß Sie energische Mittel ergreifen werden, um Ihren Brüdern in Europa diese Sachlage klar zu machen. Ich theile Ihnen ferner mit, daß ein weiterer Versuch seitens Ihrer Brüder in Europa, die Emigration nach diesem Lande