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Der Israelit · 1891-11-05 · Heft 86 (5.11.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 86 (5.11.1891)
Date
1891-11-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1608 fürsten die Russen etwas gegen ihre Sicherheit unternehmen werden, da diese den strengen Auftrag haben, sich vollständig ruhig zu verhalten und nur dann erst einzuschreiten, wenn der Großvezier sic dazu auffordern wird. Auch, daß man den Emir während seines Aufenthaltes in St. Petersburg gegen seine jüdischen Unterthanen einnehmen könnte, ist nicht zu befürchten, da die bokharische Regierung erst kürzlich dem russischen General- Gouverneur von Turkestau erklärt hatte, sie denke durchaus nicht daran, die Rechte ihrer jüdischen Unterthanen irgendwie zu schmälern, da dieselben für die Industrie und den Handel ihres Landes fast unentbehrlich seien. Denn abgesehen davon, daß die Juden Bokharas die einzigen Seidenfabrikanten des Landes sind uub daher den Bauern für ihre Eocons jährlich hunderttausende von Rubeln zu lösen geben, haben sie fast auch noch zwei Drittel des Exporthandels in ihren Händen, wodurch sie die größten Contribuenten zu den Zolleinnahmen des Khanats sind. Der Bokhariote ist zwar ein tüchtiger Bauer und Gärtner, aber von der Industrie und dem Handel versteht er gar nichts und muß er dabei den Juden als Gehilfen haben. Der „Israelit" hat jüngsthin gemeldet, daß in Kopenhagen ein dort ansässiger russischer Jude, Lieferant russischer Kriegsschiffe ist. Dazu bemerke, daß in der persischen Hafenstadt Asterabad am Kaspisee, wo Rußland, kraft früherer Verträge mit Persien, eine Flottenstalion unterhält, gleichfalls Juden Lieferanten der russischen Kriegsschiffe sind. Türkei. Konftantinopel, 29. Oct. Der „Agence de Constantinople" zufolge erklärte der Großvezier, das Verbot der Einwanderung von Juden in das türkische Gebiet sei ausschließlich durch die Ansammlung einer großen Zahl eingewanderteu Juden hervorgerufen. Der ärmliche Zustand der Einwanderer habe augenblicklich die heiklen Gesundheitsverhältniffe Konstantinopels bedroht. Das Verbot sei ausschließlich aus hygienischen Rücksichten veranlaßt und habe mit der Religion oder Nationalität nichts zu schaffen. > Vermischtes. All die Mittheilung, daß eine nach Hannover berufene Konferenz der verschiedenen antisemitischen Richtungen abbestellt ist, weil bei der scharfen Polemik zwischen den einzelnen führenden Persönlichkeiten weitere Einigungsverhandlungen als aussichtslos angesehen werden, knüpft die „Norddeutsche Allg. Ztg." die Bemerkung, daß der „antisemitischen Bewegung eine tiefere politische Bedeutung nicht beizumessen ist." Der Kieler Privatdozent Dr. R. v. Hippel läßt sich in seiner neuesten Schrift „Die Thierguälerei in der Strafgesetzgebung" über die jüdische Schlachtinethode aus und kommt zu der Auffassung, daß in derselben eine erhöhte Grausamkeit gegenüber der heute üblichen Schlacharten nicht zu erblicken sei. Neckar-Steinachs 23. October. Am Sabbat- Tschuwa starb der langjährige erste Vorstand unserer Gemeinde, Herr Maier Simon Oppenheimer. Seiner unermüdlichen Thätigkeit und Opferfähigkeit verdankt die Gemeinde, daß die vor zwei Jahren erbaute Synagoge als schuldenfreies Eigenthum der israel. Gemeinde eingeweiht werden konnte. Der Verstorbene, dessen Wohlthätigkeit allgemein bekannt, stand in hohem Ansehen bei der ganzen Gemeinde. Hechingen. Die hiesige israel. Gemeinde feierte vorgestern die dreißigjährige Wirksamkeit ihres Gemeindevorstehers, der Fabrikanten AdolfBaruch sen. in recht ehrender Weise. Dem Jubilar wurde ein silberner Pokal überreicht und Oberamtmann Longard brachte ihm Namens des König!. Oberamts und der König!. Regierung Glückwünsche dar und betonte bei dieser Gelegenheit, besonders die Verdienste des Gefeierten als Industrieller und humaner Arbeitgeber. In würdiger Weise hat ein Herr Cerf Levy in Paris für eine bleibende Erinnerung an den 100jährigen Gedenktag der^Emanzipation eine Anregung gegeben. Derselbe schlägt die Begründung einer Hilfskasse vor, deren Mittel von der französischen Judenheit aufzubringen seien, an der Benefizien aber Jeder, ohne Unterschied der Religion, des Alters und des Geschlechts, sollte thcilnchmcn dürfen. Hoffentlich findet der edle Vorschlag Verwirklichung. Ueneüig. Zu einer sehr bedauerlichen Ausschreitung kam es am 11. October am Vorabend des jüdischen Versöhnungstages in einer im alten Ghetto gelegenen Synagoge. Als sich die Gläubigen gegen 5 Uhr Nachmittags zum Gebete versammelt hatten, traten plötzlich fünf junge Leute, von denen sich drei gleichfalls zur mosaischen Religion bekannten, unter lautem Lärmen und Johlen in den Tempel und versuchten den Vorbeter von dem Betpultc zu verdrängen. Als sie von den Tempeldienern zur Ruhe verwiesen wurden, stürzten sie sich mit Knütteln, die sie bisher verborgen gehalten hatten, auf einzelne Gemeindemitglieder und schickten sich an, den Vorhang vor dem Allerheiligsten in Stücke zu reißen und die Thorarollen zu besudeln. Es entstand nun zwischen den Tempelschändern und den in ihrer Andacht gestörten Israeliten eilt Handgemenge, das schließlich in eine große Prügelei ausartete. Der Uebermacht zeigten sich die jungen Leute nicht gewachsen und ergriffen die Flucht. In ihrer Verwirrung konnten sie jedoch den Ausgang nicht finden und geriethen in das kleine Betzimmer des sogenannten „Lehrhauses", das dicht am Tempel gelegen ist. Sie suchten die Thür von innen zu verriegeln, diese wurde jedoch gestürmt, und es entspann sich in dem engen Raume ein wilder Kampf. Die drei Missethüter, die der jüdischen Religion angehörten, wurden wegen ihrer Tempelschäuduug so übel zugerichtet, daß sie sich kaum noch von der Stelle rühren konnten. Die ganze Polizei des Nachbarviertels mußte aufgeboten werden, um die Ordnung wieder hcrzustellen. Von einem Polizeihauptmann kommandirt, besetzten gegen 50 Polizisten den Tempel, und nahmen die fünf Uebelrhäter fest. Die Bösewichter gehören den sogenannten „besten" Familien der Stadt an. (Graudenzer Gesellige.)

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