Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 79-80 (7.10.1891)
- Date
- 1891-10-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1519 gründen, die ohne Zinsen leihen würde, und Colonien, wo junge Leute die Landwirthschaft lernen sollten, um dereinst tüchtige Landwtrthe zu werden. Lon Sam. Jeselsohn in Neckarbischofsheim. Graue, düstere Wolken hingen schwer am Himmel und machten die Abenddämmerung zur Nacht. Unheimlich jagte der Föhn durch die dunkeln Straßen unseres Städtchens, drehte lose Fensterläden mit lautem Geklapper um ihre Angeln und peitschte muthwillig den stark herabströmenden Regen gegen die Scheiben, der dann hinetndrang in manche, schlecht verwahrte Stube.... In angenehmem Gegensätze zu dem Aufruhr der Elemente draußen in der Natur befand sich unser trauliches Stübchen, in dem die ganze Familie beisammen war. Lustig brannte das Feuer im Ofen, doppelt angenehm und anheimelnd, wenn des Sturmes erschreckendes Getöse seinen Weg bis zu uns hereinfand. Gerade sprachen wir davon, wie es wohl denen gehen würde, die bei solchem Wetter draußen sein müßten, als die Thüre aufging und ein Mann hereintrat, dessen ganzes Aeußere auf den ersten Blick den „Pollack" erkennen ließ. Der lange Rock, der sicher dem Manne nicht angemessen worden war, triefte von Wasser. Bös war der Sturm mit dem langen Barte des Mannes umgegangen, der zerzaust und wild, in Verbindung mit dem tief in den Kopf hineingezogenen Hute ein unheimliches Bild abgab. Den Friedensgruß des Israeliten auf den Lippen, bat er dringend für sich und seine Familie, die sich im Hausflur befand, um Obdach für die Nacht. Seine Frau und seine beiden Kinder, die wir sofort in die Stube hereinriefen, boten ein jammervolles Bild. Gram und Elend sprachen zu deutlich aus ihren Zügen, der Hunger schien ihnen ein steter Begleiter zu sein. Fröstelnd drängten sie sich an den Ofen, Mitleid erregende Jammergestalten, deren zerfetzte, zerlumpte Kleider für alles andere eher als für ein solch' stürmisches Regenwetter paßten. Und wer hätte es da über sich gebracht, diese Armen weiter zu weisen? Während die fremde Familie sich mit dem ihr inzwischen Vorgesetzten Essen beschäftigte, berathschlagtenj wir, auf welche Weise dieselben am Besten für die Nacht unterzubringen wäre. Bald war die Frage befriedigend gelöst. Ein der isr. Gemeinde gehöriges Häuschen, das gerade leer stand, konnte als Nachtquartier vortrefflich dienen. Mit Laternen ausgerüstet, führten wir sie dahin, wo wir ein Zimmer, so gut es eben ging, wohnlich einrichteten. Bald brannte ein lustig summendes Feuer im Ofen, in Ermangelung von Betten bereitete man ein Lager aus Stroh, und dann verließen wir, im Bewußtsein unserer Pflicht genügt zu haben, die danküberströmende Familie. Draußen heulte der Sturm weiter durch die pechschwarze Nacht. Der Gedanke an die arme, elende Familie und an die Tausenden ihrer Genossen, die heimathlos durch die Lande zogen, stand mir lebhaft vor der Seele und raubte mir lange den Schlaf. Am frühen Morgen schon kam der arme Fremde zu uns, um nochmals seinen Dank abzustatten. Niemand ist erkenntlicher für eine erwiesene Wohlthat als der ungebildete, uneivilisirte „Pollack", nie verläßt er seinen Wohlthäter ohne ihm Worte des Dankes zu sagen und des Himmels Segen für ihn herabzuflehen. Die Leidensgeschichte der armen Familie war die aller dieser Leute. Noth und Elend trieb sie fort von Haus und Herd in fremdes Land und was sie eroberten, war neues Elend und frische, größere Noth. Die Ankunft der armen Familie war bald bekannt geworden und jeder sprach den Wunsch aus, sie möchte nicht weiter ziehen. „Bleibt hier und beginnt ein neues Leben, vielleicht glückt's Euch hier besser," meinte jeder. Sie blieben. Ernst waren sie bestrebt sich redlich durchzuschlagen und nach und nach gelang es ihnen auch. Bei ihrem Handel mit Kurzwaaren hatten sie Erfolg, ihre Kleidung und ihre anständige, sauber gehaltene Wohnung, sowie ihr Benehmen sprachen zu deutlich dafür. Niemanden fielen sie zur Last, sie schienen sich wohl zu fühlen in ihren neuen Verhältnissen. Jahr um Jahr war inzwischen vergangen, der fremde Mann wurde alt und begann zu kränkeln. Als ich ihm einmal auf der Straße begegnete, fiel mir sein Aussehen auf; ich frug ihn, ob er nicht wohl sei. „Es geht mir gut und ich bin zufrieden", sprach er dankend, „aber das Heimweh zehrt mir am innersten Mark. Ich halt's nicht mehr lange aus hier, ich will heimziehen in meine Heimath, dort will ich sterben und auch begraben sein." Sie waren so überzeugend gesprochen, diese Worte, daß ich an ihrer Wahrheit nimmer zweifeln konnte. Obwohl betrübt, daß eine der ganzen Gemeinde liebgewordene Familie uns zu verlassen beabsichtigte, konnte ich ihm! nicht ernstlich rathen,