Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 79-80 (7.10.1891)
- Date
- 1891-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1505 Rabbiner — bis auf unbestimmte Zeit wenigstens — nicht so marktschreierisch laut verkünden würden, wie es die letzten Wochen so unverschämter- und unberechtigterweise aus Anlaß der orthodoxen Schulbücherfrage geschehen ist. Das stete Hinftellen unserer ehrwürdigen und gesetzestreuen Rabbiner: als obskure und bildungsfeindliche Elemente wird der Recipirung der jüd. Eonfession nicht im Geringsten förderlich sein. Dies sollten unsere Brüder von der Neologen-Liga wohl bedenken! Leopold Großberg. Frankreich. Paris. Die von den Ministern a.D. B arthölemy Saint-Hilaire und Jules Simon an die „Arch. isr." gerichteten Schreiben*) lauten folgendermaßen! Die Emanzipation der Juden im Jahre 1791 ist eine der ehrenvollsten und weisesten Handlungen der Konstituante von 1789. Die Genugthuung kam spat, aber sie war vollständig. Man kann sie auf den Geist der Duldung zurücksühren, welche Voltaire, ohne selbst sehr tolerant zu sein, zu verbreiten geholfen hatte. Seit mehr als zweitausend Jahren gaben die Juden der Welt ein Beispiel von unerschütterlicher Ausdauer und Glauben. Das gereicht ihnen und auch der Menschheit zum Ruhme. Sie müssen immerdar bleiben, was sie sind. Gestützt auf die Bibel, das größte der heiligen Bücher, dürfen sie glauben, daß sie in Bezug auf Religion und Gottesfurcht von Niemandem etwas zu lernen haben, und daß ohne das alte Testament das neue nicht möglich gewesen wäre. Barthslemy Saint-Hilaire." „Was die verfassunggebende Versammlung am 27. Sept. gethan hat, ist weniger die Emanzipation einer Klasse von Bürgern, als eine neue Verkündigung, eine neue Anwendung des Prinzips der Gewissensfreiheit. Wir Katholiken sind dieser großen That ebenso viel Dank schuldig, wie die Juden; denn sie hat den Juden die Eigenschaft der Verfolgten genommen und uns die häßlichere die der Verfolger. Die antisemitischen Liguen schaden ganz besonders den Christen, weil sie dieselben entehren, und den Philosophen, weil sie zeigen, welch geringen Einfluß sie heute ausüben. Es treibt mir die Schamröthe in's Gesicht, wenn ich sehe, daß sie sich in einem Lande ausbreiten, das einerseits einem Vincenz von Paula das Leben gab und andererseits die Cncyclopädie veröffentlichte. Jules Simon." Der Deputirte Meziöres, Mitglied der Akademie, schreibt: „Ich schreibe in diesem Augenblick das Leben Mirabeaus. Dieser große und edle Geist hatte schon im December 1789 beantragt, den Juden das Bürgerrecht zu geben. Er starb sechs Monate bevor die National-Versammlung diesen Gerechtigkeitsact vollbracht hatte. Meiner Ansicht nach ehrt nichts sein Andenken mehr, als ein solcher Antrag. Er war einer der Ersten, die begriffen, daß die Revolution, wenn sie fruchtbar sein wollte, allen Franzosen die Gleichheit vor dem Gesetze sichern muhte. Nach Ablauf eines Jahrhunderts ist dieses Prinzip dermaßen in unsere Sitten eingedrungen, daß nun nichts mehr es entwurzeln kann. Es ist dies die einzige Idee von 1789, die nie eine Verdunkelung erfahren hat. Wir haben die Freiheit nur allzu *) Siehe Correspondenz Paris in voriger Nr. oft verloren; wir haben die Brüderlichkeit nicht immer geübt; aber keine Regierung hat es gewagt, keine Regierung wird es wagen, die Gleichheit anzulasten. Das „Journal des Döbats" läßt sich folgendermaßen vernehmen: „Unser Land war das erste in Europa, welches die Ehre hatte, diesen Akt der Gerechtigkeit zu vollziehen und für alle Kinder der französischen Familie die Gewiffensfreiheit zu proklamiren. Seitdem haben andere Nationen ebenfalls diese Bahn des Freisinns betreten, aber man darf sagen, daß der Erlaß vom 27. September 1791 baä Zeichen zur Emanzipation des jüdischen Volkes war. Noch dürfen wir uns das Zeugniß ausstellen, daß die Israeliten in Frankreich eine vollständigere Sicherheit und eine unbedingtere Gleichstellung fanden, als sonst irgendwo. Nach Ablauf eines Jahrhunderts ist das Dekret von 1701 in seiner Wirkung ganz und gar unangetastet geblieben und der Grundsatz, den es verkündigte, in unsere Gesetze nicht nur, sondern, was bedeutsamer, in unsere Sitten übergegangen. Ihrerseits waren die Israeliten bestrebt, die Hoffnungen zu rechtfertigen, welche die^ Konstituante aus sie gesetzt hatte. _ Behandelt, wie alle übrigen Franzosen, im Besitze derselben Rechte, haben sie keine der Pflichten umgangen, welche die Eigenschaft französischer Bürger ihnen auferlegte, und ihre Thätigkeit, ihren regen Verstand, ihren Patriotismus in den Dienst des Landes gestellt." Nach der diesjährigen Zählung gicbt es 67,000 Juden in ganz Frankreich, wovon 46,800 in Paris. Im Heere dienen 265 jüdische Ossiziere und Gleichgestellte, worunter die Generale Levy, Lambert. Sec, Hinstin sowie mehrere Obersten. In den öffentlichen Remtern sind sie ebenfalls stark vertreten, wie die Präfekten Cohn, Vcl-Dwand u. s. w. beweisen. Die Juden sind trotz ihrer kleinen Zahl sehr zahlreich in allen bürgerlichen Bernsen vertreten. Es gicbt Juden unter den Arbeitern und Handwerkern, wie unter den Gelehrten, Bctriebsinhabern und Geschäftsleuten aller Art, ja auch unter den Dienstboten. Serbien. Belgrad, 23. September. Anläßlich einiger Angriffe, welche in einigen hiesigen Blättern nach Muster der Wiener antisemitischen Hetzblätter gegen die serbischen Juden erfolgten, hat der erste Regent Ristic dieser Tage Gelegenheit genommen, gegenüber einer angesehenen jüdischen Persönlichkeit zu erklären, daß er als Staatsmann, wie als Mann des Fortschritts und der Humanität derartige Ausschreitungen kleinlichen Neides und der Gehässigkeit in entschiedenster Weise verdamme. Er anerkenne die patriotische und in jeder Beziehung tadellose Haltung der serbischen Juden und bedaure aufrichtig jeden Versuch, sie in der öffcuilichcn Achtung herabzusetzen. Afrika. Marokko. Die Juden in Tanger und besonders die armen Juden haben durch den Tod des Herrn Joseph Toledano einen schweren Verlust erlitten. Er war Dolmetsch der italienischen Ge-