Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1891)
- Date
- 1891-10-14
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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1551 Schwiegersohn nicht recht und meine Lea braucht sich für mich nicht zu opfern." „Ein Opfer nennst Du's, wenn Du Dein Kind gut versorgen kannst? Ern Opfer, wenn Deine Tochter eine reiche Frau wird? O, Jossel, Jossel, Du machst uns unglücklich." „So tragen wir unser Unglück, wie wir unsere Armuth getragen haben." Lea kam mit dem Frühstück und setzte es dem Vater vor. Jossel aß ein wenig davon und nahm dann seinen Pack auf die Schultern, um über Land zu gehen. Er verabschiedete sich von seiner Frau und als er auch Lea die Hand reichen wollte, sagte diese: „Ich begleite Dich eine kurze Strecke, mein Vater." „Komme, mein Kind", erwiederte Jossel und ging, von Lea gefolgt, aus der Thüre. Vater und Tochter schritten zuerst eine Weile stille nebeneinander her. Endlich begann Lea: „Vater, ich habe eine Bitte an Dich." „Nun, meine Lea, sprich sie aus, wenn ich kann, erfülle ich sie Dir gerne." „Sieh, mein Vater," begann Lea, „ich möchte gerne auch etwas verdienen. Ich sehe, wie Du Dich plagst und quälst und kaum so viel erschwingen kannst, wie die Haushaltung kostet. Die Mutter ist gottlob noch rüstig uud bedarf meiner Hilfe im Hause nicht. Ich habe mich deßhalb entschlossen, falls ihr es mir erlaubt, mir eine Stelle zu suchen, damit ich mit dem, was ich verdiene, Euch unterstützen kann. Tüchtige Mädchen erhalten überall guten Lohn." — „Und tüchtig bist Du, meine Lea, das Zeugnitz kann ich Dir geben. Aber gerade detzhalb kann ich Deinen Entschluß nicht billigen. Deine Mutter und ich, wir sind alte Leute, und müssen schon ein Kind, unfern Aeltesten, Deinen Bruder entbehren. Nun sollen wir auch Dich ziehen lassen, daß Fremde sich unserer Kinder erfreuen? Nein, Lea, Du bleibst bei unS; Gott hat uns bis hierher geholfen, Er wird auch weiter helfen." „Aber, lieber Vater," fuhr Lea fort, „Du weißt, was die liebe Mutter plant; wäre es nicht doch besser, wenn ich mir eine Stelle suchen würde?" „Nein, Du bleibst bei Deinen Eltern," entgegnete Jossel schroff, „und nun adieu!" Er küßte Lea auf die Stirne und schlug einen Seitenweg ein- Lea blickte ihrem Vater lange nach; sie sah, wie der alte Mann, gebeugt unter seiner Last, dahinschritt, und ihre Lippen murmelten: „Armer Vater!" Lea kehrte nach Hause zurück und half der Mutter, welche ebenso freundlich wie sonst gegen sie war. Sie halten viel zu thun, denn die Feiertage fielen auf Donnerstag und Freitag, und Frau Breinle hielt es mit den Geboten unserer heiligen Religion sehr genau. ES war Mittag geworden. Eine Tasse Kaffee, ein Stück Brot bildete die Mahlzeit der Frauen. In Gedanken versunken, saßen sie einander gegenüber und ruhten eine kleine Weile. Da knarrte das Hofthor. Lea sah durch das Fenster einen Mann der HauSthüre zuschreiten; sie erkannte ihn wohl, und da sie ihm nicht begegnen wollte, ging sie durch das Schlafzimmer in die Küche. Salomon — denn dieser war es — traf also nur die Mutter im Zimmer und detzhalb ging er geraden Wegs auf sein Ziel los. Nach den üblichen Begrüßungsfvrmeln sagte er: „Eigentlich komme ich, um Euch zu sagen, daß übermorgen Eure Zinsen und das jährlich abzutragende Kapital fällig ist. Uebermorgen ist aber Simchas Thora und da wird Jossel doch nicht zahlen. Ich möchte detzhalb heute schon das Geld mitnehmen." „Heute schon?" entgegnete Breinle, „Sie sind komisch, Herr Salomon! Seit wann zahlt man vor dem Termin?" „ES kann Ihnen ja einerlei sein; wenn Sie das Geld haben, spare ich Ihnen einen Weg." „Und wenn ich das Geld nicht habe?" „So könnten Sie es bis zum Termin schwerlich beschaffen. Mein Anwalt, der zum Termin aus der Stadt kommt, macht kurzen Prozeß und so leid es mir thut, könnte ich, des Prinzips halber, ihm nicht hindernd im Wege stehen, wenn er sofort mit allen gesetzlichen Mitteln energisch gegen Sie Vorgehen würde." „Und Sie haben kein Mitleid, kein Erbarmen mit uns?" »In Ihrer Hand liegt es ja, die Sache zu ändern. Gegen meinen Schwiegervater könnte ich doch nicht prozessiren. An dem Tage, da Ihre Lea mein Weib wird, liefere ich sämmtliche Schulddokumente über Ihr Häuschen in Ihre Hände. Sie haben einen schuldenfreien Besitz und ich verpflichte mich außerdem noch, Ihnen jährlich fünfhundert Thaler Rente auszubezahlen. Ich meine, der Entschluß müßte Ihnen und Ihrer Tochter nicht so schwer werden." „Sie können unser Fühlen und Denken nicht begreifen, weil Sie keine Idee haben, wie unser ganzes Leben mit unserer Religion verwebt ist. Wenn meine Tochter sich entschließen könnte, Ihre Frau zu werden, so wäre als erste, unerläßliche Bedingung, daß Sie wieder treu dem Glauben Ihrer Vater anhängen und alle Gebote unserer heiligen Religion gewissenhaft erfüllen würden." „Darüber ließe sich nach der Hochzeit reden. Einer jungen Frau zu Liebe thut man gar Manches. Vor der Hochzeit werde ich mich in dieser Hinsicht nicht binden." „So brauchen wir über die Sache nicht mehr zu reden. Nehmen Sie uns unser HauS, vertreiben Sie uns aus unserm Heim, wenn Sie das Herz dazu haben, und Gott wird es Ihnen lohnen." „Papperlapap; der liebe Gott hätte viel zu thun, wenn er alle schlechten Zahler — doch wo ist Lea? Kann ich dieselbe sprechen?" „Lasset das Mädchen; ich habe mit ihr von Eurem Anträge gesprochen und eine ablehnende Antwort erhalten." „So habt Ihr Eure Sache schlecht gemacht. Wenn sie einen Funken Liebe zu Euch fühlt, muß sie auf meinen Antrag eingehen, da es ja in meiner Hand steht, Euch von Haus und Hof zu vertreiben. Laßt mich mit ihr reden." „Versucht Euer Heil", entgegnete Breinle, „und probirt es, Herz und Hand meiner Tochter zu gewinnen." Breinle ging in die Küche und nach kurzer Zeit trat Lea in das Zimmer. Sie glich einer schüchternen Taube, der man den Habicht zeigt. Ein leises Zittern ging durch ihre Glieder als sie sagte: „Sie wünschen mich zu sprechen, Herr Salomon?" „Ja, mein Fraulein; ich möchte.aus Ihrem eigenen Munde die Antwort auf meine, durch Ihre Mutter an Sie gerichtete Anfrage hören." „Hat Ihnen meine Mutter denn nicht meine Antwort mitgetheilt? Warum führen Sie die für Sie und mich so unangenehme Situation herbei?" „Warum, weil ich an Ihre Antwort nicht glaube, weil ich Sie maßlos liebe und Sie mein Weib werden müssen, um jeden Preis." Lea erschrack vor der Gluth der Leidenschaft, die ihr aus den stechenden Augen SalomonS entgegenloderte. Sie trat einen Schritt zurück und sprach: «Eine eigenthümliche Art, jedenfalls, mein Herr, seine Werbung bei einem jungen Mädchen anzubringen." „Was geht mich die Etiquette an; ich habe mein Leben lang nichts nach ihr gefragt. Ich möchte auf eine offene und ehrliche Frage eine ebensolche Antwort haben." „Die haben Sie ja von meiner Mutter erhalten; wozu bedarf es einer Wiederholung durch mich."