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Der Israelit · 1891-10-07 · Heft 79-80 (7.10.1891) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 79-80 (7.10.1891)
Date
1891-10-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1520 von seinem Wegzug abzulassen. Das Heimweh des armen Mannes war zu natürlich, um es nicht begreifen zu können. „International" nennt der Antisemitismus, „diese Schmach des Jahrhunderts", die Juden, weil sie sich lieber in der Fremde eine neue Existenz zu gründen suchen, als daß sie in der oft unnatürlichen Heimath in stetem Kampf mit Noth und Kränkung ein der Civilisation unwürdiges Dasein führen. Einige Tage später schaute ich wehmuthsvoll einem Gefährte nach, das die Familie von einem Orte fortführte, an dem sie einige Jahre ein angenehmes Asyl gefunden hatte.... Wiederum war Jahr um Jahr in die Ewigkeit hinübergerollt und die arme Familie war fast vergessen. Nur im Winter, wenn wir im behaglich durchwärmten Zimmer beisammen saßen, lieferte auch sie manchmal den Stoff zu unserer Unterhaltung. Und doch sollten wir bald wieder lebhaft an sie erinnert werden! Eines Freitag Abend fiel mir in der Synagoge ein fremder Mann auf, dessen Erscheinung außergewöhnlich genannt werden durfte. Alt und gebrechlich schien der Körper dieses Mannes, der, sich auf einen Stock stützend, kaum noch aufrecht halten konnte. Ein langer, weißer Bart umrahmte das blasse, ehrwürdige Antlitz des alten Fremden, der ohne Zweifel bessere Tage gesehen hatte. Er schien mir bekannt, ich mußte ihn schon früher einmal irgendwo bemerkt haben. Der Gottesdienst war zu Ende, die Synagoge leerte sich, und immer noch stand der alte Mann betend an seinem Pulte. Ich sah, daß er weinte. „Wollen Sie mit mir zum Essen gehen?" srug ich ihn. „Ich danke Ihnen, mein Herr, ich bin bereits eingeladen", mit diesen Worten, die er, unter Thränen lächelnd sprach, verließen wir beide das Gotteshaus. Freudig war ich erstaunt, als ich ihn zu unserer Wohnung seine Schritte lenken sah, wo er bereits am Mittag zum Abendessen eingeladen worden war. Sie ist eine schöne Sitte in Israel, die Gastfreundschaft, die beinahe als etwas Selbstverständliches betrachtet wird. In mancher Familie ist man es ungewohnt, wenn einmal am Freitag Abend der fremde jüdische „Wandersmann" am Tische fehlt. — Die Antisemiten behaupten so gerne, die Juden hätten keine Ideale, als ob sie nur einigermaßen eingeweiht wären m jüdisches Leben und Wirken! Seltsam war das Benehmen unseres Gastes. Er schien sich in furchtbarer Aufregung zu befinden, sein ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. Ich mußte ihn immer und immer wieder anschauen. Immer bestimmter drängte sich mir die Ansicht auf, daß mir dieser Mann schon einmal im Leben begegnet war. Und plötzlich war mir die Erkenntniß gekommen. „Sind Sie's wirklich, Herr M.?" ries ich in freudiger Erregung, und er bestätigte mir stumm, weinend, was eine Bermuthung mich hatte ahnen lassen. Es war unser Bekannter von jener düsteren Regenuacht her. Aber wo war seine Familie, warum war er hier? Diese und viele andere Fragen drängten sich uns allen auf. Wir mußten unsere Neugierde bezähmen. In unsere Freude über das Wiedersehen mischte sich bitterer Wermuth bei dem Gedanken an den Zustand des armen Mannes. Seine Tage waren gezählt. Nach dem Essen verabschiedete er sich sofort; er hatte in seiner früheren Behausung eine Herberge für die Nacht gefunden. Sehr gerne hätten wir etwas Näheres über seine Schicksale erfahren, wohl oder übel mußten wir uns auf den anderen Tag vertrösten. Es sollte anders kommen. — Am frühen Morgen des folgenden Tages wurde ich zu dem fremden Manne gerufen. Er war über Nacht schwer erkrankt und wünschte mich zu sprechen. Mit einiger Anstrengung richtete er sich auf. . „Ich habe Sie rufen lassen", sprach er zu mir mit leiser Stimme, „weil Sie eine Berechtigung haben, meine Schicksale, die mir nach meiner Abreise von hier begegnet sind, kennen zu lernen. Ich fühle es, ich werde den Tag nicht überleben, meine Sonne neigt sich dem Untergange zu. Meine Geschichte ist kurz. In meine Heimath zog's mich von hier mit unwiderstehlicher Gewalt, und als ich meiner heimathlichen Stätte mich wieder näherte, reichte ich zugleich der Noth und dem Elend wieder die Hand. Meine Frau und meine Kinder trotzten dem Gespenste des Hungers, bis sie ihm zum Opfer fielen. Ich stand allein auf der Welt, ich hatte nichts mehr zu verlieren, und da ergriff ich den Wanderstab wieder und zog wieder hinaus in die weite Welt. Bis hierher haben meine müden Füße mich getragen, es geht zu Ende. Hier nahm einst mein Leben einen Wendepunkt, als es mir Frieden und Ruhe gab; zum zweiten Male wird mir der hiesige Ort für immer eine Ruhestätte bereiten müssen im kühlen Schooß der Erde." — Seine Worte wurden immer leiser und leiser, bis ich sie nicht mehr verstand. Ich war tief ergriffen von dem tragischen Geschicke dieses Menschen, dessen Leben ein Kampf war ohne Gleichen. Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht, eine Viertelstunde später hatte er von diesem Leben für immer Abschied genommen. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

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