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Der Israelit · 1891-11-05 · Heft 86 (5.11.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 86 (5.11.1891)
Date
1891-11-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1604 sationspläne udgl. auch die aurwLrtigen ComitöS vertreten sind, gern zustimme». Diese Mitwirkung bei jeder Kleinigkeit, das Veto gegen jede Handlung halte ich für unmöglich. Die Anschauung der EomitSs, daß das gesammelte Geld ihnen gehört, ist meines Dafürhaltens eine arundfalsche. Hier ist ei« Toncert gewesen, eS ist die größte Neclame dafür gemacht worden, und was ist geschehen? Ist das Geld an uns abgeführt worden? Nein, sondern der Herr, der da» Eoncert veranstaltete, hat das eingegangene Geld nach seinem Gutdünken vertheilt. AehnlicheS ist bei einzelnen TomitöS vorgekommen. Die Mitwirkung auswärtiger LomiteS bei einer bestimmten Kategorie von Fragen müßten wir freudig begrüßen, weil sie uns entlasten würde von der großen Verantwortung, die wir tragen. Schon jetzt haben wir den verschiedenen Comitös unsere Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben, ihren Delegirten alle unsere Akten zu unterbreiten. Wir haben eine Controle nicht zu fürchten, aber wir können nicht, um 10,000 Mark zu erhallen, Rechenschaft geben von jeden 10,000 Mark, die wir auigeben. Anders natürlich liegt die Sache, wenn der Geber Spenden für einen bestimmten Zweck bestimmt. Dann ist es selbstverständlich, daß sie nur hierzu verwendet werden dürfen. Dagegen sind Gelder, welche ohne besondere Zweckbestimmung gegeben werden, nicht für den Einzelnen oder ein einzelne» Lomitö bestimmt, sondern für die Gesammtheit und den Gesammtzweck, und deßhalb glauben wir, daß die Gelder, die für russische Juden gesammelt sind, dem Central- Cowitö zu überweisen sind, und daß dieses nicht nöthig hat, bei de» einzelnen Tomjtör zu betteln. »Lin anderer höchst bedauerlicher Punkt ist der, daß auch i» unsere WohlthatigkeitSbewegung künstlich der Kampf jstvischen Liberalismus und Orthodoxie hineingetragen ist. Ich rede nicht davon, daß man auf die Beobachtung der Speisegesetze das größte Gewicht gelegt habe. Darüber Haben wir kein Wort verloren; eS ist eine Sache, die begreiflich ist. Rach dieser Richtung hin ist von Hamburg au» da» Menschenmöglichste geschehen, um jedem GewissenSscrupel der Auswanderer vorzubeugen. Aber wichtiger ist eine prinzipielle Frage. Was ist die Agitation für Palästina andere» als ein Ausfluß der Orthodoxie? Ist denn diese Agitation etwa der Annahme entsprungen, Palästina sei dar gesegnetste Land für die Auswanderer? Keineswegs, sondern lediglich der durch alle Gebiete sich hinziehenden Sehnsucht «ach dem gelobten Lande. Alle Erfahrungen, die dort gemacht worden, sind so schlimm als möglich. Am letzten Jom-Kis,pur ist an den Gemeindevorstand von maßgebenden Persönlichkeiten die Aufforderung herangelreten, für die dort angesiedelten Juden, die sich in der bittersten Noth befinden, von der Kanzel herab Geld zu sammeln. — Und dem gegenüber: Nur Zion und Palästina ist das Heil! Wir haben allen Grund, gewissenhaft zu prüfen, wohin wir die Auswanderung zu leiten haben, unbeirrt von irgend welche« Träumereien oder Zukunft-Phantasien.* *) Zum Schluß theilt Herr Justizrath Meyer mit, daß da» Berhältniß zu den verschiedenen Comites in der letzten Zeit ein viel freundlicheres geworden sei; nicht daß die prinzipiellen Standpunkte sich geändert hätten; aber in der praktischen Handhabung sei das Berhältniß milder geworden, vor allen Dingen durch persönliche Rücksprache. Nach Bildung des Bureaus gibt Herr Kommerzienrath Goldberger (Berlin) einen allgemeinen Bericht über die Wirksamkeit de» geschäftsführenden Ausschusses. „Um die drohende Massenauswanderung russischer Juden in geordnete Wege zu ihrem Heile zu leiten, verständigten wir «ns in erster Linie mit dem Berlin-CharlottenburgerLokalcomitL und veranlaßten daffelbe, seine Aktion einzustellen. *) Der Herr Referent mag in gewisser Beziehung ganz Rrcht haben, denn: dwtd u*n rr» ro’ff rw ‘i nm. Red. d. „JSr. u. Jesch." Die Nachricht von der umfangreichen Hilfeleistung, welche dasselbe in allerdings dankenswerther Weife darbot, hatte sich mit Blitzesschnelle in die entlegensten Orte Rußlands verbreitet. Es wuchs der Auswanderungsstrom in einem so erheblichen Maße, daß die Gefahr drohte, er könne sich inS Unbegrenzte ausdehnen und hierdurch Folgen von unübersehbarer Tragweite zeitigen. Wir mußten den Schwerpunkt unserer Thätigkeit in die Errichtung von Comitss an die Grenzübergangspunkten legen, behufs Sichtung und Beförderung nach genau vereinbarten Vorschriften. Die Zahl der Emigranten, welche den Bahnhof Charlottenburg im Laufe derMetzten drei Monate passirt haben — vom 4. Juli bis 2. October — beträgt 85,035 Personen. Ich bemerke, daß eS sich hierbei nicht ausschließlich um solche Auswanderer handelt, welche durch unsere Grenzcomitss gesichtet sind, sondern auch um solche, welche für eigene Rechnung reisen. Im Geiste des Liebeswerkes und deßwegen bereitwilligst den Wünschen folgend, welche in der Berliner und Charlottenburger Bevölkerung laut wurden, gewähren wir durch unser Kommissariat auf dem Bahnhof Charlottenburg sämmtlichen Emigranten, den gesichteten und ungesichteten, Beköstigung und ärztlichen Beistand, zumal alle, gleichviel welcher Gattung sie angehören, doch nur über geringe Mittel verfügen. ES sind im Ganzen ungefähr 10,000 Personen, welche wir während der Dauer unserer Thätigkeit mit vollen Reisemitteln bis zu den amerikanischen Endzielen versehen haben; die übrigen bestritten, Reise und Ueberfahrt auS Eigenem. Da, wo es unbedingt erforderlich war, haben wir Zuschüsse geleistet; aber nur in seltenen Fallen war eS uns möglich, bestimmenden Einfluß auf das Endziel solcher Reisenden auSzuüben. Schien es auch eine kurze Weile, es würde sich infolge der Errichtung unserer Grenzcomites die Emigration verringern, so wuchs dieselbe plötzlich mit erneuter Macht, als sich die Kunde von der Erschließung Argentiniens durch Herrn Baron von Hirsch in Rußland verbreitete und damit die weitgehendsten Hoffnungen in unseren unglücklichen Glaubensgenossen geweckt wurden. An der oberschlestschen und insbesondere an der ostpreußischen Grenze sstauten sich Tausende und Tausende, die ihre letzten Habseligkeiten veräußert hatten, um außerrussisches Gebiet zu erreichen und nunmehr dort der erlösenden Weiterbeförderung harrten. In Argentinien aber war nach den Mittheilungen des Baron von Hirsch noch nicht Alles so weit vorbereitet, um die Emigranten aufzunehmen und ihnen eine auskömmliche Zukunft zu sichern. Auf der andern Seite gelangten an uns Nachrichten unserer New-Yorker Freunde, welche auf die traurigen und möglicherweise sich verschärfenden Folgen einer zügellosen Einwanderung nach Nordamerika hingewiesen; denn auch dort war es noch nicht möglich gewesen, Vorkehrungen zu treffen, um den Ansturm zu bewältigen und denselben in die richtigen Wege zu leiten. Zu alledem die Befürchtung, daß unsere finanziellen Mittel versiegen könnten! So mußten wir uns denn, nachdem die Anregung hierfür im Jntereffe des Hilfswerkes von Baron von Hirsch gegeben war, und nach gleichzeitiger Verständigung mit unseren Freunden in Paris, Wien, Hamburg und Königsberg dazu entschließen, der gebieterischen Nothwendigkeit folgend, unsere Grenzcomites mit verschärften Maßregeln bezüglich der Sichtung zu versehen und die Parole „Repatriirung der Emigranten" überall da auszugeben, wo nicht unbedingt zwingende und nachweisbare Gründe für das Verlaffen der Heimath Vorlagen. Wir haben zu jener Zeit durch Anschreiben an die Rabbiner in Rußland, durch Publikationen in den russisch jüdischen Zeitungen und in jeder sonst möglicher Weise — spater unterstützt durch einen Aufruf des Herrn Baron von Hirsch — vor der überhasteten Auswanderung

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