Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 86 (5.11.1891)
- Date
- 1891-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Xim Jahrgaug. M 86« Israelit... Jeschariui. Mstzüst W Mmrz W. GeW «ri> D. Ktbkir in Ws. Smkisdr M Zchile Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehman« in Mainz. IMT Fernsprechanschluff unter Nr. 315 nach Darmstadt, Frankfurt (Main), Bockenheim, Hanau, Wiesbaden, Offenbach (Main), Heidelberg und Mannheim. Donnerstag, de« 5. November 5652 (1891). Leitender Artikel. Die Ielegirlen-Dersammlung zur Berathung der Hilfsaction für die Russischen Inden.*) Berlin, 20. Oktober. Justizrath Meyer (Berlin) bemerkt in seiner Ansprache an die Versammlung: „Seit der ersten Delegirten-Versammlung ist für die armen russischen Verfolgten außerordentlich viel geschehen, wenn wir die Gesammtsumme dessen nehmen, was sowohl Einzelne als Vereinigungen geleistet haben. ES ist wahrhaft erhebend, daß die im jüdischen Character liegende werkthätrge Liebe in gar keiner Weise Abbruch gelitten hat, daß sie heute in ganz gleichem Maße und in ganz gleicher Kraft sich äußert, wie dievor Jahrhunderten der Fall gewesen ist. „Die Schwierigkeit der Aufgabe, welche die einzelnen Comit^s zu bewältigen hatten, lag nicht sowohl in der Beförderung jener armen Verwiesenen, als vielmehr in der Ablehnung der Beförderung. Es war eine Nothwendigkeit, wenn man nicht das ganze Liebeswerk in Frage stellen wollte, nur solche Personen zu befördern, welche körperlich geeignet waren, von denen man überzeugt sein konnte, daß sie die Fähigkeit haben, auch außerhalb desjenigen Erdreichs, wo sie Wurzel geschlagen, sich eine neue Zukunft zu schaffen. Es mag tief betrübend gewesen sein für jene Männer, welche sich der Ausgabe der Beförderung gewidmet hatten, gerade die Elenden und Unglücklichen zurücksenden zu müssen, welche die Brücke hinter sich abgebrochen hatten, die da hofften, ein neues Heim zu finden und statt dessen in das alte Elend zurückmußten. Wenn wir mit einzelnen Comics zeitweilig in Differenz gekommen waren, so hatte diese Differenz gerade darin ihren Grund, daß das Herz über den Verstand den Sieg davon getragen hatte; und das ist leicht begreiflich gegenüber dem unaussprechlichen Jammer, den die Herren vor sich gesehen hatten. „Es ist außerordentlich viel geschehen, wenn Sie die Gesammtsumme der Leistungen in Betracht ziehen; es ist ganz außerordentlich wenig geschehen, wenn Sie in Betracht ziehen das, was zu leisten noch übrig bleibt. Bei jeder andern Aufgabe steht uns ein Ziel vor Augen. Wir sind bei Erfüllung unserer Aufgabe in einer überaus schwierigen Lage. *) Wir veröffentlichen hierdurch einen Auszug aus dem uns vom Deutschen Central-Comite für die russischen Juden zugegangenen stenographischen Bericht, und behalten uns eventuell eine Besprechung desselben nach vollendetem Abdruck vor. Red. Die Ziele sind ganz verschieden angegeben. Herr Baron Hirsch ist der Meinung, die russische Regierung beabsichtige sämmtliche Juden zu verjagen; darnach ist sein Plan darauf gerichtet, der russischen Regierung die nothtgen Garantieen zu geben, daß in einem Zeitraum von etwa 25 Jahren alle Juden Rußland verlassen haben werden. Andere, und selbst solche, die dem Baron Hirsch nahe stehen, meinen, es sei unmöglich, daß eine Regierung, die nicht mit Blindheit geschlagen sei, befähigte und thatkräftige Mitglieder ohne alles Weitere preisgeben sollte. Von mancher Seite wird geltend gemacht, es sei eine civilisatorische Aufgabe, daß, selbst wenn kein Zwang geübt wird, sämmtliche Juden der Welt zusammenarbeiten müssen, um die russischen Juden aus einem Druck zu befreien, der immer von Neuem sich fühlbar machen würde, auch wenn eine Ruhepause zeitweise eintrete. Dem gegenüber steht die Ansicht derjenigen, welche der Meinung sind: im Gegentheil, wir hätten allen Grund, nicht diejenigen, die in Rußland groß geworden sind, ihrem Boden zu entreißen, sondern die Ernancipation müßte von innen anfangen, es sei Aufgabe aller Glaubensgenossen, die innere Afsimilirung mit dem Volksstamme, nicht die Trennung, groß zu ziehen. Aber nicht bloß die Frage des Endziels ist eine außerordentlich schwierige, sondern von nicht minderer Bedeutung ist die Frage, ob eS angezeigt erscheint, ob es mit der ganzen weltgeschichtlichen Entwicklung in Einklang zu bringen ist, die ganze große Zahl der russischen Juden auf einen Ort zu concentriren und künstlich ein neues Judenreich zu gründen. «Der geschäftsführende Ausschuß hat es als erste Pflicht erachtet, zu prüfen: welches Land eignet sich unter den augenblicklichen Verhältnissen für die Kolonisation am besten, Informationen hierüber einzuziehen, Delegirte dorthin zu schicken, um an Ort und Stelle mit den Behörden, den Eingeborenen, den jüdischen Comitös zu verhandeln, ob das Land sich für unfern Zweck eigne." Redner vermißt die Emmüthigkeit und Einhelligkeit des Handelns bei den Comitös und bedauert den Mangel an Unterwerfung des Einzelnen unter die Gesammtheit, man könne nicht in jedem einzelnen Falle jedes einzelne Somit« anfragen: «Was meint Ihr zu diesem, was meint Ihr zu jenem?" — das lähmt jede Aktion. Es kann nicht jedes Comit« selbstständige Aktion führen. Nach seiner Meinung muß ein selbstständiges Central-Comit« die Fäden in der Hand haben. Das Central-Comit« könne auch nicht um Geld betteln; es sei niederdrückend und wirke lähmend, um jede ,10 oder 20 Tausend Mark bei den Comitös zu betteln und die Gewährung an Bedingungen geknüpft zu sehen. «ES ist richtig, daß man die großen lokalen ComitöS nicht bloß als Gammel- oder Zahlstelle ansehen kann, und wir würden einer Reorganisation des geschäftsführenden Ausschusses auch in der Weise, daß bei gewissen Fragen, wie Kolonit