Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 85 (2.11.1891)
- Date
- 1891-11-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1588 völkerung, was Gesittung, Benehmen, Geist, Herz und Charakter betrifft, nicht nur nicht hinter der großen Masse des russischen Volkes zurücksteht» sondern in allen diesen Punkten ihr überlegen ist. Unsere Brüder und Schwestern in Rußland nun schlechter Gewohnheiten zu zeihen, weil sie sich der Sitte und dem Benehmen der Völker, unter denen sie leben, nicht nähern, ist unerhört. Sie würden mit dieser Annäherung einen sittlichen Rückschritt machen, der durch alle etwaigen sozialen Vorihetle nicht ausgewogen würde. Oder glaubt Herr Makower wirklich, das Rischuß in Rußland wird aufhören, wenn man auch z. B. Juden dem allgemeinen verbreiteten Laster der Trunkenheit erliegen sieht, statt, daß sie sich, wie dies heute der Fall ist, allenthalben durch ihre Mäßigkeit und Nüchternheit auszeichnen? Aber die Tracht! — Man sagt, daß der russische Judenhaß von Berlin importirt sei, von Berlin, wo doch Justizrath Makower und seine zahlreichen Gesinnungsgenossen sich in Tracht, Benehmen und Sitte ihrer Umgebung angeschlossen haben, und es hat ihnen doch nichts geholfen! Und die Gymnasiasten und Studenten, die Advokaten, Aerzte, die alle ohne Kaftan und Haarlocken durchs Leben gehen, sind die in Rußland denn gegen den Judenhaß mehr geschützt? Falls nun Herr Justizrath Makower, das Judescin an und für sich unter die schlechten Gewohnheiten der russischen Juden rangiren sollte, und diese wollten sich daher durch die Taufe dem Benehmen und der Sitte ihrer Umgebung nähern, wie dies ja auch vielfach vorgekommen ist, so weist mau ja alle Täuflinge zurück, und kennt erst die in dritter Generation von Getauften, Gcbornen als Vollblut-Russen an. Wir empfehlen Herrn Justizrath Makower ein Citat aus dem Buche „Rembrandt als Erzieher", das er in einer der jüngsten Nummern der Allg. Zeitung des Judcnthums übrigens selber vollständig Nachlesen kann; cs lautet: „Ein echter un d al tgläubigerIud e „hat unverkennbar etwas V or neh mes „an sich, er gehört jener uralten sittlichen und geistigen Aristokratie an, „von der so viele moderne Juden „a b g e w i ch e n s i n d; i n d i e s c r H i it f t $ t „fühlte Lord Beaconsfield halbwegs „richtig, als er sich für den ältesten „Adel der Welt erklärte." Von einem freiwilligen Absperrungssystem der russischen Juden ist uns nichts bekannt. Dagegen wissen wir, daß sie sich nicht absperren, daß sie den Handel im ganzen Reiche vermitteln, daß sie als Handwerker und Kaufleute überall thätig sind, und daß gerade ihre Geschicklichkeit, Beweglichkeit und Fähigkeit sich allen Verhältnissen zu accomodiren, den Neid rege gemacht hat, der in den gegen sie erlassenen Ausnahmegesetzen die rohe Willkür in gesetzliche Formen kleiden möchte. Wenn aber die Schmerzen des Herrn Justizrath den Schranken gelten, die unser Religtonsgesetz durch Speise und Trank, durch Sabbat, Feiertage und die Ehegesetze uns gezogen hat, dann richtet sich sein Unmuth an eine falsche Adresse, wenn er sich gegen die russischen Juden wendet. Die Bibel z. B. 3. B. M., Cap. 20, V. 26 mit vielen anderen Stellen hat dann die Priorität auf die Ungnade des Herrn Justizrath. Was nun die zweite Forderung betrifft, die russischen Juden sollten ihr selbstgeschaffenes Bildungssystem verlassen und eine fruchtbringende Geist und Körper stärkende Lehrmethode an dessen Stelle setzen, so ist nicht recht ersichtlich, was hier eigentlich gemeint ist. Wenn der Herr Justizrath Tatsächliches, wie Tracht, Sitte, Benehmen u. dgl. vorbringt, läuft schon soviel Ungereimtes, Verschwommenes und Unzutreffendes unter, wenn er aber gar nur in allgemeinen Phrasen sich ergeht, so ist es überaus schwer ihm zu folgen. Nimmt man an, es handle sich um die Erlernung der Landessprache und die gewöhnlichen Disziplinen des Volksschulunterrichts, so ist das Streben der russischen Judenheit, hier, wo sie durch die Ungunst der Zeiten nothwendig zurückgeblieben, um mit Anspannung aller Mittel das Versäumte nachznholen, so eklatant und offenbar, daß es einer Mahnung dazu von deutscher Seite nicht erst bedarf. Das Vorurtheil, als ob die Kenntniß der Landessprache und der angedeuteten Disziplinen mit der Religiosität collidire, ist in Rußland in allen Kreisen längst abgethan. Wer die russischen Juden heute zur Ablegung dieses Vorurthcils erst auffordert, kennt Land und Leute und die Dinge nicht, die er, um einen Berliner Kraft-Ausdruck zu gebrauchen, bemuttern möchte. Aber, daß auch dieser Weg nicht zur Selbsthilfe führt, sieht man eben an der schnöden Zurückweisung, derjenigen, die sich diese Lehrmethode an geeignet, alle Examina bestanden haben, und sich nicht Helsen können, weil sie Juden sind. Der Bildungstrieb ist da, aber die russische Regierung unterdrückt ihn gewaltsam, indem sie nur einen winzigen Prozentsatz von jüdischen Schülern und Hörern den Zugang zu ihren Lehranstalten gestattet. Angesichts der Schaaren von zurückgewiesenen Studenten und Bildungsbeflissenen eine fruchtbringende Lehrmethode zu empfehlen, enthält eine so bittere Ironie, daß wir sie bei Herrn Justizrath Makower nicht voraussetzen können, und daher auch diesen Rath auf das Konto der Unkenntniß über die Dinge setzen, von denen er spricht.