Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-10-28 · Heft 83-84 (28.10.1891) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 83-84 (28.10.1891)
Date
1891-10-28
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448199--33015-2480887
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1578 Türket. Man schreibt der „Pol. Corr.„ aus Konstantinopel: Seit einigen Tagen herrscht in den armen Judenvierteln von Galata eine Diphteritis-Epidemie, welche zahlreiche Opfer fordert. Die Aerzte bezeichnen es nun in erster Linie als eine dringende Nothwendigkeit, die Bewohner der erwähnten Quartiere, welche in engen, schmutzigen Zimmern zusammengepfercht leben, in anderen Behausungen unterzubringen. Dies ließe sich auch*, da hierfür ein von Baron Hirsch gestifteter Fonds zur Verfügung steht, ohne große Schwierigkeiten bewerkstelligen, wenn die Munizipalität von Konstantinopel dieser Massenübersiedelung nicht große Schwierigkeiten entgegensetzte. Befremdlicher Weise weigert sich auch der Großrabbiner von Konstantinopel, der mit den weitgehendsten Vollmachten betreffs seiner Gemeinde ausgestattet ist, großes Ansehen genießt und sich der besonderen Gunst des Sultans erfreut, die Ausführung der geplanten Maßregel in wirksamer Weise zu unterstützen. Man hat nämlich dem Großrabbiner nahe gelegt, dem Großherrn die Bitte zu unterbreiten, daßer irgend einen leerstehenden Konak oder eine unbenutzte Kaserne für den erwähnten Zweck zur Verfügung stellen möge. Obgleich der Großrabbiner sogar das ihm anläßlich einer Audienz vom Sultan eingeräumte Vorrecht genießt, jederzeit ohne Formalitäten vor dem Padischay erscheinen zu dürfen, lehnte er \ es trotzdem ab, letzterem dieses Anliegen vorzutragen, k 'DaS Verhalten des Großrabbiners ruft unter seinen Glaubensgenossen lebhafte Verstimmung hervor. P a l ä st i n a. Jerusalem, 1. October. Die „Schlesische Ztg." schreibt: Von jeher hat sich die türkische Regierung allen europäischen ColonisationSplänen gegenüber entschieden ablehnend verhalten, einerseits um die volle Integrität ihres Gebietes zu wahren, andererseits um nicht neuen Stoff zum Eingreifen der Mächte zu schaffen. Es Überraschte daher allgemein, als es vor einigen Monaten hieß, die türkische Regierung sei auf Verwendung des englischen Botschafters bewogen worden, bedeutende Landstrecken in Palästina zu Ansiedelung russischer Juden an die Vertreter der interesstrten Hochfinanz käuflich zu überlaffen. Inzwischen scheint die türkische Regierung über den Umfang der jüdischen Colonisationspläne in Sorge gerathen zu sein, denn sie hat vor einigen Wochen strenge Maßregeln bezüglich der Juden in Palästina angeordnet. Nach einer zuverlässigen Meldung aus den Kreisen der deutschen Templercolonie in Palästina sollen nach einem neuen Regierungserlaß alle seit 1885 nach Palästina eingewanderten Juden ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit ausgewiesen werden, auch wenn sie inzwischen türkische Unterthanen geworden seien. Inländische Juden, die sich seit 1885 an einem anderen Orte niedergelassen haben, sollen alsbald an ihren früheren Wohnort zurückgebracht werden. Seit Anfang September werden die jüdischen Ansiedelungen in Palästina von türkischen Beamten bereist, damit diese Verordnung strenge durchgeführt wird. Eine weitere Verordnung verbietet den Beamten, irgend welchen Grundbesitz auf Juden einzuschreiben. Aus zwei kürzlich von jüdischer Seite angekausten und besiedelten Dörfern sollen alle Juden entfernt werden. Mit diesen Maßnahmen steht vermutlich die Weisung des Barons Hirsch in Zusammenhang, vorerst die russischen Juden jvon der Auswanderung nach Palästina zurückzuhalten, wo ihnen überdies in den meisten Häfen das Landen von den türkischen Behörden nicht mehr gestattet wird. > Vermischtes. < lüfoittj. Unser neuerwählter Rabbiner, Dr. Salomon Spira, hat sein Amt hier angetreten und wurde er von unseren! Vorstande und den hervorragendsten Gemeindemitgliedern mit den einem '"ikd t-nntn gebührenden Ehren eingeholt. Die Antrittsrede, der auch unser Obergespan mit mehreren Notabilitäten der Stadt angewohnt, hat den allerbesten Eindruck gemacht. Neutra. Der hiesige jüdische Holzhändler, Max Engel, hat unseren verehrten Obergespan Wilhelm v. Thuroczi, freundlichste eingeladen, bei seinem neugeborenen Söhnlein als Pathe fungiren zu wollen, was dieser auch in einem schmeichelhaften Schreiben zusagte. Er ließ sich dann bei der heiligen Ceremonie durch den Vater des Herrn Engel vertreten. Obgleich wir dem Vorgehen des Herrn Engel, einen Nichtjuden einzuladen, bei einer jüdisch-religiösen Ceremonie zu interveniren, keinen Beifall zollen können, so verdient das Benehmen unseres verehrten Obergespans jedenfalls erwähnt zu werden. Paris. Der Kaiser von Brasilien hat der öffentlichen Bibliothek von Cannes ein interessantes Werk zum Geschenke gemacht. Der Titel des Buches ist: „Pofesies Hebraico provengales du rituel israelite Comdatin. traduitew et transcrites par 8. M. Dom Petro II.“ und es enthält hebräische und provencalische Poesien, welche von dem Geiste der höchsten Frömmigkeit erfüllt sind. Ihr Werth wird durch den auf dem Titel enthaltenen Umstand erhöht, daß die Gedichte durch den kaiserlichen Schriftsteller, der ein ausgezeichneter hebräischer Gelehrter ist, übersetzt und transcribirt sind. Die Hymnen werden heute noch bei unterschiedlichen Gelegenheiten in der Provence gesungen. Sie sollen von einem gewissen Mordechai, vielleicht Mordechai Ventura, herrühren, und Dom Pedro behauptet, daß sie aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammen. Am Ende seiner Vorrede sagt Se. Majestät, daß er leider zu spät davon erfahren, daß bereits im Jahre 1874 M. Ernst Sabatier in Nimes eine Uebersetzung dieser Hymnen, aber ohne den hebräischen Text, herausgab. Des Kaisers Monographie ist in Avignon gedruckt. _ Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.