Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 83-84 (28.10.1891)
- Date
- 1891-10-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1577 Alles» was sie besah, zu Gelbe gemacht, um damit für sich und zwei Kinder, einen Sohn von 6 und eine Tochter von 4 Jahren, die Reise nach Amerika bezahlen zu können, wo sie mit Hilfe von dort ansässigen Verwandten ihr Fortkommen zu finden hoffte. Anfangs September schiffte sie sich Hierselbst mit ihren Kindern auf dem Dampfer „Rhynland" ein; unterwegs indessen wurde das jüngste Kind krank und starb. Die verzweifelte Mutter wollte die Leiche mit sich nach Ncw-Aork nehmen, um sie auf dem Festlande begraben zu lassen, was jedoch mit Rücksicht auf die hierüber bestehenden Vorschriften nicht geduldet werden konnte. Man nahm ihr das Kind weg und versenkte es ins Meer, und bei diesem Anblicke wurde die arme Frau mit einemmale wahnsinnig. Da die New-Z)orker Behörden dieselbe nicht drüben behalten wollten, so war der Kapitän des „Ahynland" gezwungen, die wahnsinnige Mutter, sowie deren noch lebendes Kind wieder mit nach Antwerpen pirückzunehmen, woselbst Beide gestern wieder eintrafen. Aus einem der Beiden etwas Näheres über ihren Heimathsort zu ermitteln, war unmöglich, und daher sah sich die Polizei veranlaßt, die Frau in einem hiesigen .Hospitale unterzubringen, den Knaben dagegen der Armenverwaltung zu übergeben. Die arme Mutter soll unrettbar dem bleibenden Wahnsinn verfallen sein. Was muß die Unglückliche ausgeftandeu haben, daß ein solches Schicksal sie treffen konnte! Rußland. Odessa. Die jüdische laudwirthschaftliche Farm, welche beim Chadshi beiski-Liman errichtet wurde, ist am 26. September eingeweiht worden. Die Weihe hat nach 2 Uhr stattgefunden. Derselben wohnten bei: der Herr Stadtgouverneur General-Lieutenant Selenoj, der Verwalter der Kaiserlichen Domainen Herr Somow, der Gehilfe des Stadthauptes Herr Ligin, Mitglieder der Stadtverwaltung, einige Stadtverordneten, der Präsident der Südrussischen landwirthschaftlichen Gesellschaft, Vertreter der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden, Vertreter des Aerztevereins 2C. Die Weihe wurde mit einem Gebet für den Kaiser und das Kaiserliche Haus beschlossen. Nach der Weihe wurde für die geladenen Gäste ein Frühstück servirt, wobei der .Herr Stadtgouverneur den ersten Toast auf den Kaiser und das kaiserliche Haus ausbrachte. Das Mitglied der Stadtverwaltung, Herr Chari, toastete hierauf auf das Wohl des Herrn Stadtgouverneurs. Darauf erhob der Herr Stadtgouverneur sein Glas und sagte ungefähr Folgendes: Diese landwirtschaftliche Farm ist von dcr Odesjaer jüdischen Gemeinde gegründet worden, um die jüdische Jugend zur Landwirthschaft herauzubilden; es ist dies ein sehr sympathisches Unternehmen, umsomehr, da im Laufe der Zeit die Juden sich ganz von der Landwirthschaft abgewandt haben und dadurch ein Mißverhältniß in den Beschäftigungen derselben eingetreten ist, wodurch die Sympathien der übrigen Bevölkerung sich von ihnen abwandten, und infolge dessen die Juden in der letzten Zeit auszuwandern anfingen. Es ist deßhalb sehr erfreulich zu sehen, daß die Juden selbst sich bestreben, ihre Jugend zur Landwirthschaft heranzubilden. Vertreter der jüdischen Gemeinde, thut dies auch ferner, und sucht eure Glaubensgenoffen von der Auswanderung zurückzuhaltcn; denn die Auswanderer finden in dem fremden Lande wahrlich keine Besserung ihrer Lage. Erst vor einigen Tagen habe ich von den Vertretern der Juden in Palästina ein Bittschreiben erhalten, daß ich der jüdischen Emigration Einhalt thun möchte, da sonst das Elend der Auswanderer in Palästina zu groß wird. Die Auswanderer leiden in Palästina die schrecklichste Noth. Lasse sich das Jeder gesagt sein, und überlege sich Jeder genau, was er thut, wenn er die Answanderung aus Rußland beschließt. In der Hoffnung, daß meine Worte nicht im Winde verhallen, erhebe ich mein Glas auf das Wohlergehen der gegründeten Farm und dasjenige der Anhänger des mosaischen Glaubens. — Ueber die Einweihung der jüdischen Farm wurde der Minister des Innern verständigt. Der Minister antwortete: „Danke herzlich für die Nachricht; übersende meinen Glückwunsch zur Eröffnung der landwirthschaftlichen Farm." Minister des Innern Durnowo. Rumänien. Bukarest, 9. Octobcr. Wie seinerzeit gemeldet wurde, haben die von der Regierung zur Abwchr russischer Judeneinwanderungen erlassenen Befehle den Distriktsbeamten der Moldau vielfach eine erwünschte Veranlassung zur Bedrückung und Drangsalirung der längst im Lande ansässigen Israeliten gegeben. Die Klagen über diese, zumeist auf Erpressungen hinauslaufendc Handlungsweise mehrerer Präfekten und Subpräfektcn mehrten sich schließlich in einer Weise, daß sich die Regierung zur Entsendung eines besonderen Vertrauensmannes zur Untersuchnng der namentlich aus den Distrikten Dorohoi und Botoschani einlaufenden Beschwerden der außerdem durch antisemitische Pöbelexzesse bedrohten Israeliten der Moldau genöthigt sah. Zu diesem Amte wurde aber der als eingefleischter Judenfresser bekannte Generalsekretär im Ministerium des Innern, Herr Deschlin, ausersehen, und dieser hat denn auch in seinem für die Oeffentlichkeit bestimmten Berichte die Lage in der Moldau als eine ganz gesetz- und ordnungsmäßige dargcstellt. Daß aber Deschliu trotz seiner antisemitischen Voreingenommenheit sich doch veranlaßt gesehen hat, seinem unmittelbaren Chef L. Catargiu eine weniger befriedigende Schilderung über die Amtsgebahrung der Präfekten von Dorohoi und Botoschani zu entwerfen, geht daraus hervor, daß der Präfekt von Dorohoi, Herr Miclescu, auf Grund eines ihm gegebenen Winkes telegraphisch seine Demission gegeben hat, und daß auch die Stellung des Präfekten von Botoschani trotz der ihm zur Verfügung stehenden Protektion des Finanzministers Vernescu als eine erschütterte und unhaltbare bezeichnet wird. Jassy. Der meist von Juden bewohnte Marktflecken Hertza im Districte Dorohoi wurde durch einen am Abende des israelitischen Versöhnungstages ausgebrochenen Brand gänzlich eingcäschcrt; 1400 Personen sind obdachlos, das Elend ist unbeschreiblich. Die Regierung leistete die erste Hilfe. Der Verlust von fünf Menschenleben soll zu beklagen sein.