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Der Israelit · 1891-10-14 · Heft 81-82 (14.10.1891) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 81-82 (14.10.1891)
Date
1891-10-14
Page
– (sequence 28)
Language
German
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1552 Salomon trat näher zu Lea heran und mit unheimlich funkelnden Augen sprach er: „Das ist nicht Dein letztes Wort, Mädchen, oder in Deinem Herzen ist kein Funken Liebe für Deine armen alten Eltern. Weißt Du denn nicht, daß es in meiner Macht liegt, sie von Haus und Hof zu treiben und daß ich dazu fest entschlossen bin, wenn Du meinen Willen nicht erfüllst! Ich biete Dir ein glänzendes Loos, Deinen Eltern einen sorgenfreien Lebensabend und Du zögerst, weigerst Dich, die Meine zu werden und dadurch Deine Eltern vor Verarmung, Not und Elend zu retten! Du giebst vor, fromm zu sein, ich sehe nichts davon. Wenn ein Kind seine Eltern vor Noth und Elend retten kann und weigert sich dessen, wo bleibt da die Frömmigkeit?" „Schweigen Sie, mein Herr", entgegnete Lea, erglühend vor Zorn. „Wer auf diese Weise wie Sie um ein Mädchen wirbt, der ist ein Bösewicht. Sie wollen wissen, weßhalb ich Ihren Antrag ablehne? Nun wohlan. Seither hielt ich Sie nur für einen schlechten Juden, der sich über die Gesetze und Vorschriften seiner Religion hinwegsetzt; daß wäre für mich schon ein genügender Grund, Ihren Antrag zurückzuweisen. Heute habe ich nun die traurige Gewißheit gewonnen, daß Sie nicht nur ein schlechter Jude, sondern auch ein schlechter Mensch sind und darum sage ich Ihnen offen und klar, daß ich niemals die Ihre werde. Und sollte ich für meine Eltern arbeiten müssen bis zur Erschöpfung und sollte ich selbst von Thür zu Thür gehen und bettelnd mein Brot mir suchen müssen, so dünkt mich ein solches Loos noch beneidenswerther als das einer Gattin an Ihrer Seite. Wer dem Judenthum so fern steht wie Sie, der sollte nicht versuchen, sich mit religiösen Juden zu verschwägern; aus solcher Ehe entsteht kein Glück. Eine gewissenhafte, gesetzestreue Jüdin wird mit Ihnen nicht glücklich werden." „Und wenn ich nun Deinelhalben mein Leben ändere, genau nach den Gesetzen der jüdischen Religion lebe und alle Ceremonien beobachte, wenn ich Dir dieses versprechen würde, würdest Du alsdann einwilligen, die Meine zu werden?" „Auch dann nicht. Ich fühle nicht den Beruf in mir, mich zu opfern, um Sie auf diese Weise dem Judenthum wiederzugewinnen. Was Sie heute versprechen, könnten Sie morgen brechen; die ganze Sache wäre eine Heuchelei, die nur zum Unheil führen könnte." „Ei, ei, Jungfer Klug und Weise; Du wirst an mich denken. Du wirst die Meine werden, dessen bin ich sicher. Wenn ihr erst in Schmutz und Armuth und Elend fast verkommen seid, wirst Du ohne langes Besinnen die Hand ergreifen, die sich Dir hilfreich entgegenstreckt." „Lieber möcht ich sterben, als auf diese Weise Ihre Hilfe annehmen. Doch noch sind wir nicht so weit. Noch lebt der Gott Israels, der die Unschuld zu schützen und seinen Frommen im rechten Augenblick Hilfe zu senden weiß." Lea verbeugte sich und ging hinaus. Wüthend schritt Salomon im Zimmer auf und ab; das Mädchen hatte ihm Dinge gesagt, die sein Blut in Wallung brachten; aber sie sollte dafür büßen, sie und ihre Ellern. Ohne Erbarmen wollte er gegen sie sein, ohn' Erbarmen. Mit diesem Vorsatz verließ Salomon das Haus. Als die Mutter wieder in das Zimmer kam, war er längst fort. Kurz vor Beginn des Feiertags kam Jossel müde und hungrig nach Hause Er wusch sich und kleidete sich um und als er jetzt mit seinem Machsor unter dem Arm aus der Thüre trat, um ins Gotteshaus zu gehen, sah er nicht aus wie ein Bettler, sondern wie ein mächtiger Minister, der zur Audienz in das Schloß seines Königs geht. Mit dem Eintritt des Sabbats und Festtages mutzten alle Sorgen fliehen und die Ruhe und Festesfreudigkeit zogen ein. Jossel kam aus der Synagoge nach Hause. Da erzählte ihm seine Frau, daß Salomon dagewesen und eine Unterredung mit ihr und mit Lea gehabt habe und daß er im Zorne geschieden sei. „Laß ihn thun, was er will", entgegnete Jossel; „meine Tochter wird nicht seine Frau." „Und wenn er seine Drohung ausführt, wenn er uns von Haus und Hof verjagt —" „Heute ist Schabbos und Jomtow, laß mich in Ruhe mit diesen Dingen!" Und mii seiner immer noch guten Stimme begann er zu singen: „Jom schabbos kaudesch hu, aschre hoisch schaumrehu." Und trotz ihrer Sorgen, trotz ihres Kummers sangen Breinle und Lea mit. Der Kummer schwand und die Sorgen wurden verscheucht und jene heilige Ruhe kam über alle, jene Ruhe und jener Friede, welche den Sabbat überall dahin begleiten, wo man ihn würdig empfängt. * * Schemini azeres war vorüber. In der Synagoge war die Gemeinde unter Singen und Tanzen mit der heiligen Thora einhergezogen. „Ogil weesmach besimchas Thora," sang und jubelte Jossel am lautesten, und während er im Gotteshause sang und jubelte, kam der Notar im Aufträge Salomons das Geld zu erheben, welches Jossel ihm schuldete. Breinle war allein zu Hause und sie bat und flehte um Nachsicht und Erbarmen — vergeblich. „In Eurer Hand", sagte Salomon, der den Notar begleitet hatte, „liegt es, die Sache zu ändern. Wenn bis heute Mittag Eure Lea sich mir verlobt, seid Ihr aller Sorgen ledig." Salomon und der Notar entfernte sich. Jossel kam nach Hause. Freudig und wohlgemuth trat er ein. Da erblickte er die tieftraurigen Gesichter seiner Frau und seiner Tochter. Bei seinem Anblick brachen sie in Thränen aus. Lea trat zu ihm heran und sagte: „Vater, der Notar war da und Salomon ist entschlossen, die ganze Strenge des Gesetzes zu Hilfe zu nehmen, um Euch von Eurem Haus und Hof zu vertreiben. Mir hat er einen Weg zur Rettung gezeigt; wenn ich ihn gehe, bin ich verloren, aber ich opfere mich, wenn Du es verlangst, ich bin Dein Kind und mein Leben gehört Dir." Jossel schloß Lea in seine Arme und thränenden Auges sprach er: „Ich verlange Dein Opfer nicht, mein Kind; Gott wird helfen!" Und Gott half. Es klopfte an die Thür und der Briefträger trat ein. „Ein ausländischer Brief, Jossel; er kostet 40 Pfennige." „Heut' ist Feiertag", entgegnete Jossel; „wenn Ihr mir den Brief geben und die 40 Pfennige vorlegen wollt, so könnt Ihr ihn hierlassen." „Schon gut, schon gut. Ich werde sie vorlegen" Er legte den Brief hin und entfernte sich. Jossel wollte das Schreiben bis zum Abend weglegen, aber Breinle war zu neugierig. Woher mochte der Brief sein? Was mochte er enthalten? Und ehe eine Viertelstunde verflossen war, kam sie mit dem geöffneten Couvert — eine Nachbarin hatte es geöffnet — zu Jossel und sagte: „Du bist doch neugierig — da lies." Jossel blickte sie lächelnd von der Seite an, nahm seine Brille aus der Tasche und las: „Cairo den 20. September 18.. Cairo, weißt Du, wo Cairo liegt, Breinle?" „Woher soll ichs wissen? Ich bin noch nicht dort gewesen. Es wird irgendwo dahinten liegen." „Du hast Recht." Doch weiter. „Liebe Eltern!" Weiter konnte Jossel nicht lesen. Liebe Eltern konnte nur sein Kind schreiben. Sein Sohn lebte also noch und heute, am Simchas Thora erhielt er nach 20 Jahren die erste Nachricht von ihm. Thränen verdunkelten seinen Blick

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