Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 86 (5.11.1891)
- Date
- 1891-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1605 gewarnt; wir haben mit schwerem Herzen, aber mit starker Hand, namentlich in Memel und an der österreichischen Grenze alle nicht vollkommen geeigneten Elemente repatriirt. Wir haben aber die Leute getröstet und ihnen gesagt, daß, wenn wir erst in der Lage wären, ihnen jenseits deS OceanS eine wirkliche neue Heimath zu schaffen, wir ihnen beistehen würden, daß es aber einstweilen für sie beffer wäre, in Ruß» land zu hungern, als jenseits des Oceans zu verhungern.^ Glücklicherweise konnte sich inzwischen eine Wandlung zum Befferen nach verschiedenen Richtungen hin vollziehen Herr Baron von Hirsch hat Argentinien für unS geöffnet. Dank seiner Ermächtigung sind wir in der erfreulichen Lage, wöchentlich 300 Auswanderer dorthin zu befördern. Die Auswahl derselben erfolgt theils in Hamburg für die österreichisch-oberschlesischeu, theils in Königsberg für die ostpreußischen Provenienzen unter unserer vorherigen Genehmigung. Die Auswanderer erhalten für unsere Rechnung Schiffskarten bis nach Buenos Ayres und werden daselbst von dem Vertreter des Herrn Baron von Hirsch in Empfang genommen und untergebracht. Sodann hat sich in New-Zork, mit welchem wir in andauernder Korrespondenz und Fühlung waren, ein National- Comitö, behufs Empfangnahme der Auswanderer und Vertheilung derselben im Lande, konstituirt. Wenn wir auch nur solche Emigranten nach Nordamerika dirigirt hatten, von denen anzunehmen war, daß sie dort weiter existiren könnten, gestützt auf unS nachgewiesenen verwandtschaftlichen Anhalt oder vermöge ihrer Befähigung als Ackerbauer und Handwerker, so durften wir uns doch seither nicht verhehlen, daß damit allein noch nichts erreicht und irgend welche Beruhigung über das Schicksal und Fortkommen jener Unglücklichen noch nicht gewährleistet war. Die Nachrichten, welche uns aus zuverlässigster Quelle insbesondere hinsichtlich der Stellung der Brasilianischen Regierung Vorgelegen haben, waren derartig befriedigend, daß wir, von dem begreiflichen Wunsch geleitet, so rasch als möglich eine gesicherte Heimstätte zu schaffen, uns entschlossen haben, einen Vertrauensmann nach Rio Janeiro zu entsenden, um die Verhältniffe und die Frage der Ansiedlung an Ort und Stelle zu studiren. Unsere Wahl fiel aus Herrn Oswald Boxer, einen durchaus geeigneten Mann, von makellosem Rufe, praktischem Wissen, administrativer Befähigung, zäher Energie und mit einem warmen Herzen für das LooS jener Flüchtlinge. Das hiesige auswärtige Amt hatte Herrn Boxer mit den wärmsten Empfehlungen versehen; und es gereicht mir zur besonderen Genugthuung, bei Erwähnung dieses Umstandes dankend hervorzuheben, in welch' liebenswürdiger Weise unsere Ministerien und Behörden dem Central-Comitb vollstes Entgegenkommen bei jedem Anlaß bewiesen haben. Die Beziehungen, welche wir mit den internationalen Vereinigungen sowie mit den inländischen Comitös unterhalten, sind freundschaftlich. Ich registrire mit Genugthuung, daß die Pariser Alliance Universelle 250,000 Francs, das Ruffo-Jewish Comitö in London 5000 Pfund der Kaffe des deutschen Centralcomitös zugeführt und weitere Beiträge in Aussicht gestellt haben. Leider müssen wir die englischen Delegirten, die Herren Landau und Franklin aus London in unserer Mitte vermissen; sie haben, nachdem sie zugesagt hatten, im letzten Augenblick abtelegraphirt. Mit der Wiener Alliance, welche auf unsere Veranlassung an der österreichischrussischen Grenze Sichtungs-Comitös nach diesseitigen Grundsätzen eingerichtet hatte, trafen wir ein Abkommen, wonach wir für die österreichischen Provenienzen 25°/0 von dem Betrage der Schiffskarten aus uns nehmen. Dieses Abkommen wurde in letzter Zeit dahin erweitert, daß wir auch 60°/0 der Eisenbahnbilletkosten von der österreichischen Grenze bis zum Hafenplatz tragen. Die Comitö's im Lande haben unS die bei ihnen eingegangenen Mittel zum größeren oder größten Theile zur Verfügung gestellt. So hat uns Frankfurt a. M. von den durch seine Vermittlung gesammelten Geldern vorerst 220000 M. überwiesen. Rur Köln und Magdeburg sind überhaupt im Rückstände. Aber auch hier hoffen wir auf Verständigung. Nachdem die Comitö's in Ostpreußen und Oberschlesien sowie diejenigen in Stettin und Hamburg jdie daseibst gesammelten Gelder fast insgesammt aufgebraucht hatten — in Hamburg-Altona allein waren es 200,000 M. —, hat der geschäftsführende Ausschuß alle erforderlichen Mittel dem HilfScomitö zur Verfügung gestellt und nach Hamburg, Königsberg, Memel, Stettin, Myslowitz ic. ca. 890,000 M. überwiesen. Nach Rußland haben wir seither Geld nicht gesandt. Die vorige Versammlung hatte zu dem letzten Punkte der Tagesordnung vom 9. Juni. «Was kann in Rußland selbst für die Juden geschehen?" beschlossen, die Initiative hierfür dem geschäftsjührenden Ausschuß des Deutschen Central- Comitö's zu uberlassen. Dasselbe hat die einschlägigen^Fragen einer eingehenden Prüfung unterzogen. Wir anerkennen die von berufenen Seiten geltend gemachte Behauptung, daß durch Selbsthilfe eine Verbesserung der Lage der Juden in Rußland herbeizusühren wäre. Makower hatte sich in einem jüngst von ihm veröffentlichten Aussatz hierüber ausgesprochen. So zutteffend seine Worte auch im Allgemeinen und so beherzigenswerth im Einzelnen die Vorschläge sind, die hieran geknüpft werden — so scheint es doch, als wenn ein solcher Läuterungsprozeß, der zur Durchführung Jahrzehnte erfordert, den Wechsel von Generationen überdauern würde, lim Augenblicke nicht begonnen werden kann, am allerwenigsten aber das Elend beseitigt, das einmal vorhanden ist und daS wir berufen sind zu lindern, soweit es unsere Kräfte eS gestatten.*) Auch haben wir unS nicht entschließen können, der russischen Presse oder-sonstigen ähnlichen Zwecken Geld zu opfern. Ganz abgesehen davon, daß hierzu in erster Linie unsere reichen Glaubeusbrüder in Rußland berufen gewesen wären, diese aber der ganzen Bewegung apathisch und, wenn man nicht zu ihrer Ehre annehmen müßte, daß sie sich ohnmächtig wähnen energielos gegenüberstehen, ganz abgesehen hiervon, wäre auch der Erfolg solcher Ausgaben vollständig zweifelhaft. Wir haben nicht geglaubt, daS Recht zu haben, mit uns anvertrautem Gut derartige Versuche anzustellen. Als hauptsächliches Motiv für unsere Unthätigkeit in Rußland müssen wir aber die uns von Herrn Baron von Hirsch gewordenen Mittheilungen bezeichnen, nach denen eine Umstimmung in den Gesinnungen der leitenden Persönlichkeiten in Rußland ausgeschlossen erscheint. Ein neuer UkaS, der die seilherigen Bestimmungen verschärft, liegt dem Czaren zur Unterschrift vor. Im Allgemeinen ist man außerhalb der direkt an dem Hilfswerk betheiligten Kreise im Unklaren über daS, was vorgeht und über daS, was geschehen ist. Seitdem daS Berlin-Charlottenburger Comitö als solches feine Thätigkeit eingestellt hat, sind wir oft gefragt worden: Kommen denn überhaupt noch jüdische Auswanderer aus Rußland? Und andererseits wieder: Warum geschieht denn nichts? Und: Wohin mit diesen Unglücklichen? Dem gegenüber möchte ich Folgendes aussprechen: Während die Eröffnung neuer Heimstätten für die Vertriebenen Gegenstand unseres unausgesetzten Sinnens und Trachtens gewesen ist — fanden wir ein erhebende- Bewußtsein gerade darin, daß es uns, ohne den Weg der Oeffentlichkeit zu beschreiten oder die Oeffentlichkeit zu interessiren, gelungen ist, in stiller und geräuschloser Weise unsere Arbeiten weiter zu führen. (Fortsetzung siehe in der ersten Beilage.) *) Man vergleiche hierzu unseren Leitartikel: „Line neue Art Gemiluth Chesed" in voriger Nummer. Red. d. «Israelit u. Jeschurun."