Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1891)
- Date
- 1891-10-14
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1550 Joffel Rüb war ecu einfacher Händler, der fein Brut sauer erwerben mußte. Jahraus, jahrein ging er mit einem schweren Packen beladen über Land und ernährte sich kümmerlich. Er nannte ein kleines Häuschen sein eigen, d. h-, es stand auf seinen Namen eingetragen, aber er war so viel Geld darauf schuldig, daß er kaum die Zinsen erschwingen konnte. Bis jetzt war eS ihm gelungen, seinen Verpflichtungen prompt nachzukommen; wie es aber am nächsten Termine, der auf Simchas Thora fiel, werden sollte, das wußte er nicht. Seine Einnahmen waren in der letzten Zeit immer geringer geworden, sein Verdienst immer weniger und nun sollte er zahlen und besaß selbst nichts! Ja, wenn sein Sohn — doch er selbst dachte am wenigsten an diese Hilfe. Vor zwanzig Jahren war sein Sohn am Simchas Thora aus der Heimath, aus dem Elternhause geflohen, weil er wegen eines im Jähzorn begangenen Vergehens eine Gefängnißstrafe verbüßen sollte. Niemand erfuhr seither etwas von ihm — er war verschollen. Kummer und Gram, Sorge, Noth und Elend bleichten das Haar der Eltern, die ihr Kind nicht vergessen konnten. Da wurde ihnen zwei Jahre nach der Flucht des Sohnes eine Tochter geboren, ein wunderschönes Kind, auf welches sich nun die doppelte Liebe der Eltern concentrirte. Lea wuchs heran, geschätzt und geliebt von Allen, die sie kannten, vergöttert von ihren Eltern. Und wenn auch oft das Brot nicht über Nacht im Hause war, das Kind durfte es nicht merken, die Heranwachsende Jungfrau es nicht wissen. Der liebe Gott gab immer so viel, wie man nöthig halte und als Jahr auf Jahr verstrich, ohne daß eine Kunde von dem Flüchtling zu den Eltern drang, da gewöhnten sie sich daran, ihren Sohn als verloren zu betrachten. Sie hofften, einen anderen Sohn in dem Manne ihrer Lea zu erhalten; wie ihre Ansichten da auseinandergingen, haben wir gehört. Joffel hatte sich in seine Mischna vertieft; er war in Folge dessen unempfindlich für die Kälte und für die Feuchtigkeit, welche den Aufenthalt in der Sukkoh unangenehm machten. Als nun die Dämmerung hereinbrach und es ihm unmöglich machte, weiterzulesen, da wollte er sich erheben, allein er konnte nicht; seine Glieder waren steif und unbeweglich. Joffel fing an, seine Knie zu reiben, er stützte sich mit beiden Armen auf den Tisch und versuchte, sich zu stellen — vergeblich; die Schmerzen waren zu groß; mit einem Wehlaut sank er in seinen Sessel. Was war auf einmal über ihn gekommen? Sollte er im Ausüben einer Mizwah sich eine Krankheit geholt haben? Nein, das konnte nicht sein. Und wiederum versuchte er, sich zu erheben, und wiederum mißlang der Versuch. Nun fing Joffel an, im Sitzen Bewegungen mit seinen Beinen zu machen. Er streckte dieselben aus und zog sie an sich, langsam oder schnell, je nachdem es ihm weh that, und je nach seinen Schmerzen schrie er dabei starker oder schwächer auf. Cr fühlte, daß diese Bewegung ihm wohl that, daß seine Beine wieder beweglicher wurden und er fuhr in dieser Gymnastik so energisch fort, daß ihm der Schweiß aus allen Poren lief. Da wurde die Thüre geöffnet und Breinle trat mit einer brennenden Lampe ein. Als sie Joffel erblickte, war sie starr vor Schreck. Fast hätte sie die Lampe fallen lassen. „Joffel!" rief sie aus, während sie die Lampe auf den Tisch stellte und ihrem Manne naher trat, „Joffel, was machst Du? Bist Du närrisch geworden, daß Du in die Luft tretest und kreischst wie ein Kind?" Joffel ließ sich nicht irre machen. Unter großen Schmerzen setzte er seine Gymnastik fort und Breinle, die nicht wußte, was das bedeuten sollte und nun ernstlich um die Zurechnungsfähigkeit ihres Mannes besorgt wurde, begann zu weinen. „Mein Joffel, was ist Dir denn?" fragte sie, „was machst Du für Dummheiten, trittst in die Luft!" „Und — ich — sag' — Dir, — es — sind — keine — Dummheiten", versetzte er, bei jedem Worte ein Bein ausschnellend, „es — hilft, — es — hilft!" Breinle war rathlos! Was fehlte nur ihrem Joffel? Langsam näherte sie sich ihrem Manne. Da stand er aus und siehe da, er konnte stehen und gehen. In seiner Freude umarmte er seine Frau und rief: „Siehst Du wohl, tmselwm jisboraell hilft; wer auf Ihn vertraut, besteht ewig!" „Ja, ja, Joffel," entgegnete Breinle, „aber warum hast Du in die Luft getreten?" Joffel erzählte nun, wie es ihm ergangen und Breinle hatte nichts Eiligeres zu thun, als ihren Mann in's Bett zu stecken, ihm einen Thee zu kochen und sie gab sich nicht eher zufrieden, bis ihr Joffel so schwitzte, daß sie ihm den Schweiß von Stirn und Antlitz wischen mußte. Hoschanoh-Rabboh war da. Joffel Rüb hatte die schönsten Schaanes und war einer der Andächtigsten in der Synagoge. Obschon er große Sorgen hatte, ließ er sich doch die Pflichten, die er Gott gegenüber zu erfüllen hatte, nicht verkümmern. Als Joffel von der Synagoge nach Hause kam, wartete seiner eine Ueberraschung. Breinle und Lea saßen weinend am Tisch und seufzten beide laut, als Joffel in's Zimmer trat. Lea erhob sich und ging in die Küche, um das Frühstück für den Vater zu holen. „Was geht denn hier vor? Warum weint Ihr?" fragte Joffel. „Warum wir weinen? Weil unsere Tochter nicht auf den Rath der Mutter hören will; ich habe ihr einmal erzählt, was die Kinder eigentlich ihren Eltern schuldig sind, und das hat sie so gerührt —" „O, ich kenne Deinen Religionsunterricht; es mangelt ihm nicht an Kraft; wodurch hat sich Lea denn diese Lection zugezogen?" „Wodurch? Weil sie nicht auf mich hören will. O, Gott, so lange sie ein Kind war, war sie folgsam, und nun, da sie erwachsen ist, habe ich so eine Last. Ja, kleine Kinder, kleine Sorgen; große Kinder große Sorgen." „Lea hat Dir noch keine Sorge gemacht", entgegnete Joffel mißmuthig. „Doch sage, was willst Du von ihr?" „Was ich von ihr will, das kannst Du Dir doch denken. Ich will, daß sie ihr Glück nicht von sich weist, wo sie nur zugreifen darf, daß sie uns unfern Lebensabend sorgenfrei gestalte, da es in ihrer Macht steht. Bin ich gefragt worden, als Du um meine Hand warbst, ob Du mir gefällst, ob ich Dich will? Meine selige Mutter hatte Dich mir bestimmt und so warst Du mein Mann geworden. Und ich habe es bis heutigen Tags noch nicht bereut, daß ich eine gehorsame Tochter war." „Aber wen hast Du für Deine Tochter bestimmt?" fragte Joffel rasch. „Wen? Wen anders als den reichen Salomon!" „Ei, habe ich Dir denn nicht gesagt, daß dieser Mann auch mir nicht recht ist. Er ist zu alt und zu neu für mein Kind — kurz, Lea hat recht, wenn sie ihn nicht will." „Weißt Du denn nicht, wie tief Du in seiner Schuld steckst? Kann er Dich nicht aus Deinem Hause treiben und Dich zum heimathlosen Bettler machen? Kannst Du ihm übermorgen das fällige Geld zahlen?" „Ach was, übermorgen ist Simchas Thora, da braucht man überhaupt nichts zu zahlen." „Meinst Du? O, Deine Einsalt ist rührend! Was fragt Salomon nach dem Simchas Thora! Wenn Du nicht bezahlen kannst, läßt er Dir Dein Haus versteigern." „Weil er nichts nach dem Simchas Thora fragt, deßhalb frage ich auch nichts nach ihm; kurz, er ist mir als