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Der Israelit · 1891-10-14 · Heft 81-82 (14.10.1891) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 81-82 (14.10.1891)
Date
1891-10-14
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1554 ein Stück nach dem andern von dem, was der Vater ihm unter schwersten Opfern gelehrt, und das ewig zu beobachten er feierlich seinen Eltern in die Hand hineingelobt hatte, es wanderte als „veraltet" zu Grabe. Adolf wollte frei sein! Und er war es geworden, frei von allen ihn so drückenden Banden, frei eines Glaubens, für den ganze Gemeinden freiwillig ihre Seele hingegeben, frei aber auch damit — und das ohne daß er es wollte — von den Banden, die ihn an das Elternhaus ketteten. Aber wie schwer, wie bitter wurde ihm diese Freiheit! Wie unsäglich unglücklich machte sie ihn. Gerne, gerne hätte er ein neues Leben begonnen, aber umsatteln, — es schien ihm zu spät — zu schwierig. Der Vorbeter sang. O wenn er nur auch singen könnte! Durch Arbeit, durch unermüdliche Arbeit wollte er sein Gewissen betäuben. Ost war es ihm gelungen. Wenn aber Nachts im Traume seine verschiedene Mutter ihre kalte marmorblasse Todenhand nach ihm ausstreckte, ihn zur Umkehr zu ermahnen, da faßten tiefe Reuegedanken in seinem Innern Platz. Alle diese Bilder zogen in diesen wenigen Minuten an seiner Seele vorüber. Um sich von den erschütternden Gedanken, besonders von dem an seine fromme Mutter, deren Tod, wie er wußte, seine Abtrünnigkeit beschleunigt hatte, loszureitzen, warf er seine Blicke nach oben. Fast im selben Momente jedoch brach er, wie von einem Schlag getroffen, zusammen. Was war geschehen? Etwas Schreckliches mußte er da oben erblickt haben! Der Präsident, der Adolf in seinen Armen auffing, und der sich die Ursache des Unfalls nicht enträthseln konnte, beorderte sogleich einen Wagen, der ihn und den Rath in wenigen Minuten in dessen Wohnung brachte. III. Adolf hatte eine unruhige Nacht. Dr, Wolf, der schnell herbeigerufene Hausarzt, constatirte eine durch heftige Nervenerschütterung hervorgerufene Fieberkrankheit. Mit geschloffenen Augen und glühender Stirn lag der Kranke starr und unbeweglich auf seinem Lager. Der Präsident hatte bis zum Morgen am Bette des Kranken gewacht. Da wurde er abberufen. Noch immer war A. aus seiner Ohnmacht nicht erwacht. Der Arzt, der des Rathes Familie von früher her kannte, telegraphirte dem greisen Vater; die anhaltende Bewußtlosigkeit des Patienten ließe das Schlimmste befürchten. Wenn der Doctor auch wußte, daß der alte Goldmann sich seit der Abtrünnigkeit seines Sohnes von diesem losgesagt, so zweifelte er andererseits auch wieder auf keinen Fall, daß Adolfs Vater in Anbetracht der Umstände nicht einen Augenblick zaudern würde zu kommen. Stunde auf Stunde verrann. Der Rath war noch nicht erwacht. Und wieder war die Nacht hereingebrochen, da klopfte es an die Thür — Adolfs Vater! Der alte Moses stand am Schmerzensbette seines einzigen Kindes. Ein schreckliches Wiedersehen! Der Alte klagte nicht, er weinte nicht, aber in seinem Innern, da kochte und hämmerte, da tobte und pochte es — wäre er nicht der glaubensfeste Mann gewesen, er hätte es nicht überlebt. Die widerstrebensten Gefühle hatten in feinem Innern Platz gegriffen. Für den ehrgeizigen Abtrünnigen war längst seine Liebe erloschen, für den unglücklichen kranken Sohn aber, da schlug sein warmes mitfühlendes Herz. Der alte Moses blickte mit ängstlicher Miene auf die Züge seines Sohnes. Da öffneten sich halb dessen Augen und „Wasser, Waffer!,"stammelte der Krante. Man reichte es ihm. Eilends rief man nach dem Arzte, welcher die Hausleute aufgefordert hatte, ihn, sobald der Zustand des Patienten sich verändern würde, zu holen. Adolfs Vater, der seine innere Aufregung nicht bekämpfen konnte und der befürchtete, daß der Ausdruck seiner Gefühle dem Kranken nur schaden rönne, wartete in einem Vorzimmer die ärztliche Untersuchung ab. Hier verbrachte er eine bange Viertelstunde zwischen Beben und Beten. Der Arzt rief ihn in das Krankenzimmer. Aoolf lag mit offenen Augen auf dem Bette. Wie er den alten gebrochenen Mann zur Thüre Hereinwanken sah und in demselben feinen Vater erkannte, da fühlte er keine Schwäche mehr. Heftig schlang er die Arme um des Vaters Nacken, und heiße Thränen entrollten seinen Augen. „Sie haben allen Grund dem Schöpfer zu danken," meinte der menschenfreundliche Arzt, „Sie haben einen Sohn wiedergefunden, der bereits unrettbar verloren schien. Danken Sie Ihrem Gotte für dieses Glück." Adolf war es nicht entgangen, daß bei der Bemerkung des Doktors es schmerzlich im Gesichte des Vaters zuckte. Mit Recht schloß er, daß seine relig. Umwandlung es verschuldete, daß der Vater ihn noch nicht als vollständig „wiedergefunden" betrachtete. Mit feuchten Blicken bat Adolf um Verzeihung und Versöhnung. Er wollte ein anderer, ein besserer werden. Offen will er sich von heute ab zu dem von ihm verleugnten Vaterglauben bekennen, offen und frei, obwohl er weiß, daß dieses offene Geständniß und Bekenntniß, Jude zu sein, sein ganzes Ideal, nach dem er zeitlebens so heiß gestrebt, vernichten würde. Denn als Jude, als geduldeter Jude, kann er ja unmöglich eine Beförderung erhoffen. Der Vater war durch den seiner Meinung nach vollständigen inneren Umschwung seines einzigen Sohnes überglücklich. Adolf ließ sich von seiner Heimath erzählen, von seiner Mutter, die mit der Hoffnung auf die Umkehr ihres einzigen Kindes das Zeitliche gesegnet, von seinen ehemaligen Mitschülern die mit ihm vor langen, langen Jahren gelernt und gespielt. Lebhaft erkundigte er sich nach all dem, was ihn einst als Kind ergötzte und ansprach. Mit Macht zog es ihn dahin, wo seine Wiege gestanden. Er gedachte seiner Jugendträume, der Bilder seiner Kinderjahre, und der Nachhall der vergangenen glücklichen Zeilen spendete ihm Trost für die Gegenwart. Die Jugenderinnerungen bauten dem inneren Umschwung goldne Brucken. Der glückliche Vater bat seinen Sohn zu ihm ins Elternhaus zu ziehen. Aber Adolf glaubte das Anerbieten abschlagen zu müssen. „Wenn er auch wieder Jude werden will, die Ceremonialgesetze könne er ja doch auf keinen Fall beobachten und die Verletzung derselben gäben in der Heimathstadt bei seinen Bekannten und Verwandten nur Stoff zu unangenehmen Auseinandersetzungen. Seine Stellung verlange ja schon z. B. die Entweihung des Sabbat und die Weigerung am Sonnabend seinen schriftlichen Arbeiten zu genügen, gäbe seinen Vorgesetzten, die ihn als Juden schon jeder Beförderung unwürdig halten würden, hinreichenden Vorwand, ihn selbst der Position zu berauben, die er bereits bis heute nach schweren Mühen und Kämpfen, nach ehrlicher und saurer Arbeit sich errungen." „Wie!" rief der alte Mann, in seinen Hoffnungen getauscht. „Du willst kein rechter Sohn deiner Religion wieder werden. Glaube mir, mein Sohn, der Name „Jude" allein, der thut's nicht, noch lange nicht. Wir muffen auch als Juden leben, unsere Gesetze beobachten,die Vorschriften der schriftlichen und mündlichen Lehre befolgen- Wer eben die religiösen Satzungen nicht anerkennt und sich nicht bemüht sie alle zu beobachten, der kann unmöglich ein rechter Jude sein- Das wahre Judenthum verlangt die Thal! O Adolf, folge mir, kehre zurück zu dem Glauben deiner Jugend." Adolf kämpfte! In seinem Innern stritten zwei Mächte. Ehrgeiz und Liebe. Der Rath war zu schwach. Das Ringen war bald entschieden; der Ehrgeiz hatte gesiegt. Der Vater, welcher zu seinem Kummer einsatz, daß all seine weiteren Bemühungen bei Adolf vergeblich waren, blieb

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