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Der Israelit · 1891-11-02 · Heft 85 (2.11.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 85 (2.11.1891)
Date
1891-11-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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158g Das Eifern gegen die allzufrühen Ehen, welches der Herr Justizrath den Rabbinern drittens empfiehlt, käme auch etwas zu spät, da man auch von bicfeut Brauch längst zurückgekommen ist. Daß derselbe gänzlich beseitigt wäre, soll nicht behauptet werden, dagegen wird jeder billig denkende einräumen, daß eine so tief wurzelnde nationale Eigenthümlichkeit sich nicht im Handumdrehen wegdekretiren läßt. Die Gefahren für die Sittlichkeit, welche eine plötzliche Aendernng nach dieser Seite zur Folge haben müßte, würde die m ö glichen sozialen, politischen und ökonomischen Vortheile weit überwiegen. Den vierten Punkt scheint Herr Juftizrath Makower für den wundesten zu halten utib hebt ihn dcßhalb, wie einen guten Triumpf, für zuletzt auf. Eine bekannte Regel empfiehlt, auf das letzte Wort besonders zu achten und es scheint das auch hier am Platze zu sein, weßhalb die ipsa verba magistri hier folgen mögen: „Auch die ganz unfruchtbare Art des sogenannten „Lernens" muß aufgegeben werden. Ist denn wirklich jeder Mensch zum Gelehrten bestimmt, und wie viel Gelehrte, die irgend etwas der Menschheit, ja auch nur ihren Glaubensbrüdern genützt haben, sind denn von den Millionen russischen Juden in ihren Schulen bis jetzt hervorgebracht? Manche russische Juden sind durch ihre Leistungen bekannt geworden; aber diese Tüchtigen sind nicht aus dem C-Heider hervorgegangen. Mit der Cheidergelehrsamkeit können auch die Auswandernden nichts anfangen. Sobald sie das Schiff betreten, das sie in ein neues Land führen soll, werfen sie diesen unbrauchbaren Ballast von Klügeleien über Bord. Es ist aber sehr schwer, in vorgerückten Jahren bei der Begründung einer Existenz ganz von vorn anfangen zu müssen, etwas zu lernen. Die Comitö's, welche sich der Auswanderer annchmen, sind in der größten Verlegenheit, was sie mit diesen „Gelehrten," die nichts gelernt haben und nichts kennen, anfangen sollen. Für jeden Ackerbauer oder Handwerker läßt sich leichter sorgen." Herr Justizrath! Das Lernen wird nicht aufgegeben werden, wenn Sie es auch mit Gänsefüßchen ausstatten und es „sogenannt" nennen. Jeder Mensch ist nämlich in der That zum Gelehrten bestimmt, wenn auch nicht um aus seiner Gelehrsamkeit Kapital zu schlagen, so aber doch um sein Leben danach einzurichten. Die jüdischen Menschen hat man daher geradezu als ein „Volk von Studenten" bezeichnet, weil es ursprünglich keinen besonderen Lehrstand bei ihnen gab, sondern jeder Volksangehörige, Schüler oder Lehrer, oder beides zugleich war. Ein Am-Haarez, ein Unwissender zu sein, war die größte Schande. So war es einmal auch bei uns, und so ist es im Großen und Ganzen auch jetzt bei den Juden in Rußland. Wenn alle Menschen ihre Bestimmung Gelehrten zu sein, wirklich erreicht haben, wird sich die jesajanische Weissagung erfüllen, welche das höchste Ideal unserer Zukunft in die Worte kleidet: „Wenn alle Deine Söhne Gelehrte Gottes fein werden, dann ist der Friede groß in Deiner Mitte!" Wie viel Gelehrte, die russisch-jüdischen Schulen hervorgebracht haben, und was sie der Menschheit oder auch ihren Glaubensbrüdern genützt haben? Die Schulen, die Erziehung?- und Bildungsweise unserer Glaubensbrüder im russischen Reiche haben viele Tausende, haben unzählige Gelehrte erzeugt. Was sie genützt haben? Der größere Theil der russisch-jüdischen Gelehrten hat sich seine Gelehrsamkeit allerdings nicht angeeignet, um einen Nutzen daraus zu ziehen, wenigstens keinen solchen, den man ziffcrmäßig buchen und jeden Augenblick Nachweisen kann. Der Gegenstand ihrer Gelehrsamkeit, Gottes Wort und Gesetz, steht ihnen zu hoch und heilig da, um es als Gcabscheidt zu benützen, wie der jüdische Ausdruck lautet. Aber der Nutzen, den sie sich, ihren Glaubensbrüdern, ja der ganzen Menschheit damit geleistet haben, steht so außer aller Frage, daß ihn selbst Herr Makower einsehen muß. Wenn die ganze gebildete Welt ihre Aufmerksamkeit und Theilnahme dem großen Martyrium zuwendet, unter dem unsere Brüder und Schwestern im russischen Reiche leiden, so ist es in erster Linie die heroische, musterhafte, ja wunderbare Art und Weise, mit der unsere Glaubensgenossen dieses ihr hartes Geschick ertragen, welche das Staumen und die thätige Bruderliebe der gesitteten Menschheit und der gesammten Judenheit wachruft. Diese Ausdauer, diesen Muth, diesen Heroismus, den da ein ganzes Volk fast ausnahmslos bekundet, die Männer und die Frauen, die Hohen und die Niederen, dieGroßen und die Kleinen, die Gebildeten und die Ungebildeten, haben sie bewußt und unbewußt aus dem Geiste der Thora, aus dem unfruchtbaren sogenannten „Lernen" geschöpft, das Herr Justizrath Makower auf den Index setzt. Diese Feuerprobe, die gegenwärtig die russische Judenheit besteht, müßte einmal ein Volk bestehen, das keine Thora Gottes in den Geistern und Herzen, im Fleisch und Blut, im Mark und Bein trägt, ehe man einen Stein auf die Unfruchtbarkeit des sogenannten „Lernens" wirft. Dieses ganze thränenreiche Martyrium ist ein Triumph der Thora, des Lernens der Thora, ist ein so in alle Schichten der Menschheit hineinleuchtender Kiddusch Haschem, daß man sehr verblendet und geradezu abgestorben für das Judenthum sein muß, wenn man jetzt die Zeit gekommen glaubt, gegen

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