Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 83-84 (28.10.1891)
- Date
- 1891-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1561 Freiheit seines Entschlusses und seiner Handlungen begnadeten Menschen, darum war von Anbeginn an die Rettung der Menschheit vor den Folgen solchen Jrrthums und Wahns gesichert, lag von Anbeginn an die Erziehung des seiner hohen Stellung uneingedenk werdenden Menschengeschlechts in dem Plane der Weltschöpfung. Gänzlich untergehen sollte nimmer die Erkenntniß der dem Menschen zugestellten Aufgabe und wenn das Bewußtsein davon auch nur in des Einen Abrahams Brust lebendig blieb, so war damit die Menschheit gerettet. So nahmen die Väter und das von ihnen stammende Volk und das in Mitten dieses Volkes aufgerichtete Gottesheiligthum im Schöpfungsplane ihre Stelle ein, weil sie die Erziehungsmittel in der Hand Gottes sein sollten für die Menschheit, weil sie die Erkenntniß des hohen Menschenberufs zu bewachen und zu verbreiten bestimmt wareu, weil sie die endliche Wiederlangung des Eden auf Erden, das wahrhaftige Gottesreich, verbürgen, wie ja auch der n'B»a bw idjp, eben das Wiedererstehen des Gottesreichs, in dem Weisheitsplane der Gottesschöpfung von Anbeginn an vorbedacht ist.- Die Festeswochen sind zu Ende. Sie entlassen uns mit der Thora im Arme in das werktägige Leben. Alle Tage des Jahres gehören der Thora, ihr seien wir ganz geweiht in jeder Minute unseres Seins. Sie beherrscht unser Empfinden und Wollen, unser Thun und Genießen. Für ein Leben in ihrem Geiste hat uns die Festeszeit vorbereiten, belehren und begeistern wollen. Heil uns, wenn wir also den Ernst und die Freude der Feste begriffen und in uns ausgenommen haben und wir sie bethätkgen in der Zukunft, die sich uns eröffnet: .'i miro n^nn *yn »man »-wn Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Wiesbaden, am Jsruchag. Bei den vor wenigen Tagen stattgehabten Wahlen zu dem heute in's Leben getretenen Stadtverordneten-Kollegium wurde mit überwiegendster Majorität Herr Benjamin Wolf, das rührige Mitglied der alt-israelitischen Gemeinde, gewählt. Herr Wolf, der würdige Sohn seines verstorbenen weithin bekannten Vaters, des Herrn Moses Wolf „Zur Krone", war mit eines der ersten Mitglieder der damaligen Religionsgesellschaft, die sich im Laufe der Zeit zur Cultusgemeinde ausbildete. Seine aufrichtige Religiösität, die mit einem unbegrenzten Wohlthätigkeitssinn verbunden ist, gibt unseren „liberalen" Glaubensgenossen einen neuen Beweis, daß es durchaus nicht nöthig ist, um die Liebe und Hochachtung der christlichen Mitbürger zu gewinnen, die Jahrtausende alten Pflichten, Lehren und Sitten abzuschütteln. Im Gegentheil! Die Wahlen gaben schön öfters das Zeugniß, daß es für manchen Koryphäen der „aufgeklärten und fortgeschrittenen" Namenjuden viel schwerer ist, ein bürgerliches Ehrenamt zu erlangen, als einem charakterfesten, graben und offenen Jehudi. H. Berlin, 13. Oktober. Die hohen Feiertage sind vorüber — auch der „große Gerichtstag" (Dzien sadny) wie der „Jom-Kippur" in Polen benannt wird. — Ich brachte ihn zum erstenmale in Berlin zu. Einen Platz im alten oder einem der neuen Tempel war mir nicht möglich zu erlangen. Der Zufall führte mich, weil meiner Wohnung am nächsten, in den großen Handwerker-Saal, der mehr als 2000 Personen faßte. Der Saal ist in großartigem Stile gebaut und prachtvoll dekorirt. Daß aber weder die nackten Engel-Statuen noch die sonstigen Marmorfiguren und Bilder bei der provisorischen Ümtvandlung in ein Bethaus entfernt wurden, scheint mir doch mit den Grundlehren unserer Religion im Widerspruche zu stehen. Aber das wäre noch' halbwegs herunterzuschlucken — da vielleicht die Unantastbarkeit des Saales zur Bedingung gestellt sein mochte. Aber andere Dinge kamen hier vor, die doch im schmutzigsten polnischen „Betstübel" nicht Vorkommen. Am ersten Tage Rosch-Haschono wurde in den Vorhallen Bier ausgeschenkt, und ein Tisch mit Delikatessen ausgewähltester Art war hergerichtet. Es fehlte nicht viel und man hätte den „Nessanne-tokef" mit Bierseideln in der Hand gebetet. Der greise Pächter des Saales stand wie verzweifelt da, und es gelang ihm, daß der Unfug am zweiten Tage aushörte. Dafür war eine Revolte gegen den Chasen in Scene gesetzt, daß er nicht laut genug bete, so daß er herunter mußte. — Am Jom-Kippur wurden am Eingänge Blumenkränze verkauft. Der Handel war sehr lebhaft. Die Herren wurden förmlich gezwungen, am heiligen Jom-Kippur Blumen zu kaufen, und daun wurde aus der Dameugallerie damit geprunkt, gelacht und gescherzt — es war ein sehr luftiger Jom-Kippur. Doch das sind noch sehr unschuldige Vergnügen im Verhältnisse zu dem, was da unten in den Seitengängen vor sich ging. Die Tagesblätter wurden vorgelesen. Der „Ulk", die „lustigen Blätter", der „Floh" wurden herumgereicht und die Witze belacht, ja manche Burschen waren moralisch so tief gesunken, Karten unter den Bänken zu spielen IN Als besonders günstiger Moment wurde der Kniefall bei der Awoda gewählt. Die schönen Worte des frommen, greisen Predigers, der in geistreicher Weise die großen Fragen des Judenthums hier zu enträthseln suchte und voll tieffter Inbrunst an die Heiligkeit des Tages mahnte, prallten an diesen leichtsinnigen, verdorbenen Jünglingen ab. (Jsr. Wchschr.) Berlin, 22. Qctober. Die von dem deutschen Central-Comitö einberusene Versammlung auswärtiger und deutscher Notabeln zur Berathung der Hilfsaktion für die russischen Inden ergab in allen wesentlichen Punkten volle ttebereinstimmnng in allen Anschauungen über die Nothwendigkei und Mittel der Hilfsaktion. Die Versammlung beschloß die Veröffentlichung eines von