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Der Israelit · 1891-10-14 · Heft 81-82 (14.10.1891) · page 32

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 81-82 (14.10.1891)
Date
1891-10-14
Page
– (sequence 32)
Language
German
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1556 daß ich im innersten Mark erschüttert wurde. Als nun am Vorabend des Versöhnungsfestes in der Synagoge, die ich auf Veranlaffung des Präsidenten besuchte all diese Gedanken vor meinem geistigen Auge vorrüberzogen, da klang es gerade von den Lippen des Vorbeters: Wnislach lechol adas bnei jisroel etc. Mich durchzuckte es. Allen, Allen wird verziehen werden, nur mir nicht, dem Abtrünnigen, dem Mörder seiner Mutter. Die Schwüle in der Synagoge, die vielen Flammen, die eigene Fieberhitze, es flimmerte mir vor den Augen. Wie um die schrecklichen Gedanken von mir abzuschütteln wandte ich die glühend heiße Stirne nach oben, und wie ein Donnerschlag durchzuckte es mein Innerstes. Ist sie es dort nicht, deine Mutter? Wie sie sich in ihren weißen Sterbegewändern da oben über die Rampe der Gallerte beugt, die Hände nach oben gerichtet! Wie sie mich anschaut, mit ihrem marmorbleichen Todtengesichte! Gerade auf mich richtet sie ihre wehmuthsvollen Blicke. So hatte sie mich in meinen Traumbildern anaeschaut. Es war zu viel! Ich sank und verlor das Bewußtsein. Als ich erwachte, da hatte sich Gott meiner erbarmt — der Allgütige hatte mir den Vater gesandt. -„Adolf war zu Ende. Aufmerksam und von Rührung tief ergriffen war der alte Moses den Ausführungen seines Sohnes gefolgt. Auch in Marthas Augen perlte eine Thräne des Mitgefühls. * * Wenige Monde sind über die erzählten Begebenheiten dahingeflossen. Im Goldmann'schen Hause feierte man die Verlobung Adolfs mit Martha, der Pflegetochter seines Vaters. Adolf, den in Folge seiner jüngsten Erlebnisse und Aufregungen seine bisherige abhängige Carriere anwiderte, und der sich in seiner Vaterstadt als Rechtsanwalt niedergelaffen, hatte den edlen und selbstlosen Charakter Marthas kennen und würdigen gelernt. Ihr vornehmes biederes Herz, ihre innige Zuneigung zu ihrem gemeinsamen Vater, sowie ihr bescheidenes, ruhiges Wesen hatten es dem Regierungsrath angethan. Als bald darauf die Hochzeit gefeiert wurde, nahm der den Ehrenplatz ein, welcher durch seinen Kunstenthusiasmus der indirekte Urheber der ganzen Wiederversöhnung war, — der Präsident. Ein interessantes Erlebniß. Unter diesem Titel entreißt Herr Dr. Moritz Frankl in der O. W. eine stimmungsvolle Episode der Vergessenheit. Der Genannte besuchte einst in Proßnitz das Grab seiner Eltern- „Es gesellte sich zu mir" — so erzählte er — „mein christlicher Kollege und Jugendfreund Dr. K., der mich auf den Friedhof begleitete. Dort angekommen, bemerkte ich, daß Dr. K. bei einem nicht weit vom Eingänge befindlichen Grab stehen blieb und andächtig betete. Es war das Grab des wegen seines wahrhaft frommen Lebenswandels von allen Einwohnern verehrten Rabbi Hirsch Klein. Als Dr. K. sein Gebet beendet hatte, frug ich ihn, welchen besonderen Grund seine Ehrfurchtsbezeugung habe. Dr. K. erzählte mir Folgendes: Ich bin, wie Ihnen bekannt, der jüngste Sohn des Maurermeisters K. Dieser hatte einen Bruder Namens Thomas K., welchen er bei seinen Bauunternehmungen vielfach verwendete. Als im Jahre 1854 der Kirchthurm zu Proßnitz ausgebeffert wurde, ließ sich Thomas K. mittelst eines Aufzuges, in welchem er sein Werkzeug und einen Kübel mit Mörtel hatte, in die Höhe bringen, um daselbst eine Ausbefferungsarbeit vorzunehmen. Kaum war der Aufzug 10 bis 15 Meter vom Boden entfernt, bemerkte der Maurer den jüdischen Rabbi Hirsch Klein, welcher, um in die Synagoge zu kommen, dort vorüberging. Thomas K. ergriff, als er den Rabbi von der Höhe bemerkte, die Maurerkölle und schüttete zwei bis drei Ladungen Mörtel auf den Rabbi, indem er überdies demselben Beschimpfungen nachrief. Der Rabbi ging mit beschmutzten Kleidern ruhig seines Weges in die Synagoge und von dort nach verrichtetem Frühgebet zurück in seine einsame Wohnung. Am dritten Tage nach dem Geschehnisse hörte der Rabbi an der Thür seiner Wohnung ein leises Pochen; als er öffnete, übergab ihm eine Frau mit abgehärmtem Gesicht das Schreiben des katholischen Kooperators S., in welchem der Rabbi eindringlichst ersucht wurde, er wolle dem Wunsche eines Sterbenden, der ihn sehnlichst zu sprechen wünsche, Nachkommen. Der Rabbi begab sich sofort in Begleitung der Frau in ein entlegenes Haus der Vorstadt. Als er in das Zimmer trat, wo der Schwerkranke darniederlag, erhob sich derselbe und bat den Rabbi näher zu kommen. Er erfaßte die Hand des Rabbi, küßte sie und gab sich als einen Maurer zu erkennen, welcher ihn, den Rabbi, vor drei Tagen beschimpft hatte. Er setzte hinzu, daß noch an demselben Tage der Strick des Aufzuges gerissen, daß er in die Tiefe gestürzt und sich schwer verletzt habe; er bitte, der Rabbi wolle ihm seine Frevelthat verzeihen, damit er ruhig sterben könne. Der Rabbi war gerührt und legte beide Hände auf den Kopf des Kranken, indem er ihn mit lauter Stimme segnete. Kaum hatte der Rabbi seinen Segensspruch geendet, da bekam das Antlitz des Sterbenden einen friedlichen Ausdruck, er legte den Kopf zurück und verschied." Kuft. des Mers-Komonyrns inMr. 79 & 80: Z}in 1) Choreb, 2) Hitze, 3) Schwert. Unter den Einsendern von richtigen Lösungen wurde geloost und erhielt der Gewinner, Herr Jacob Fränkel im Hause des Herrn H. Bodenheimer in Darmstadt, eine Prämie aus unserem Verlage. Verantwortliche Redaction: OSear Lehmann in Mainz. — Expedition der „JSraelit" u. „Jeschurun", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.

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