Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 79-80 (7.10.1891)
- Date
- 1891-10-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXII. Jahrgang. v Beilage „ M 79 & 80 „Israelit s, Ieschurun^ Literarische Umschau. 8. Der Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. bringt zwei kleine Hefte auf den Büchermarkt, welche wir schon um ihres edlen Zweckes empfehlen würden, selbst wenn der Inhalt minder trefflich wäre. Der Ertrag beider ist nämlich den armen russischen Glaubensgenossen bestimmt. „Die Offenbarung", so betitelt sich die Rede des Rabb. Dr. S. Gelb haus, und die „Zwei No sch-Hasch an ah- Predigten" von Rabb. Dr. I. Rosenberg zeichnen sich durch Schwung der Sprache und Gedankeuinhalt aus. Darin unterscheiden sie sich jedoch, das; die erstere Predigt, die Gründe darlcgend, welche gerade Israel zur Entgegennahme der Thora befähigten, zur Hilfe der bedrängten Milbrüder anffordert, so daß Tendenz und Zweck der Veröffentlichung der Predigt sich decken, das zweite Heft diesen Zusammenhang nicht aufweist, was aber durchaus kein Vorwurf sein soll. Die Anwendung der Erzählung von der Begegnung Josuas mit dem Engel auf den Menschen, der sich selbst sein Schicksal zu gestatten habe und die Zeichnung Abrahams als Vorbild für uns Juden für den Verkehr mit den Mitmenschen ist recht packend. — Nicht so sehr der Predigtals der Homilicnliteratur gehören die unter dem Gesammttitel „H ermon, Versuche über Israels Lebensideen im Geiste des agadischen Schriftthums" (Halberstadt 1891. Selbstverlag) von Rabbiner Josef Nobel herausgegebenenHefte an. Es liegt mir das 3. Heft vor, welches folgende Themata behandelt: Auffassung der Weltidee, die Menschheit, der Staat, die Gemeinde, die Familie, der Mensch, das Thier, Sittlichkeit. Wie diese einzelnen Punkte im Geiste des agadischen Schriftthums, d. i. im jüdischen Geiste, angeschaut, begriffen und gewürdigt werden, zeigt der Vers., indem er zu jedem derselben eine Reihe unter sich unabhängiger Midraschimstellcn heranzieht und erklärt. Hier bewährt sich der Vers, nun als ein scharfer Denker, der auch vor den größten Schwierigkeiten nicht zurückschreckt und oft scheinbar Unlösbares überraschend auf geistvolle Weise löst. Es mag ja hie und da etwas mit unterlaufen, was nicht als befriedigend gellen kann, das aber ändert nichts an dem Werthe des Ganzen. Literarische Feinschmecker werden hier vieles finden, das ihrem Gaumen zusagt. Doch nicht nur das Geistvolle allein ist es, das an diesen Artikeln zu rühmen ist, die Darlegung, wie die Männer unserer alten talmudischen Literatur über die höchsten und wichtigsten, ethischen und sozialen Probleme gedacht haben, ist verdienstlich. Das Werk sei daher aufs angelegentlichste sowohl für die Hauslektüre, wie auch jungen Predigern zur Anregung empfohlen, und wünsche ich nur, daß bald das vierte Heft folgen möge. — Von der Voraussetzung ausgehend, daß ein großer Theil des Judenhasses auf Unkenntniß der jüdischen Neligionsguellen zurückzuführen ist, hat Herr Marcus Brüll cs unternommen, die 613 Ge- und Verbote des Pentateuch unter Etnhcttsbegriffe zu gruppiren und sie nach Anordnung des Maimonides aufzustellen. Er hat für diese Arbeit, der noch 6—7 Hefte folgen soll, den etwas seltsamen und geheimnißvollen Titel „Enthüllte Geheimnisse betr. sämmtliche jüdische R eli g i ons ge setze" (Wien 1891. Selbstverlag) gewählt, der augenscheinlich eine Ironie auf diejenigen sein soll, welche hinter den jüdischen Gesetzen Geheimnisse wittern, welche chas Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen hätten; ob der Verf. nicht besser gethan hätte, von einer solchen Ironie abzusehen, ist meiner Ansicht nach nicht zu bezweifeln. — Einen etwas dunkeln Titel führt die „behufs endgültiger Lösung der Judenfrage" von einem „Seminthoraner" herausgegebene Schrift „Sem-Min-Thora". (Dresden. Albanische Verlagsbuchhandlung.) Bei aller Achtung, die wir vor der menschenfreundlichen Gesinnung des Vers, haben, der jeden Religionshaß perhorrescirt, können wir doch nur das als den einzig richtigen Standpunkt anerkennen, was Prof. Dr. von Raczewsky in seinem an den Verf. gerichteten Briefe, und welcher der Schrift vorangedruckt ist, sagt: „Es ist ein gutes Recht aller Staatsbürger, ihre Religion ungehindert und ohne bürgerliche Zurücksetzung üben zu dürfen. Jede Religion muß geduldet werden, was sie sonst auch lehre, wenn sie nur Achtung gegen die bürgerlichen Gesetze und Gehorsam gegen die Obrigkeit gebietet und mit dem Endzweck des Staates verträglich ist." Jeder Versuch einer Weltreligion wird scheitern, und darum wird auf dem Wege, wie der Verf. ihn wählt, die „Judcnfrage" nicht gelöst werden. Immerhin gibt aber das kleine Büchlein so manche gute Anregung, daß es gelesen zu werden verdient. (Schluß folgt.) Zeirurrgsuachrichten und Corresporrdenze«. Deutschland. Berlin. Bei der neuen russischen Anleihe sollen, wie die Zeitungen melden, in Deutschland sich auch die Bankhäuser Mendelssohn und Warschauer betheiligen. Wir halten es für nützlich, zu bemerken, daß die Chefs dieser Firmen geborene Christen sind.