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Der Israelit · 1891-11-05 · Heft 86 (5.11.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 86 (5.11.1891)
Date
1891-11-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXH. Jahrgang. Er«, BeilageJYs 86 to „Israelit & Ieschurrui" Leitender Artikel. Die Aekegirten-Wersammlung zur Berathung der Hilfsaction für die Russischen Juden. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) In der Diskussion über diesen Bericht bemerkt Herr M. W. Hinrichsen (Hamburg), daß von der Ermächtigung des Herrn Baron von Hirsch, wöchentlich 30V Leute nach Argentinien senden zu können, nicht in vollem Umfange Gebrauch gemacht wurde. „Ich halte es für eine zwingende Ausgabe, nicht eine besiimmte Zahl nach Argentinien zu schicken, sondern nur solche Leute, die als Pioniere sür die Gründung dienen können. „Ich möchte sogar Herrn Baron von Hirsch und seine Beauftragten bitten, in der Richtung, in der sie bisher gewirkt haben, nochZschärfer zu verfahren und erst noch Vorstudien zu machen, ehe man wöchentlich 300 Leute dahin schickt." Herr S. Singer (Magdeburg) giebt die Gründe an, warum sein Comitö keine Gelder nach Berlin abgeliefert habe. Von den 32 Gemeinden der Provinz Sachsen sei nur von der Hälfte etwas zu erwarten, auch lieferten einige Städte ihre Beiträge nicht nach Magdeburg; viele hielten auch deßhalb ihre Sammlungen zurück, weil sie von Durchreisenden in Anspruch genommen würden. Der Vorsitzende bemerkt hierauf, die Gelder seien doch unzweifelhaft nicht für Durchreisende gesammelt, sondern für solche, welche auswandern. Die Durchreisenden hätten doch mit dem Hilfswerke garnichts zu thun. Herr Dr. Goldmann (New-Hork) fragt Herrn Hinrichsen, wieviel Auswanderer tatsächlich nach Argentinien gekommen seien. Herr M. W. Hinrichsen (Hamburg): Ich bin leider nicht in der Lage, genau die Ziffern zu geben. Die Zahl der Leute, die zuerst befördert wurden, betrug 120 Erwachsene, 32 sogenannte Halbe, 26 sogenannte Viertel, also 150 ganze Personen, nach Köpfen gerechnet 178. Mit anderen Schissen befördert, wurden zwischen 150 und 250 Personen. Dann trat auf Veranlassung des Herrn Baron von Hirsch eine Unterbrechung ein. Den Bericht über die Thätigkeit des Beförderungscomites erstattet darauf Herr Rechtsanwalt Breslauer (Berlin). „Wir schieden von der Beförderung alle diejenigen an unserer Grenze Eintreffenden aus, die nicht Russen waren. Oesterreichische, deutsche, rumänische Juden, von denen sich eine ganze Anzahl in Rußland aushält und die bei uns zugleich mit den russischen Glaubensgenossen eintrafen, wurden von unserer Fürsorge ausgeschlossen. Rur russische Juden wurden befördert. Aber auch unter den russischen Juden bedurfte es einer sorgfältigen Auswahl. Nicht alle, die bei uns eintreffen, eignen sich für die Auswanderung. Wir haben uns nach all den Erfahrungen, die unser hiesiges und die auswärtigen Comitbs gemacht haben, dafür entschieden, daß wir in der Regel nur kräftige, dem Handwerker- und Bauernstände angehorigen Männer, Erd- und Handarbeiter, befördern. Haben aber solche Auswanderer eine große Familie bei sich, dann war, wenn der Vater allein der Ernährer der Familie ist, wohl zu überlegen, ob es rathsam erschien, dieselben zu befördern. Bei einer geringen Anzahl Familienmitglieder lag an sich kein Bedenken vor. Wenn aber ein Auswanderer sechs, sieben, ja, wie es bei den russischen Juden nicht selten vorkommt, zehn Kinder mit sich führt, so kann er im Auslande, insbesondere in der wichtigsten Zeit der ersten Einrichtung im fremden Lande, niemals ordentlich für dieselben sorgen; er und seine Familie würde sehr bald der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen. Deßhalb haben wir uns entschließen müssen, Familienväter mit mehr als 6 Kindern zu ihrem eigenen Heile von der weiteren Beförderung auSzuschließen. Wir haben uns ferner entschließen müssen, alte Leute, die allein sich auf den Weg gemacht haben, zurückzuweisen. Bei Kranken verstand sich das von selbst. Und die Alten waren eS gerade, die von vornherein in hellen Haufen aus Polen zu uns kamen und weiter befördert sein wollten. Ferner war zu prüfen, ob Familienhäupter, die ihre Familie in Rußland zurückgelassen hatten, befördert werden sollten. Nach dieser Richtung hin haben wir uns entschlossen, dieselben nur dann zu befördern, wenn die Ehefrau mit der Auswanderung einverstanden gewesen. Andererseits haben wir angeordnet, daß Frauen, die allein reisen oder Kinder nur dann befördert werden dürfen, wenn sie glaubhaft nachzuweisen im Stande sind, daß ihre Männer oder Eltern sie zu sich in's Ausland berufen haben. Es wird ausschließlich befördert nach Nord- und Südamerika. Ausgeschieden sind als EinwanderunKsziel Frankreich, England, Holland und Belgien, wie überhaupt die Länder des Europäischen Kontinents. Die nach Nordamerika Beförderten wurden nicht alle nach New-Aork geschickt, sondern das Hamburger ComitS hat uns nicht weniger als 38 und das Königsberger nicht weniger als 19 Orte aufgegeben, in welchen sie die Auswanderer vertheilt haben. Hamburg hat befördert von Ultimo Mai an 6159 Personen, die von unseren Grenzcomitös gesandt worden waren. Dazu kommen noch 9831 Personen, die auf eigene Kosten reisten oder durch Andere befördert wordeil waren. Königsberg hat befördert 3364 Personen. Dazu kommen noch die von Stettin Beförderten, deren Ziffer nicht genau hat festgestellt werden können, weil sie nicht jedesmal in Sonderschiffen befördert worden sind. Bis heute waren es etwa 9000 Personen. Rechnet man hierzu etwa 400, die nach Argentinien gingen, so sind im Ganzen bisher von uns befördert worden ca. 30000 Personen, von denen 10000 vollständig verpflegt und mit Reisemitteln versehen worden sind, während die übrigen theils durch Verpflegung, theils durch einen Zuschuß zu den Neisemitteln unterstützt worden sind. Repatriirt wird, wer ungeeignet zur Auswanderung ist. Es geschieht dies in folgender Weise: Der zur Repatriirung Bestimmte wird auf sicherem Wege über die Grenze geführt, und erhält, hier angelangt, eine Unterstützung; oder es wird, wenn er in seine Heimath zurückgekehrt ist und sich dort eine Wohnung gemiethet hat, auf ein hierüber ertheiltes Attest seines Heimaths-Rabbiners die ihm vorher zugesagte Unterstützung nach seinem Heimathsorte gesendet. Auf diese Weise ist es geglückt, durch freundliches Zureden eine große Anzahl von Personen, die zur Auswanderung ungeeignet waren, zur Heimkehr zu bewegen. An der Ostpreußischen Grenze sind allein ca. 1500 Personen repatriirt. Auch Hamburg und Myslowitz mußten sich mit der Repatriirung befassen. Kurz, eine große Zahl zur Auswanderung ungeeigneter Personen, ist wieder in die Heimath zurückgekehrt, und hierdurch vor dem sicheren Elende bewahrt worden, das ihrer im Auslande wartete.

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