Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-11-05 · Heft 86 (5.11.1891) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 86 (5.11.1891)
Date
1891-11-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448201--33051-2480925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1612 Herr Dr. Frank (Köln) erbittet sich von dem geschäftsführenden Ausschüsse einige Aufklärungen. „In verschiedenen Zuschriften von Hannover und Cassel und anderen westdeutschen Städten ist mir darüber geklagt worden, daß eine große Anzahl von denjenigen, welche auswandern können, von dem geschäftssührenden Ausschüsse abgewiesen worden sind. Ich nehme an, daß die Abweisungen ans gutem Grunde erfolgt sind, würde es aber als im Interesse unserer ganzen Sache liegend erachten, wenn darüber Aufklärung gegeben würde, aus welchen leitenden Motiven die Abweisungen erfolgt sind". Herr Rechts-Anwalt Breslauer: Darauf kann ich Folgendes antworten: Eine Kategorie der Beschwerdeführer besteht aus denjenigen Leuten, die nach dem Westen gehen und sich als Abgewiesene geriren, während sie in Wirklichkeit gar nicht abgewiesen worden sind. Eine zweite Kategorie derer, die bei uns eintreffen, erscheint nicht mit Empfehlungen unseres Comitös. Alle diejenigen, welche mit solchen sich bei uns vorstellen, werden ausnahmslos nach Hamburg zur Sichtung befördert. Manche von diesen Empfohlenen reisen dann vermutlich ins Land, weil sie wissen, daß sie doch in Hamburg nicht befördert werden. Diese Leute trifft man heute in Kassel, morgen in Hannover, übermorgen in Frankfurt a. M., wo sie betteln. Herr L. M. Cantor (Amsterdam) hält es nicht zweckmäßig, die Leute nach New-Dork zu schicken. „Wir schlagen Ihnen vielmehr vor, die Auswanderer dorthin zu senden, wo sie Verwandte und Freunde haben. Wir in Amsterdam haben deßhalb diese Leute mit Schiffskarten dahin versehen, wo sie einen Bruder oder Verwandten oder Freund vorfinden." Herr Dr. Auerbach (Cöln): Ich habe in dem Berichte des Herrn Schriftführers alle Beziehung zu dem Comite in Belgien und Holland vermißt, und doch ist die Zahl derer, die diese Route fahren, nicht gering. Es haben sich hier große Uebelstände ergeben. Es ' handelt sich nicht um Landstreicher, sondern um mehrere Hundert Leute, denen vom Central-Comit^ diese Route zugebilligt worden sind. Die Leute trafen bei uns ein und es fehlten die Mittel sie zu befördern. Herr Rechtsanwalt Breslauer (Berlin): Von unserm Comit^ und mit Wissen und Willen des deutschen Central- Comitäs wird seit langer Zeit schon Niemand mehr nach Holland befördert. Nun hat allerdings das eine oder andere unserer Comit^s trotzdem dorthin befördert. So schickt z. B. das Comite in Hannover nach Cöln, Cöln nach Aachen, Aachen nach Antwerpen, Brüssel und Paris. Das sind Dinge, die ohne unser Wissen und ohne unser Zuthun geschehen sind. Wir haben darauf allen diesen Comitös unsere Grundsätze mitgetheilt, und in Folge dessen befördern unsere Comit^s jetzt nicht mehr nach Holland. Herr Hinrichsen (Hamburg): Es giebt keinen Platz, der in dieser ganzen Bewegung schärfer in Anspruch genommen wird, als Hamburg, das allerdings in der Schifffahrt, in den Wirthseinnahmen u. s. w. auch seinen Vortheil davon hat. Dort sammeln sich die Leute von allen Seiten. Wir haben täglich auf 4 Bahnhöfen 10 Züge mit einer größeren oder geringeren Zahl von Auswanderern. Wir haben es für unsere Pflicht gehalten, dafür zu sorgen, daß die Leute doch äußerlich etwas besser erscheinen. Seit dem 1. Juli sind ca. 3000 Personen gebadet und gleichzeitig ihre Kleidungsstücke desinficirt worden. Dann haben wir seit dem 1. Juli 3000 Kinder, 2000 Frauen und 1000 Männer bekleidet. Ferner haben wir die Beköstigung der Leute in die Hand Kenommen. Wir haben eine koschere Küche, eine Art Volksküche, eingerichtet und darin verarbreicht: im Juli 14 128 Portionen — die Zahlen erscheinen größer, weil einzelne Leute lange bleiben, im Durchschnitt bleiben sie 8 Tage —, im August 23579, im September 13682 und bei Abnahme infolge der Feiertage im Oetober 5676 Portionen. Das heißt, wir haben in 105 Tagen 57 065 Portionen koschere Speisen in eigens dazu eingerichteten Küchen verabreicht (Beifall). Auf die verschiedenen Tage fällt eine verschiedene Anzahl. Im August war am 4. der Monats die höchste Portionenzahl 1360; im September waren es im Durchschnitt täglich 810, im October 835 Portionen. Im Gesammtdurchschnitt wurden während der genannten 4 Monate täglich 533 Portionen verabreicht. Da wir gar keine Centralstelle haben, so sind die Leute auf ein Gebiet von 1 Stunde Ausdehnung und auf eine Reihe von Gasthöfen mit verschiedener Aufnahmefähigkeit vertheilt. Um die Leute einigermaßen unter unsere Controle zu bekommen, haben wir ein Assistentencolleglmn, das aus 34 jungen Leuten besteht, ernannt und ein bestimmtes Quartier jedem dieser Ouartierherren zugewiesen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspoudenzerr. Deutschland. Ans Hessen. Dr. Böckel wurde in Lindenfels (Odenwald), wo er eine Antisemitenversammlung abhielt, verhaftet und von 2 Gcnsdarmen nach Bensheim escortirt. Berlin. Um sich einen Begriff davon zu machen, zu welch frivolen Mitteln der Antisemitismus greift, um für seine Zwecke Propaganda zu machen, geben wir nachstehend nach der „Gelsenkirchener Ztg." einen Auszug aus der Rede, welche der famose Rektor Ahlwardt, der Empfänger der 2000 Mark aus dem Manchs-Prozeß, in Gelsenkirchen dieser Tage gehalten hat. Diese Ungeheuerlichkeiten des ehrenwerthen Mannes verdienen es wohl, niedriger gehängt zu werden. Es heißt da: „Run kommt Redner auf die Attentate Hödel-Nobiling zu sprechen. Die Enthüllungen waren höchst sensationell und uns vollständig neu. Da dieselben, soweit wir wissen, anderweitig noch nicht bekannt gegeben sind, bringen wir sie nur den Thatsachen nach, ohne irgend welche Namen zn nennen, obwohl Ahlwardt dieselben unverhohlen in der Versammlung zum Besten gab. Nach Ahlwardt soll an den Attentaten die Sozialdemokratie unschuldig sein, die Thatsachen seien folgende: Im Jahre 1877—78 sei ein gewisser Bentler, Redacteur des Berliner sozialdemokratischen Organs, wegen Preßvergehens ins Gefängniß gekommen; er sei hochgradig schwindsüchtig gewesen und deßhalb einer Krankenanstalt übergeben worden. Dort habe er dem dirigirenden Arzte (Jude) über seinen Zustand ein Attest eingereicht, uni entlassen zn werden, wie er das nach dem Gesetze beanspruchen konnte: der Arzt habe aber das Schriftstück nicht abgegeben und später erklärt, cs sei „verkramt" oder zwischen Papieren liegen geblieben. Nach sechs Wochen sei Bentler gestorben und unter gewaltiger Theilnahme seiner Parteigenossen bestattet. Während des Leichenznges sei ein Verwandter des Arztes, X. unter der Menge hernmgehuscht, und habe gesagt: „Wieder ein Ermordeter, das hört nicht eher auf, als bis „Jemand" auf dem Straßcnpflaster liegt." Auch Hödel habe an dem Leichenzuge thcilgenommen, derselbe fei bewogen worden, am folgenden Tage sich der „deutschsozialen" — antisemitischen — Partei anzuschließen. Nach dem verunglückten Attentat habe man, da man die Antisemiten nicht habe fassen können, Hödel den Sozialdemokraten zugeschoben. Darauf sei der Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.