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Der Israelit · 1891-10-28 · Heft 83-84 (28.10.1891) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 83-84 (28.10.1891)
Date
1891-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1563 gemacht haben. Wie kommt es, fragt Redner, daß die Herren äußerlich Antisemiten sind? Ich will es Ihnen erklären. Sie sagen einmal, die Inden sind blos Sozialisten und Gegner der radikalen Arbeiterpartei, und dann sagen sie: Die Bevölkerung ist noch nicht reif. Wenn man ihr sagt: „Geht plündern und morden!" das thut die christliche Bevölkerung nicht; sie muß geschult, sie muß erzogen werden, und an den Inden soll sie es lernen. (Gelächter aus der äußersten Linken.) Das ist so, das steht hier in dem Briefe. Es heißt hier: „Zum Sozialismus sind unsere Leute, speziell aber Ihre Leser, heute noch gar nicht reif. Verfälschungen suche ich." (Lebhafte .Heiterkeit.) Sehen Sic, das ist das Programm; Verfälschungen suchen. (Erneuerte lebhafte Heiterkeit.) In einem zweiten Briefe wird dasselbe gesagt: „Eine Aktion ist nur möglich, wenn man eine große Agitation gegen Rothschild und seine .Helfershelfer einleitet; den Pack schlägt man und den Esel meint man." (Lebhafte Heiterkeit.) Wer ist der Pack? Das sind die Inden (lebhafte .Heiterkeit), und wer ist der Esel? Das ist Ihre Partei! Dr. Blochs Ausführungen wurden bau dein Danse mit schallender Heiterkeit und lebhaftem Beifall aufgcnonlmen. Belgien. Brüssel, 20. October. An Stelle des zum Großrabbiner Frankreichs erwählten Dr. Dreh fuß wühlte die Brüsseler israelitische Gemeinde M. Bloch zum Großrabbiner Belgiens. Rußland. Die Judenhetze in Starodrrb (Gouvernement Kschernigow) ist viel ärger gewesen, als man bisher angenommen hat. Weil den Juden gestattet worden war, am Sonntag von 11—6 Uhr zu handeln, erklärte das hierüber wüthende orthodoxe Volk, es würde den jüdischen Sonntagshandel gewaltsam unterdrücken. Demgemäß wurde die Polizei durch berittene Kreisgendarmen verstärkt. Die Juden zögerten', am 11. October ihre Buden zu öffnen, da auf dem Marktplatz Haufen lärmenden Volkes, meist 15—20jährige Burschen, sich angesammelt hatten. Als dieselben der Aufforderung der Polizei, auseinanderzugehen, Folge leisteten, öffneten die Inden ihre Läden, jedoch sofort waren die lärmenden Schaaren wieder aus dem Platze, überrauntcn die Polizisten und stürmten mit wildem Geschrei die Magazine. Andere Haufen zertrünlmerten mit Steinen die Fenster der Synagoge. Plötzlich ging von Mund zu Mund die Behauptung, eine Jude habe einen vor einer Apotheke haltenden jungen Russen „erschlagen." (In Wirklichkeit hatte er ihn nur geprügelt.) Daraufhin begannen die Volkshaufen in großer Wuth die Judenhäuser zu demoliren. Man schlug die Fensterkreuze ein, stieg in die Wohnräume, warf Möbel, Wäsche und Betten auf die Straße und zerschlug alles, was den gcriugsten Werth hatte. Die jüdischen Besitzer flohen und versteckten sich. Die Polizei war vollständig machtlos. Das Gesindel erbrach am Marktplatz einen Weinkeller und Bierbuden, betrank sich und demolirte darauf das Haus, in welchem das Bankgeschäft von Atseuftadt seinen Sitz hat. Zwei orthodoxe Geistliche erschienen jetzt unter Glockeugelänte und baten entblößten Hauptes die Rasenden, aufzuhören. Ihre Bitten verhallten unbeachtet. Ein jüdischer Magazinbesitzer feuerte sechs Rcvolvcrschüffe unter die anflürmende Menge und verwundete mehrere der Angreifer. Jetzt begann der Pöbel zu rauben. Bisher hatte er nur alles zerstört. Abends um 7 Uhr lagen ganze Reihen Betrunkener in den Straßen. Plötzlich brannte eine Traktirbude. Der jüdische Besitzer selbst sollte sie in seiner Verzweiflung angesteckt haben. Das Feuer griff bei starkem Winde mit großer Schnelligkeit um sich. Das Volk ließ die Feuerwehr nicht löschen. Das Feuer erfaßte das Schlachthaus und die Wände der nahen Kathedrale rauchten bereits, als zum Glück der Wind umsprang. Zehn Häuser auf der andern Seite sanken binnen drei Stunden in Asche. Unterdessen waren Bauern aus der Umgegend massenhaft mit Wagen hierhergeeitt. Sie halfen die Jndenhäuser uuSraubeu, verluden alles werthvslle Gut und fuhren es johlend in ihre Dörfer. Bis in die tiefe Nacht hinein plünderte der trunkene Pöbel noch die Magazine der Kanflente Jacobson und Lipkin und steckte sie in Brand. Erst gegen Morgen wurde es still. Das bewegliche Eigenthum fast aller Juden ist vernichtet. Mordthaten sollen nicht vorgekommen sein. Europäische Türkei. Konftantinopel, 26. October. Die Pforte theilte gestern allen fremden Botschaften und Gesandtschaften mir, daß sie ini Interesse der öffentlichen Gesundheit allen Hafenbehörden in der Türkei die strenge Weisung habe zugehen lassen, eine Landung jüdisch-russischer Emigranten zu verhindern. > Vermischtes. < Eyütkuhnrn * im October. Außer den zur Auswanderung gezwungenen Israeliten gibt es noch eine große Anzahl freiwilliger Auswanderer ans Rußland. So trafen im Laufe des gestrigen Tages über 200 Mennonilen hier ein, welche mit den Personcnzügen Abends weiter reisten. Ein Barackenbau zur Aufnahme der israelitischen Auswanderer ist vor einigen Tagen in Angriff genommen und werden diese Arbeiten eifrigst betrieben. Zum 11. November soll der Ban vollständig fertig sein.

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