Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1891)
- Date
- 1891-10-14
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448198--32976-2480846- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Urthodoxe MuderrthunW -c>/W Q S E S vfi- I iSiCCsf?, PsiLTFS m W. $1 m. 14. Oktober 1891. INr. 11. W-V» di -.'f yusuussr^ Ein SimÄzns @^4 Von K. ZSerger. — (Alle Rechte Vorbehalten.) Herbstwetter I Nebel, trübe Tage, lange Abende; rauhe Winde, Regenschauer — das sind so die Dinge, welche zur Zeit der Herbstnachtgleiche den Unwillen der Menschheit herausfordern. Wenn nun ein echtes, rechtes Herbstwetter zu einer Zeit eintritt, da Israel in Hütten wohnt, so wird gar Mancher, der mit Sorgfalt sich seine Hütte gebaut, sie herrlich geschmückt und sich im Voraus auf das Wohnen in derselben gefreut, unwillig, denn nicht Jeder weiß, daß, je schwieriger eine Mizwah zu erfüllen ist, ein desto größerer Lohn ihm einst dafür erblühen wird. Und es regnete in diesem Jahre unaufhörlich. Gleich nach dem Versöhnungstage hatte der Himmel seine Schleusen' geöffnet und bis jetzt, dem dritten Tage Chaul-Hamaued, hatte es, wie Jossel Rüb unwillig zu seiner Frau sagte, noch leine trockene Viertelstunde gegeben. „Was habe ich nun von meiner Sukkoh?" murrte er; „die Sulkoh und der Jomtauw sind verregnet." „Um so schöner wird Simchas Thora sein", tröstete seine Frau, eine hübsche Matrone. „Seitdem unser Davy am Simchas Thora fort mußte, seitdem habe ich leine reine Freude mehr an diesem Jom tauw. Die Gedanlen lehren immer wieder zu ihm zurück, der jetzt meine Stütze sein könnte und der seit zwanzig Jahren nichts hat von sich hören laffen." „Du irrst Dich, Joffel," entgegnete sanft die Matrone, „es sind erst neunzehn Jahre. Der liebe Gott hat uns bis hieher geholfen. Er wird auch weiter Helsen." »Ja, ja, so denke ich auch, aber es wird immer schwerer, sich bekowed zu ernähren. Wie abgeschnitten ist das Geschäft, seitdem der Antisemitismus sich bei uns breit macht, und zum erstenmale werde ich meine Zinsen nicht bezahlen können, werde ich den Herrn Salomon um Aufschub bitten müssen." „Den er Dir anstandslos bewilligen wird. Ich weiß überhaupt nicht, warum Du Dich so quälst, da Du es so viel bester haben könntest." „Was meinst Du damit?" „Nun, als Schwiegervater des Herrn Salomon könntest Du ein sorgenfreies Leben führen." „O, ja, wenn ich mein Kind, meine Lea, dem Moloch opfern würde! Nein, liebe Breinle, und wenn ich so arm wäre, daß ich vor den Thüren mein Brot betteln müßte, würde ich nicht zugeben, daß mein Kind sicb einem Manne, und wäre er noch so reich, verlobe, welcher öffentlich den Sabbat und andere Religionsgesetze entweiht." „Hat die Frau nicht Einfluß auf den Mann? Kann der Mann der Frau zu Liebe nicht —" „Was soll die ganze Sache? Komm', laß' uns davon schweigen." „Wenn nun Herr Salomon Absichten auf unsere Lea hätte?" „So soll er sie sich aus dem Kopfe schlagen; er ist mir nicht recht zum Schwiegersohn." „Auf was für einem hohen Gaul sitzest Du? Soll vielleicht ein Graf, ein Fürst oder ein Herzog kommen und um Deine Lea anhalten? Du wartest vergebens. Was können wir denn für eine Mitgift geben? Stehe dem Glücke unserer Tochter doch nicht selbst im Wege!" „Ich warte weder auf einen Grafen, noch auf einen Fürsten, noch auf einen Herzog. Wer aber mein Kind freien will, der muß ein echter und rechter, mutz ein frommer Jehudi sein. Und wenn er etwas gelernt hat und ist tüchtig in seinem Fach und versteht nach des Tages Last ein Blatt Gemoroh zu lernen, so braucht er keinen Pfennig im Vermögen zu haben, wenn er ihr und uns gefällt, sag' ich mit Freuden ja." Breinle lachte bitter auf. „O," sagte sie, „das gibt eine feine Firma: Schnorrer, Dalsen & Co. Du bist und bleibst einer von denen, die, wenn ihnen das Glück einen Hut reichen will, keinen Kopf haben." Jessel wollte etwas erwiedern, doch da öffnete Lea die Thüre der Sukkoh und sprach: „Mutter, ist es Dir recht, wenn ich eine Stunde zu Tante Minna gehe?" „Gehe nur, mein Kind", versetzte Breinle. Lea war schon einige Schritte entfernt. Da riß Jostel die Thür auf und rief: „Lea, Lea!" und als das Mädchen stehen blieb, sagte er: „Richte dem Onkel aus, daß ich die Schaanes selber besorgen werde. Ich gehe doch nach R. und bringe sie von dort mit." „Gut, lieber Vater, ich will es dem Onkel bestellen", sprach Lea und ging langsam zum Hofe hinaus. Jostel setzte sich, trotzdem es bitter kalt war, an den Tisch der Sukkoh und begann sein Pensum Mischna zu lernen. Breinle ging in's Haus; ihr war es in der Sukkoh zu kalt, und sie nahm ein altes Andachtsbuch aus der Schieblade, setzte ihre Brille auf und vertiefte sich in die philosophischen Betrachtungen des ehrwürdigen Verfasters.