Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 85 (2.11.1891)
- Date
- 1891-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1596 wird ii. a. willkommen geheißen: „wer mit uns bereit ist, gegen die durch verschiedene krasse Fälle der jüngsten Zeit offenbarte Corruption auch unter den deutschen Volksgenossen entschieden anzukämpfen." Sollte damit der Prozeß Manch« gemeint sein, bei dem Herr Rector Ahlwardt als Schlepper bei Handelsgeschäften mit Orden und Titeln enthüllt worden ist <? Der Einladung ist auch der Entwurf der Satzungen für den Provinzialverband beigefügt, wonach Mitglied nur „jeder unbescholtene Deutsche" werden kann, der auf dem Boden des Parteiprogramms stehe u. s. w. Der „Bote" meint, im Interesse des Vereins müsse das Wort „unbescholten" gestrichen werden. Endlich ist auch noch ein Fragebogen beigelegt, indem es u. a. heißt: „Welche Vereinsorganisationen antisemitischer Richtung sind Ihnen bekannt? (Auch gesellige Sports- und Bürgervereine, Skatklubs, Stammtische u. dgl.)" „Unsere Leser", sagt der „Bote", sehen, was man alles in den Dienst des Antisemitismus stellen will, sogar die Skatclubs verschont man nicht. Aus der Provinz Posen, 21. Oktober. Die Einweihung des Untere Mühlenstraße Nr. 3 neu errichteten Heims für die seit 19 Jahren in Posen bestehende israelitische Waisenmädchen-Erziehungsanstalt fand gestern Mittag im Beisein des Synagogen-Vorstandes, der Gemeinde-Repräsentanten und einiger eingeladenen Gäste statt. Ein Psalm, gesungen von den 12 Anstalts-Zöglingen, leitete die Feier ein, worauf Herr Heilbro nn im Namen des Vorstandes die Gäste willkommen hieß und Mittheilungen über die Gründung, die Leistungen und die Aufgaben der Anstalt machte. Der Redner betonte die nöthige Unterstützung aller Wohlgesinnten der Gemeinde, weil die Stiftungsmittel durch den Ankauf des Grundstücks und den Neubau erschöpft seien und es nur durch reichliche Beiträge und Spenden möglich sein werde, den vielfachen Ansprüchen um Aufnahme neuer Zöglinge zu genügen. Redner dankte auch Herrn Stadtbaurath G rüder für seine vielfache Unterstützung bei der Ausführung des Baues. Sodann hielt Herr Gemeinderabbiner Dr. Feilchenfeld die Weihrede, und Herr Rabbiner Dr. Bloch sprach den Segen für das kaiserliche Haus. Nachdem 4 Anstaltszöglinge eine Dichtung vorgetragen, dankte Herr Goldenring im Namen der Gemeinde dem Vorstande für die Mühen und Opfer, welche er gebracht hat, um den früh verwaisten Kindern ein eigenes Heim zu schaffen, und für die bis jetzt geleisteten Erziehungs-Resultate. Ein Chorgesang der Zöglinge schloß hierauf die Feier, welcher eine Besichtigung der Anstalt seitens der Gäste folgte. Die hellen, schönen Räume sind einfach, jedoch sehr praktisch ausgestattet. Die Einrichtungen sind derart hergestellt, daß jedes Kind sich schon zeitig an Selbstständigkeit, Ordnung und Sauberkeit gewöhnen muß. In gesundheitlicher Beziehung ist für die lKinder bestens gesorgt, indem große, lustige Arbeits- und Schlafsäle, reichliche Wasch- und Badeeinrichtung, sowie ein Turnzimmer vorhanden sind und ein hübsch gepflegtes, zum Theil schön schattiges Gärtchen sich an das Anstaltsgebäude anschließt. Wir wünschen dem thätigen Vorstand eine fernere, gleich günstige Entwickelung der so segensreich wirkenden Anstalt; mögen ihn gute Erziehungsresultate für seine vielen Mühen entschädigen. Hermann Wolfs, Lehrer. Pieschen. Die Mitgliederzahl der hiesigen israelitischen Gemeinde ist nach dem Endergebniß der am 1. Dezember v. I. stattgefundenen Volkszählung, gegen diejenigen der vorletzten, von 700 auf 650 Seelen zurückgegangen. Die Ursache dieser Verminderung liegt in dem massenhaften Wegzug der wohlhabenderen Familien nach größeren Städten und in der Auswanderung ganz armer Familien nach Amerika. Es macht sich diese Ealamität jedem einzelnen Gemeindemitglied um so fühlbarer, da die Gemeinde, um die etatsmäßigen nothwendigen Erfordernisse aufzubringen, genöthigt ist, 80 pCt. der Staatseinkommensteuer an Cultusabgaben aufzubringen. Um so anerkennenswerther ist es, wenn sich hochherzige Männer finden, die, obwohl schon seit Jahren fern von ihrer Geburtsstadt, derselben dennoch ein liebevolles Andenken bewahren. — So hat vor Kurzem Herr Bankdirektor SaloWarminski zu Straßburg i. E. seiner Vaterstadt Pleschen zur Erweiterung resp. Umzäumung des hiesigen Friedhofes 2100 Mark und zur Gründung einer zum Andenken an seine hier ruhenden Eltern errichteten Stiftung 1000 Mark, sowie 2 ihm eigenthümlich gehörigen Sttzstellen in der Synagoge geschenkt. Herr Warminski hat auch schon früher namhafte Beträge an hiesige Arme mehrfach vertheilen lassen und das Interesse für seine Vaterstadt vielfach bethätigt. Aus Weftphalen, 17. October. Der bekannte Rektor Ahlwardt, der in dem Prozesse Manche sich als Schlepper uud Trinkgeldnehmer erwiesen, hatte gerade jetzt vor, eine Agitattonsretse durch Westfalen zu unternehmen, um die Bevölkerung gegen die jüdischen Mitbürger aufzuwiegeln. Gestern sollte er in Dortmund sprechen, es wurde aber beschlossen, ihn nicht zu hören, bis er sich von dem auf ihm ruhenden häßlichen Verdachte gereinigt. Statt des Herrn Ahlwardt sprach Dr. König. In Herrn Dr. Danneil aus Bielefeld ist den Antisemiten ein neuer Agitator erstanden. Rußland. Petersburg, 20. Oktober. Der Gouverneur des sibirischen Travsbaikal-Gouvernements hat die Entfernung aller Juden von der chinesischen Grenze