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Der Israelit · 1891-10-28 · Heft 83-84 (28.10.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 83-84 (28.10.1891)
Date
1891-10-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1568 hervorgeht, die erste seit Jahrzehnten in Deutschland wiedereröffnete Jeschtba gemeint und sollte damit nicht in Abrede gestellt werden, daß in früheren Zeiten bedeutende Hochschulen des Talmuds in Deutschland existirten. Auch heute wird .Tn in unserem Vaterlande noch viel und eifrig gelernt. Was speziell Süddeutschland betrifft, so erwähnen wir nur das tcman rva des Herrn Districts-Rabbiner Bamberg er ’•! in Würzburg, zu dessen Füßen eine Reihe auserlesener Bachurim aus den Quellen von D'pDivi Dtp schöpfen, sowie das des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz^ in Frankfurt a. M., unter dessen Leitung seit 12 Jahren stets etwa 20 Jünger sich dem eifrigsten Studium des Talmuds widmen, indeß eine Jeschiba in größerem Style haben wir erst in der durch Herrn Dr. Breuer begründeten Lehranstalt zu begrüßen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 12. Oct. Anläßlich des Versöhnungsfestes fand gestern Abend im israelitischen Fünshaus, Blüthengasse, ein feierlicher Gottesdienst statt. Der Tempel war in seinen Parterre-Räumen dicht mit männlichen Besuchern gefüllt, während die Gallerie, die sich in der Höhe des ersten Stockes um die Innen-Räume zieht, von den Damen besetzt war. Gleich zu Beginn des Gottesdienstes wurde von außen ein faustgroßer Stein gegen den Tempel geschleudert, der das Fenster zertrümmerte und auf der Gallerie niederfiel. Mit welcher Kraft der Stein geschleudert wurde, beweist der Umstand, daß die Glasscherben bis an die Galleriebrüstung flogen und einige der Damen trafen, ohne diese jedoch zu verletzen. Man räumte sofort den Platz in der Nähe des Fensters und erstattete von dem Vorfälle die Anzeige. Nun patrouillirten Sicherheitswache und Detectives vor dem Tempel, um neuerliche Steinwürfe zu verhindern und die Thäter zu eruiren. Doch konnte keine Spur derselben wahrgenommen werden. Nach beiläufig einer halben Stunde klirrte von Neuem ein Fenster und abermals flog ein großer Stein mit den Scherben des getroffenen Glases auf die Gallerie; auch diesmal wurde glücklicherweise Niemand verletzt. Trotz des neuerlichen rohen Angriffes, welcher im ganzen Tempel gehört wurde, wurde'daselbst Ruhe bewahrt. Die Wache hatte trotz ihrer Aufmerksamkeit auf der Straße nichts Verdächtiges wahrgenommen. Aus diesem Grunde wird angenommen, daß die Steingeschosse aus einem offenen Bodenfenster eines in der Nähe stehenden HauseZ gegen den Tempel geschleudert worden seien. Die diesbezüglichen polizeilichen Erhebungen haben ergeben, daß zwei schulpflichtige Knaben die That vollbracht haben. Wien, 23. October. (Dr. Blochs neueste Rede gegen die Antisemiten.) Der famose Abgeordnete Mechaniker Schneider ist die personificirte Schamlosigkeit. Gerichtet und vernichtet vom Abgeordnetenhause, hat er dennoch die Stirne, seine sittliche Entrüstung über das unmoralische Treiben der Inden im österreichischen Parlamente auszudrücken und läßt keine Gelegenheit vorübergehen, um seinen Abscheu vor moralischen Fälschungen an den Tag zu legen. Am 20. October begann im Abgeordnetenhause die Debatte über die Errichtung von Aerztekammern. Schneider ergriff das unverfälschte Wort, um die jüdischen Aerzte zu verdächtigen, berief sich auf das verrufene Gutachten Dr. Eckers, brachte mit betrübter Miene zur öffentlichen Kenntnis), daß die jüdischen Leichen im allgemeinen Krankenhause nicht secirt werden, und daß die ersten Versuche, gebärende Frauen zu narcotisiren, bloß niit Christinnen, niemals aber mit Jüdinnen gemacht wurden. Diesen antisemitischen Satan und mit ihm die ganze antisemitische Bande hat der Reichsraths-Abgeordnete Bloch in exemplarischer Weise justificirt. Seine Waffen waren Vertrautheit mit der jüdischen Geschichte und der modernen antisemitischen Literatur, die Kenntniß der Biographien antisemitischer Häuptlinge, Humor, Sarkasmus und Satyre, die Macht der Wahrheit und die Benützung von Privatbriefen des antisemitischen Hohenpriesters der Lüge und Fälschung. Seine Rede, welche mit großer Aufmerksamkeit von den Abgeordneten, besonders von den Geistlichen, angehört wurde, verfehlte nicht den tiefsten Eindruck auf das Abgeordnetenhaus zu machen. Wir halten es für überflüssig diese Rede mit den Zwischenrufen der Antisemiten und den schlagfertigen Antworten des Redners zu reprodncireu, nachdem sie in allen größeren politischen Journalen zu lesen ist. Nur datz Eine wollen wir besonders hervorheben, daß Herr Dr. Bloch unsere christlichen Mitbürger vor dem Antisemitismus, als vor ihrem schlimmsten Feinde nachdrücklich und energisch warnte, indem der Antisemitismus bereits die Heranwachsende Jugend in den Schulen verrohe und das moralische Bewußtsein der Massen corrumpire, daher den Christen mehr Schaden znfüge, als den Juden. Das kann nicht oft genug wiederholt und der christlichen Gesellschaft zum Bewußtsein gebracht werden. In Wien ist der Antisemitismus am meisten verwildert und daher wird das moralische Gefühl in der österreichischen Residenz bald gänzlich abgestumpft sein, wenn nicht dem Antisemitismus mit aller Schärfe und Strenge entgegengetreten werden wird. .Herr Dr. Bloch hat sich durch seine neueste Rede ein neues V e r d i e n st um die gute Sache erworben, war ein beredter Dolmetsch der Wahrheit und Gerechtigkeit, hat das rechte Wort zur rechten Zeit gefunden, den Antisemiten eine scharfe Lection gegeben, die nicht ohne Wirkung bleiben wird und ein neues Anrecht auf die Dankbarkeit nicht blos seiner Glaubensgenossen, sondern aller gutgesinnten und ehrlicbenden Oesterreicher sich erkämpft. Denn wer Oesterreich von den Sümpfen des Antisemitismus befreit, erweist ihm einen wichtigen Dienst und eine große Wohlthat. Auch Kolomea kann zufrieden sein, einen solchen wackern Abgeordneten nach Wien gesendet zu haben. (Neuzeit.) England. London, 27. October. Der englische Botschafter in Konstantinopel telcgraphirte Lord Salisbury, daß die Pforte ans „hygienischen Gründen" die Einwanderung aller Juden, nicht nur der russischen, verboten habe; einzelnen Individuen sei die Einwanderung gestattet.

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