Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1891)
- Date
- 1891-10-14
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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1553 und indem er ausrief: „Breinle, Brief von unserem Sohn", sank er von Rührung übermannt auf einen Stuhl. Lea nahm den Brief und las ihn den Eltern vor. Ihr Bruder lebte und war ein reicher und angesehener Mann in Cairo. Er wies einen Bankier in der nahen Stadt an, seinen Eltern monatlich eine hohe Summe auszuzahlen. In die Heimath durfte er noch nicht zurückkehren und deßhalb bat er die Ellern, ihn in Cairo zu besuchen. Das Reisegeld sei ebenfalls angewiesen. Nun hatte alle Noth ein Ende. Salomon erhielt sein Geld und Lea hatte nicht nothig, sich für die Eltern zu opfern. Sie erhielt eine ansehnliche Mitgift von ihrem Bruder und konnte den Mann ihres Herzens sich erwählen. Jofsel und Breinle waren überglücklich. Sie konnten nun ohne Sorgen leben. Ihre größte Sorge war die, daß Cairo — sie wußten nun, daß es in Afrika liegt, — einmal von den Schwarzen erobert und ihr Sohn aufgesreffen werden könnte. Doch auch diese Sorge schwand, und jeden Herbst, ehe die Feiertage kamen, kam auch eine Kiste aus Cairo für das alte Ehepaar, worin ein prachtvolles Esrog, Südfrüchte und alle möglichen Dinge für sie sich befanden. In jedem Jahre vergrößerte sich ihre Freude, denn auch Lea kam alljährlich mit ihrem Mann und ihren Kindern zu ihren Eltern, um die Feiertage daselbst zu verbringen. In dem Glück der Kinder verjüngten sich die Eltern, und die Festesfreude hielt stets ihren Einzug in das kleine Häuschen und beglückte dort brave Menschen, fromme Juden, und sie erreichte jedesmal ihren Höhepunkt — am Simchas Thora. Aus den Papieren des Pegierungsraths. Novellette von Gurt I. „Sie gehen also mit, mein lieber Rath!" Dieser konnte nicht anders; er wollte doch dem alten Herrn keinen Korb geben, und seine innere Aufregung bewältigend, antwortete er in heiterem und ruhigen Tone: „Auf jeden Fall, Herr Präsident, auf jeden Fall. Ich werde mich pünktlich zur gegebenen Stunde bei Ihnen einfinden." Der Alte nickte zustimmend. „Sie werden den Gang wirklich nicht bereuen. Sie wißen ja, ich bin einer der eifrigsten Besucher unserer Oper und habe selbst lange Jahre mich mit der edlen Musika abgegeben; ich versichere Sie, keine Compositionen können mich so ganz und durchgreifend ansprechen, mich so ganz der Wirklichkeit entrücken, wie diejenigen des großen Berliner Kapellmeisters Meyerbeer, und dies nur deßhalb, weil ich in so vielen seiner Werke und Gesänge die tiefrührenden und seelenvollen Partien des herrlichen Synagogenliedes antreffe, das mit anzuhören, ich Sie für heute Abend eingeladen habe. Durchdrungen von dem hehren Geiste der althebräischen, elegischen Melodien hat der große Meister, der sich ja, wie Ihnen bekannt sein dürfte, auch zur jüdischen Religion bekannte, es versucht, den Stempel seiner jüdisch-liturgischen Gesänge vielen seiner eigenen Werke aufzudrücken. Doch" — und der Präsident zog seine Uhr — „während ich Sie den kalten Pflichtmenfchen für unsere Kunst erwärmen will, wird zu Hause meine Suppe kalt. Also Adieu, — und heute Abend präcise 6 Uhr." „Präcise 6, Herr Präsident", erwiederte der Andere und bog mit einem artigen „Gehorsamster Diener" um die nächste Straßenecke. II. Die Synagoge war überfüllt; nur mit Mühe gelang es den Ordnern, die Gänge frei zu halten. —Oben die Frauen und Mädchen, unten die Männer und Knaben; so heischt es für diesen heiligen Ort die alte jüdische Sitte. Heute wie seit Jahrtausenden standen sie da, die glaubensfreudigen Gestalten in ihren weiten faltigen Todtengewändern. Dort hinter dem Granitpfeiler hört man leises Schluchzen, — Gefühlsausdrücke Zweier, die sich in der Heiligkeit des Momentes versöhnten. Verzeihung vor Gott findet nur derjenige, der seinem Nebenmenschen verzeiht, so lehrt der Talmud. — Unzählige Gasstammen erhellten den weilen Raum Köfner (Wiesbaden). bis in die äußerste Ecke, wo der Präsident und der Rath Platz gefunden hatten. Der Rabbiner, ein ehrwürdiger Greis mit lang herabwallendem Silberbarte erhebt sich von seinem Sitze und damit kommt Ruhe in die Menge, eine Ruhe, wie man sie nur in einem Gotteshause findet. Der Vorbeter beginnt das Kol Vidrei. Erst leise und dann lauter und immer lauter anschwellend tönen die herzergreifenden Gesänge. Die in der Sorge für ihr Tägliches und in Folge dessen hart gewordenen Herzen erweichen und Thränen entströmen den Tiefgerührten. Der Alltagsmensch tritt vor dem Gefühlsmenschen zurück. Mit geschloffenen Augen horte der Präsident auf die tausendjährigen Lieder und Poesien. Vor seinem geistigen Auge schwebten in bunter Reihe alle die vorüber, die das Bekenntniß des Einzigen aus den Lippen, dafür litten und duldeten. Bleiche abgehärmte Gestalten mit wallenden Bärten, wie sie mit Weib und Kind den Scheiterhaufen bestiegen; der alte Herr glaubte die Trauerrufe derer zu vernehmen, die ein fanatischer Aberglaube auf das Rad flechtete oder zu andern Foltern verdammt hatte. Auch in dem Regierungsrath hatte der herrliche Gesang besondere Gedanken wachgerufen. Er erinnerte sich seiner schonenJugendtage. in welchen er von der liebenden Fürsorge der Seknkgen beschirmt und bewacht, eine Zeit ungetrübten Glücks verbrachte; wie er nach Absolvirung seiner heimathlichen Schule das Elternhaus verließ, um in der Stadt seine weitere Ausbildung zu genießen. Noch erinnerte er sich, wie der Vater zum Abschied die zitternden Hände auf sein Haupt legte und mit bewegter Stimme ihm schluchzend den Segen mit aus den Weg gab, wie ihn die Mutter zur Tugendhaftigkeit und zu aufrichtiger Religiosität ermahnte und wie er ihr das heilige Versprechen gab, ewig der Lehren, die er im elterlichen Hause erhalten, eingedenk zu sein. Der Schüler kehrte oft in die Heimath zurück, um im Kreise der Seinen die hohen Feiertage zu verleben. Aber aus dem Schüler wurde ein Student, und die weite Entfernung des neuen Studienortes ließ den Musensohn immer seltener und seltener im väterlichen Hause sehen. Oder war ein anderer Faktor schuld, daß der Student die schöne Gepflogenheit des Schülers allmählich aufgab? Adolf wollte „Carri^re" machen. Als Jude, als altmodischer, abhängiger und tausendmal zurückgestellter Jude! Wie unmöglich dünkte ihm das. Und