Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 86 (5.11.1891)
- Date
- 1891-11-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1609 Habbatcn Kewi. H i st o r i s ch e Erzählung VrnvL Schwarz (Fortsetzung.) Aus aller Herren Länder waren Tausende und abermals Tausende herbeigeströmt, um den Messias zu sehen und ihm zu huldigen; ein wahrer Taumel bemächtigte sich der Juden auf dem weiten Erdenrunde; nur in Polen hatte eine nüchterne Anschauung der Verhältnisse Platz gegriffen; die großen Rabbinen dieses Landes hatten mit tiefer Trauer und Wehmuth von dem sündigen Treiben des vermeintlichen Messias vernommen und eingcsehen, daß dies ein großes Unglück für das gesammte Judenthum sei. Oft ließen sie ihre warnenden Stimmen hören, um das bet hörte Volk von seinem Wahn zu heilen. Und so hatte sich Rabbi Nehemia Kohn entschlossen, die weite Reise nach Konstantinopel zu unternehmen, um es zu versuchen, Sabbatai Zewi selbst die Augen zu öffnen und ihn von seinem frevelhaften Treiben abzubringen. Er hatte eine längere Unterredung mit ihm, während welcher er mit aller Offenheit und Energie nachwies, daß Sabbatai ein falscher Messias sei; allein seine überzeugnngsvolle Beredsamkeit nützte nichts; in tiefster Wehmuth schied er von ihm, fest entschlossen, alles zn thun, um weiteres Unglück von seinen wahnbethörten Glaubensgenossen fernzuhalten. Es gelang ihm, bei dem Großvezir Mohammed Kuprili, einem der bedeutendsten Staatsmänner jener Zeit, Audienz zu erlangen, und rückhaltlos cröffncte er diesem die Gefahren, die dem türkischen Reiche sowohl, als dem jüdischen Volke von Sabbatai's Plänen drohte. Der Großvezir blickte ihn forschend an. „Wie kann ich Dir Glauben schenken, der Du Dein eigen Volk verräthst?" „Ich habe mit Nichten mein Volk verrathen," cntgcgnctc Nehemia ruhig, ohne sein Auge vor dem forschenden Blicke Kuprili's niederznschlagen, „die hochvcrrätherischen Pläne eines Ehrgeizigen habe ich Dir verrathen, der gewissenlos das leichtbcthörte Volk dem Verderben zuführcn könnte." Muhammed Kuprili blickte sinnend vor sich nieder. „Und Du behauptest, daß unter den Augen des Schloßhauptmanncs alle diese Verschwörungspläne angezettelt werden? — daß Tausende und Abertausende zu dem Gefangenen freien Zutritt haben? — es ist undenkbar." „Und dennoch ist es so. — Der Schloßhauptmann, der von Jedem, der Einlaß begehrt, ein hohes Eintrittsgeld erhebt, muß sich bereits ein riesiges Vermögen erworben haben — es liegt in seinem Interesse, nicht nur ein Auge, sondern alle beide zuzudrücken. — Sende einen zuverlässigen Beamten nach Abydas und Du wirst alle meine Angaben bestätigt erhalten." „Ich werde Deine Angaben prüfen — Du aber bleibst indessen in Gewahrsam. — Denn, wenn Du cs gewagt haben solltest, einen hochgestellten Beamten zu verleumden, um einen Dir unliebsamen Glaubensgenossen zu vernichten —" „Ich bürge Dir mit meinem Kopfe für die Wahrheit eines jeden Wortes, das ich zu Dir gesprochen — ergebe mich jedoch der Hoffnung, daß Du die Angelegenheit sofort untersuchen wirst, damit ich nicht zu lange hier zurückgehalten werde." „Sorge nicht, wenn cs sich verhält, wie Du behauptest, so bist Du noch in dieser Woche frei und darfst auf die wohlverdiente Belohnung rechnen, wenn Du das Reich vor der ihm drohenden Gefahr bewahrt hast." „Ich begehre keinen Lohn für das, was ich als Pflicht betrachte. — Sobald Du jedoch erkannt haben wirst, daß Dein Diener Dich nicht belogen, daß vielmehr jedes meiner Worte sich bestätigt — und Du hienach der Ansicht wärest, daß der Staat mir eine Belohnung schulde — o, so wende diese Belohnung jenen unglücklichen Berhörtcn zu, indem Du sie ihre Leichtgläubigkeit nicht büßen lassest. Bestrafe den Schuldigen nach Gebühr, doch den Schuldlosen gewähre rückhaltlose Verzeihung." „Ich verspreche Dir, im Falle sich Deine Angaben bestätigen, Dein Ersuchen dem Sultan vorzutragen und dasselbe zu befürworten." „Dann bin ich der Gewährung sicher", erwiederte Nehemia. Der Großvezir rief einen Diener und befahl ihm, den Polen, zu dem er bereits volles Vertrauen gefaßt hatte, in ein Zimmer seines eigenen Hauses zu führen und für dessen Bedürfnisse zu sorgen. „Ich verlasse mich auf Dein Wort, daß Du das Haus nicht ohne meine ausdrückliche Erlaubniß vor! äffest." Nehemia Kohu verneigte sich tief, dann folgte er dem voranschreitenden Diener, während der Großvezrr sich ungesäumt zu seinem Herrn begab, die Angaben Nehemia's demselben mitzutheilen. Muhammed IV. war als fünfjähriger Knabe aus den Thron seines Vaters Ibrahim I. gelangt, der während eines Aufstandes von Janitscharen erdrosselt worden war. Während seiner Minderjäh-