Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 79-80 (7.10.1891)
- Date
- 1891-10-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1516 Stendal, tot September. Das hiesige „Jntellkgenzblatt" schreibt: „Die württembergische Residenz Stuttgart richtet eine Berufsfeuerwehr ein. Für dieselbe ist von 23 Bewerbern, Herr Kaufmann Bruno Jacoby (Israelit) hier zum Brandmeister gewühlt worden. Herr Jacoby war als Brandmeister der IV. Kompagnie der hiesigen „freiwilligen Sladtfencrwehr" stets ein eifriges Mitglied derselben und hat sich auch um die Einrichtung der Sanitätsabtheilung vom Rothen Kreuz sehr verdient gemacht; innerhalb eines Jahres allein hat er 40 Verunglückten durch Anlegen von Verbünden Hilfe geleistet. Man wird daher Herrn Jacoby, obwohl inan ihm die neue vorteilhafte Stellung gern gönnt, doch allgemein, besonders aber in den Kreisen seiner Kameraden, ungern scheiden sehen." Aus Aulaß seines Scheidens von hier nach Stuttgart sind Herrn Jacoby, von verschiedenen Vereinen ehrenvolle Andenken überreicht worden. Die 4. Kompagnie der freiwilligen Stadtfeuerwehr hat von der Stadt den Degen angekauft, den Herr Jacoby hier als Brandmeister trug, uud ihm denselben mit der Inschrift: „Znm Andenken, IV. Kompagnie Stadtfeuerwehr Stendal 1801" versehen, feierlichst übergeben. Der Radfahrcrvercin „Stendal" widmete seinem Vorstandsmitglied zum Abschied eine Niesenbowle mit in Riessing getriebenem, reich ornantentirtem Kühlgefäß, einem Dutzend hochfeiner geschliffener Glüser und allem sonstigen Zubehör. Aus dem Deckelkranze ist die Inschrift: „Ehrengeschenk des Radfahrer-Vereins Stendal seinem scheidenden Schriftführer Bruno Jacoby. Stendal, September 1801" eingravirt. — Eine besondere Auszeichnung wurde Herrn Jacoby auch insofern zu theil als ihm von der Leitung der Internationalen Ausstellung vom „Rothen Kreuz" zu Leipzig der schmeichelhafte Antrag wurde, das Amt eines Preisrichters zn übernehmen. Insterburg, 27. Sept. Die Noth der aus Rußland ausgewtesenen Juden wird beim Eintritt der kälteren Jahreszeit noch größer werden. Das hiesige Komite ist namentlich in großer Sorge, wo die hier eintreffenden Familien untergebracht werden sollen, bis sie verpflegt und bekleidet sind und weiterbefördert werden können. Die bis jetzt zur Unterkunft benutzten Speicherräume sind unheizbar, und so hat sich der Vorstand an den Magistrat gewendet und gebeten, ihm die jetzt auf dem Hofe der Tragheimer Volksschule stehende Holzbaracke mit ihren Oefen zu überlassen. Das Komite will sie dann auf eigene Kosten abbrechen und auf einem anderen geeigneten Punkte möglichst in der Nähe des Ostbahnhofs aufftellen, auch, wenn sie nicht mehr gebraucht wird, wieder zurückliefern. Der Magistrat will diesem Gesuche, wie die „Hart. Ztg/' erfährt, entsprechen und hat die Stadtverordnetenversammlung um ihre Einwilligung ersucht. Oesterr. Ungar. Monarchie. Wien, 29. Sept. Gestern Abends fand in Plott's Restauration in der Gumpendorserstraße eine vom Schuhmachermeister - Verein „Fortschritt" einberufene, zahlreich besuchte freie Schuhmacher- Versammlung statt, welche nach einigen mißlungenen Versuchen der Antisemiten, die Versammlung zu sprengen, sich zu einer entschiedenen Kundgebung gegen die antisemitische Genossenschafts-Vorstchuug gestaltete. Die Versammlung endete um 11 Uhr Nachts mit der Annahme einer Resolution des Inhalts, daß der Jahresvoranschlag insoweit zu verweigern sei, als er nicht auf das Nothwendigste herabgesetzt werde, umsomehr, als die Genossenschaft nicht für das Interesse der Schuhmacher eintrete, sondern vielmehr für die Zwecke der antisemitischreactionären Partei wirke. Prag, 28. September. Am 24. d. Mts. wurde in dem nahen Städtchen Pilgram die neuerbaute Synagoge feierlich eiugeweiht. Nachdem die Gemeinde im alten Gotteshause noch einer.Andacht angewohnt, verfügte sie sich in geordnetem Zuge über den Marktplatz nach dem neuen Gotteshause, dessen Pforten nun durch den landesfürstlichen Commissär mit einer Ansprache eröffnet wurden. Nach dem Mah-Towuhgebete zündete Dr. Unger das ewige Licht an, worauf dann eine kurze Andacht abgehalten wurde. Nun bestieg Dr. Unger die Kanzel uud hielt eine weihevolle Ansprache au die Gemeinde, nach deren Schluß dann der Eautor Thor sch das übliche Gebet für den Landesvater sprach. Ein Bankett versammelte sämmtliche Gemeindemitglieder zu einer fröhlichen Stunde, an dem es selbstverständlich an Toasten nicht fehlte. Frankreich. Paris, 30. Sept. Aus der Rede, welche der neue Groß-Nabbiner von Paris, Dreyfus, gestern bei der Einführung in sein Amt hielt, sei hier Nachstehendes wiedergcgeben. Er erhebt zuerst Einspruch dagegen, daß man die „Israeliten" als Fremde betrachte, da ein edelmüthiger Akt der Gesetzgebung sie vor hundert Jahren in das französische Vaterland ausgenommen habe, und daß mau über die Vortheile und Gefahren dieser Aufnahme streite. Die durch die Revolution emancipirten Juden seien Franzosen, welche eine achthundertjährige Unterdrückung außerhalb des gemeinen Rechts gestellt habe, ohne daß dadurch ihre natürlichen Bürgerrechte abgeschafft worden seien. „Die Revolution", so fährt Herr Dreyfus fort, „hat den Israeliten ihre Rechte lediglich zurückgegeben. Mau wundert und beunruhigt sich über die Schnelligkeit ihrer Fortschritte in der neuen Gesellschaft. Aber die Ursache davon ist leicht zu erklären, sie liegt darin, daß moralische Aehnlichkeiten die jüdische und französische Raffe vereinigen. Und doch hat sich ein Groll erhoben. Mau verübelt es den Js-