Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1891)
- Date
- 1891-10-14
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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1555 itür noch wenige Stunden. Bor seinem Scheiden oersprach ihm Adolf sich für die beiden ersten Feiertage, mit Hinweis auf sein immer noch leidendes Aussehen weiter beurlauben zu lasten, um die bevorstehenden Tage im väterlichen Hause verbringen zu können. Den Alten schmerzte es, in seinem Sohn nicht ein reuiges und vollständig gebessertes Kind lieben zu dürfen, und mit Gram und Kummer sah er dem Feste entgegen, das die Schrift mit dem Ausdruck Seman Simchosenu, Freudenfest belegt hat. IV. Israel hatte sich mit seinem Gott versöhnt; reine, wahre Freude war bei ihnen eingezogen, und in luftigen Hütten schickten sie sich an das Fest ihrer Freude zu begehen. Der Regierungsrath war seinem Versprechen getreu, in die Heimath gereist. Seit 15 Jahren hatte er sie nicht besucht. Wie ihn hier alles anheimelte, ihn so warm und traulich berührte! Hier hatte sein Lebensmorgen geblüht, hier war sein Frühling in schönstem Morgenroth aufgegangen. Wie Himmelsmelodien tönte ihm der heimathliche Dialekt entgegen. Hier in der Heimath war das wahre Glück, das er in der Fremde so oft vergeblich gesucht. Der vorabendliche Gottesdienst des Festes war beendet. Durch die beiden Portale strömte die Menge den bunt ausgeschmückten Hütten zu, um dort das Freudenfest zu begehen. Auch der alte Moses und sein Sohn verließen das Gotteshaus. Schweigend legten sie den kurzen Weg zum Ahnenhause zuruck. Dort wurden sie von Martha, einer entfernten Verwandten Adolfs, die sein Vater seit seiner Wittwenschaft zur Führung des kleinen Haushalts zu sich in sein Haus genommen, begrüßt. Martha war ein braves Mädchen von einigen 20 Jahren, und stand sie auch nicht mehr im Lenz ihrer Jugend, so war sie immer doch noch als eine Schönheit zu bezeichnen. Ihr häus.icher Sinn, ihre viel bekannte Charakterstärke sowie ihre vielgepriesene Herzensgüte hatte viel dazu beigetragen, dasUu;lück des alten Verlassenen zu mildern. Das Mädchen neigte dem Pflegevater den Kopf zum Segen. Auch Adolf beugte das Haupt den Segen zu empfangen. So hatte er es vor vielen Jahren gethan, da lebte die Mutter noch. Der Alte legte beide Hände auf den Kopf Adolfs, und schickte ein heißes Bittgebet für dessen vollständige Umkehr zum Himmel, während Thränen sich seinen Augen entwandten. Adolf bemerkte es, auch er fühlte sich ergriffen. Wie einen magnetischen Strom fühlte er die Hände auf sich wirken. Wunderbar sollte der Segen auf des Sohnes Herz wirken. Der Vater nahm den Becher in die Rechte und sprach mit bewegter Stimme den Festgruß. Immer mehr und mehr erinnerten Adolf die heiligen Gebräuche an seine schönsten Jahre. Schweigend nahm man das Mahl ein, jedes war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Nach dem Tischgebet küßte Adolf seinen Vater, wünschte gute Nacht und begab sich auf sein Zimmer. Angekleidet warf er sich auf sein Bett. In seinem Innern erneuten die beiden Mächte, erbitterter als früher ihren Kampf- Adolf erhob sich, das Fenster zu öffnen. Er mutzte frische Luft schöpfen; das Herz war ihm zu voll; seine Schläfen pochten, als wollten sie zerspringen. Ein Thränenstrom löste den herben Schmerz des innern Zwiespalts in Wehmuth auf und dieser Thränenstrom gab Zeugniß von seinem kräftigen Ringen nach besserem und edlerem. Auf der einen Seite lachten dem Beamten die verlockendsten Zukunftsbilder entgegen, während auf der anderen die warnende Erinnerung ihm drohend den Finger entgegenstreckte. Der Blick Adolfs fiel auf eine schwarzumrahmte Miniaturphotographie, welche die Fensterwand zierte. Adolf kannte das Bild noch. Es stellte seine verstorbene Mutter dar, im altmodischen bauschigen Hochzeitskleids. Aus den Augen leuchtete Güte und Milde und ungetrübtes Herzensglück. Auch Adolf suchte dieses Glück, und er wußte, dag es nur auf dem Wege treuer Pflichterfüllung gefunden werden konnte. Sein Entschluß war gefaßt. Die Liebe hatte gesiegt; der Ehrgeiz, der für einen scheinbaren Namen die Wirklichkeit dahingiebt, ist geschlagen. Der „Schammes" hatte schon längst die Synagogenzeit gemeldet und schon längst hatte er zum letzten Male seine „Schule" gerufen, womit er die jüdischen Einwohner nach alter Sitte zum Gottesdienst einlud, und noch immer hatte der Regierungsrath sein Zimmer nicht verlassen. Der Vater, besorgt, es könne ihm ein Unfall zugekommen sein, eilte mit laut schlagendem Herzen die Stiege hinauf. Zaghaft drückte er leise auf die Klinge von Adolfs Zimmer und mit freudigem Erstaunen blickte er auf seinen Sohn. Als er den Vater erblickte, dessen Eintritt er in seiner Andacht nicht bemerkt hatte, eilte er auf ihn zu und umhalste ihn. „Segne mich, Vater; ich habe mich bezwungen, hier nimm deinen Sohn, du hast ihn nun wirklich und vollständig wiedergefunden. Und mit freudig bewegtem Herzen legte der Vater die Hände auf den Scheitel seines Kindes und mit bebender Stimme klang es mit thränenerstickter Stimme von seinen Lippen: „wlielschiff leiv owaus al bonim wle'i'v bonim al awansom.“ Im Goldmannschen Hause saßen drei glückliche Menschen an der Mittagstafel. Der Bann war gebrochen. Der Vater hätte gerne die Ursache des plötzlichen Unwohlseins gewußt und somit die mittelbaren Ursachen zur Wiederversöhnung kennen gelernt. Auch Martha war begierig, den Zufall näher kennen zu lernen, dem sie „den schönen Besuch" verdanken dürfe. Der Rath kam gerne der doppelten Bitte nach. „Gleich vielen", begann er, „hatte auch mich die Sucht nach Ehre und Ruhm der väterlichen Religion entfremdet. Ich wußte, daß ich durch meine Bestrebungen meinen Eltern bittre Schmerzen bereitet, aber ich fühlte mich nicht stark genug, die bereits gekosteten Früchte wegzuwerfen. Ich sank auf der Bahn der Irreligiosität immer tiefer und tiefer, je mehr der Stern meines Glücks leuchtete, und ich darf es mit gutem Gewissen sagen, dieser Stern leuchtete und wurde von frommen Seelenfängern immer mehr und mehr zum Leuchten gebracht, je mehr ich meine religiösen Anschauungen preis gab. Von jeher war ich ein willensschwacher Mensch — wenn es die Bestrebung ehrgeiziger Pläne galt — und die fortwährenden emsigen Bemühungen der frommen Paters, ihre, meinen Ehrgeiz aufstachelnden Vorspiegelungen, sie brachten mich zum Taufbecken. Aus einem Adolf Goldmann war ein Regierungsrath Dr. Adolf Mann geworden, dessen elende Treulosigkeit und dessen schändlichen Verrath man mit einem unsrer höchsten Verdienstorden belohnte. Das Taufwasser hatte an meinem Namen das Gold abgewaschen und fortgeschwemmt, dagegen die qualvollsten und peinlichsten Zweifel über mich gegossen. »Ich zog mich von den Meinen gänzlich zurück. Ich floh jede Gesellschaft, wo ich nur konnte. Mein Arbeitstisch war meine einzige Zufluchts- und Trostesstätte. Da horte ich eines Tages von dem frühzeitigen Tode meiner Mutter. Wie mit eisernem Griffel grub es sich in mein Inneres: „Du bist ihr Mörder gewesen. Deine Abtrünnigkeit von Glauben und Familie brachte sie so frühe unter den Nasen, und im Traum erschien mir die Verblichene in ihren weißen Todtengewändern und Mörder! Mörder Deiner Mutter! Härte ich es rufen,