Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1891)
- Date
- 1891-10-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1581 „Das kann ich nicht behaupten," entgegnete Rabbi Juda, „obgleich ich weder in Abrede stellen kann, noch will, daß ich ihn längst gewünscht habe und cs längst beklagt habe, daß Tirza gerade diesem Vetter ihr Herz geschenkt hat. Trotzdem habe ich, wie Du mir bezeugen wirst, nie auch nur mit einem Wort darauf hingcdeutet. Daß unsere Tochter dennoch, ohne irgendwelche Anregung unsererseits, die Neigung ihres Herzens bezwungen hat —" „Sie hat sie noch nicht bezwungen", fiel seine Frau kopfschüttelnd ein. „Sei unbesorgt, sie wird sie sehr bald vollständig überwunden haben", erwiederte er mit Zuversicht. „Und daß sie ohne jede Rücksicht auf die Wünsche und Hoffnungen ihres Herzens das gethan hat, was sie als recht erkannt hat — ich gestehe Dir, das macht mich stolz und glücklich." Sie seufzte. „Ich bin wohl auch stolz auf unser Kind, und gestern, als sie so rasch entschlossen und so selbstständig ihrem Verlobten seine Geschenke zurückgegeben hat — ich gestehe Dir, ich habe an mich halten müssen, um sie nicht jubelnd in meine Arme zu schließen. — Aber wenn Du selbst sagst, daß man den Bruch nicht als unbedingt notwendig erklären kann, und wenn wir sehen, daß sie ihre Kraft überschätzt, daß sie sich allzu Schweres zugemuthet hat —" „Nicht doch, nicht doch," fiel Rabbi Juda ein, „sie hat ihre Kraft nicht überschätzt — im Gegentheil, ich halte mich überzeugt, rascher als Du es ahnst, wird ihr Herz gesunden, denn sie gehört zu denjenigen, die nicht lieben können, wenn sie nicht achten können — und der wahnbethörte Jüngling hat ihre Achtung vollständig verloren." „Aber sie leidet dennoch", wandte sie ein. „Im Augenblick, freilich — aber glaube mir, sie wird es sehr bald überwinden." Sie seufzte abermals. „Sie ficht 'so bleich, so überaus hinfällig aus." „Du vergissest, daß heute Fasttag ist, und daß sie gestern Abend sehr wenig genossen hat. — Und wenn Du auch den Kopf schüttelst, ich bin dennoch überzeugt, wenn sie nur wieder ordentlich gegessen haben wird, so wird sie ganz anders aussehen. — Und überdieß, mit leerem Magen erträgt man alles schwerer, als wenn man gesättigt ist." „Du beurtheilst Tirza nach Dir." „Ganz richtig," entgegnete er lachend, „das thue ich." Sie lächelte gleichfalls. „Es ist wahr, sie ist mehr Dir nachgeartet als nach mir — aber dennoch — sie ist ein Mädchen." „Gleichviel," versetzte er in demselben heiteren Ton, „Du wirft sehen, daß ich sie richtig beurtheile." „Das gebe der Himmel! — Aber sage mir, hättest Du etwas dagegen, wenn ich ihr mittheilen Würde, daß Du den Bruch ihres Verlöbnisses nicht für unbedingt nothwendig gehalten, und wenn sie sich vielleicht übereilt haben sollte, oder wenn sie einsehe, daß es ihr allzuschwer werde, so möge fie es mir anvertrauen, ich werde dann schon dafür sorgen, daß die Sache wieder in Ordnung komme." Rabbi Juda fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich muß Dir sagen, ich würde es für das entschiedene Gegentheil von Glück betrachten, wenn Tirza auf Deinen Vorschlag eingehen würde. — Trotzdem — ich halte mich so fest überzeugt, daß ich sie richtig beurtheile, daß ich nichts dagegen habe, wenn Du in der erwähnten Weise zu ihr reden willst. — Rur möchte ich, aus der bereits angegebenen Ursache, daß Du bis morgen damit wartest." Der Tag verstrich, ziemlich spät brach die Nacht herein und das Fasten war zu Ende. Die Familie befand sich beim Nachtessen; auch Tirza ließ es sich wiederum trefflich munden und ihre Wangen hatten bereits jene unnatürliche Blässe verloren, die ihre Mutter so sehr beunruhigt hatte, und ihre Stimme war wiederum rein und hell wie gewöhnlich. Triumphirend blickte Rabbi Juda auf seine Frau, die seinen Blick mit freundlichem Lächeln erwiederte. Da ertönte die Hausglocke. Tirza wechselte die Farbe und fuhr mit der Hand nach dem Herzen, das plötzlich überlaut zu hämmern begann. — Wer mochte so spät noch kommen? — außer ihrem bisherigen Verlobten wußte sie keinen — und daß Baruch — Auch Dinah war erblaßt, unruhig blickte sie auf den Gatten, der die Stirn in Falten gezogen hatte. Vom Corridor her ward ein elastischer Schritt gehört. Tirza ward noch bleicher, drückte die Hand noch fester gegen die Brust, während sie kaum im Stande schien, zu athmen. Da ging die Thür auf, mit freundlichem Gruße trat ein junger Mann in das Zimmer. Alle athmeten erleichtert auf. „Ah, Jakob!" rief Rabbi Juda, indem er rasch aufstand und dem Eingetretenen mit ausgestreckter Hand cntgegenging. „Sei willkommen, mein Junge, das ist schön, daß Du Dich auch einmal sehen lässest." Der junge Mann erröthete leicht, indem er den Frauen gleichfalls die Hand zum Gruße reichte. „Die Mutter läßt Euch alle grüßen und läßt fragen, wie Ihr gefastet habet."