Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-10-01 · Heft 78 (1.10.1891) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 78 (1.10.1891)
Date
1891-10-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448196--32911-2480779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1486 Während einerseits ihre Verfolgung in Rußland nicht nachläßt, schwindet anderseits allmählich die Hoffnung dahin, ihnen durch die Auswanderung nach fremden Ländern helfen zu können. Die Nachrichten dieser Woche sind ganz besonders beunruhigend. ES heißt, daß die Agitation in Viktoria gegen die Ansiedelung von Juden lim Wachsen begriffen sei und in der Argentinischen Republik ihr Echo gefunden habe, wo Baron Hirsch seine erste Kolonie ins Leben zu rufen gedenkt. Zudem hat auch die Regierung der Vereinigten Staaten sich unnöthige Besorgnisse einflößen lassen, und es darf schon heute als sicher angesehen werden, daß die nach Europa zu entsendende Kommision zur Untersuchung der Ursachen der Auswanderung dem Zulaß der Opfer russischer Verfolgung noch weitere Schwierigkeiten in den Weg legen wird. Angesichts dieser Thatsachen sieht man, wie recht jener Franzose hatte, welcher ausrief: „Die Welt ist so klein/ So klein sie jedoch auch sein mag, so ist sie jedoch immerhin nicht so zahlreich bewohnt, wie die Feinde der jüdischen Einwanderung uns gern glauben machen möchten. Man hat berechnet, daß die Bevölkerung der Erde 1,467,000,000 beträgt, wahrend sie Platz für 5,994,000,000 hat. Und es soll unmöglich sein, vier Millionen armen Juden eine Zuflucht zu verschaffen?" Aus St. Petersburg ist jüngst ein jüdischer Buchhalter ausgewiesen worden, der die Schlacht bei Plewna als Soldat mitgekämpft und das Ehrenzeichen erhalten hatte. Vor seiner Ausweisung mußte er einen Revers auf Ehrenwort unterschreiben, daß er im Falle eines Krieges sich wieder zur Armee stellen werde. Unglaublich aber durchaus wahr! Madrid. Baron Rothschild hat von Paris aus 20000 Pesetas für den Fonds zur Unterstützung der Opfer der Ueberschwemmung gesandt. Historische Erzählung abbatai Mewi Trust Schwur?. (Fortsetzung.) „Armer, armer Mann!" sagte Rabbi Juda, seufzend den Kopf wiegend, „ein braver, gottesfürchtiger Mann ist Miguel gewesen." „Ein Ungläubiger ist er gewesen," fügte Baruch halblaut hinzu, „ein Ungläubiger, den die Strafe Gottes ereilt hat." „Lästere nicht," sagte der Rabbi in ernst verweisendem Ton, „der Rathschluß Gottes ist unerforschltch, und wenn Er auch bisweilen dem menschlichen Auge einen Einblick in Seine Waltungen gestattet — nicht immer vermag unser schwacher Verstand zu erfassen, weßhalb Seine Weisheit diesen oder jenen Beschluß gefaßt." „Nicht immer," stimmte Baruch bei, „doch wenn wie hier, der Lästerung die Strafe auf dem Fuße gefolgt " „Miguel's Worte, die Du uns berichtet hast, enthalten keine Lästerung, denn es scheint-allerdings, als wäre zum mindesten die halbe Welt von einem wahnsinnigen Taumel erfaßt. Aber er hat auch darin recht, ein Narr macht hundert Narren und hundert machen zehntausend." „Onkel!" rief Baruch angsterfüllt. „Sei unbesorgt," entgegnete der Rabbi verächtlich, „Gott straft nicht den Unglauben an einen Gotteslästerer, an einen Elenden." „Um's Gotteswillen! — ich beschwöre Dich! — sprich' nicht so! — wie kannst Du denn wissen —" „Daß er ein Gotteslästerer ist? — Haben sie es denn nicht ausposaunt in alle Winde, daß, als er sich zum erstenmal seinen sogenannten Jüngern als Messias vorgestellt hat, er den Gottesnamen, den kein Jude aussprechen darf, ausgesprochen hat? — Und daß er auch im Uebrigen ein Elender ist — Du, der Du so viel über ihn gehört hast, hast Du denn nicht vernommen wie er's mit den Frauen treibt?" „Aber ich bitte Dich, Onkel, die Handlungen des Messias können doch nicht nach dem gewöhnlichen Maßstab des Zulässigen beurtheilt werden." „Thor! Thor! dreifacher Thor! wie kannst Du glauben, daß dem Messias unmoralische Handlungen erlaubt wären, die Dir verboten sind?" — „Und warum nicht? — er steht der Gottheit näher als ich, für ihn haben die Gesetze, die uns Andere verpflichten, keine Giltigkeit." „Unverbesserlicher Thor! — mit Dir ist nicht zu rechten," sagte Rabbi Juda ärgerlich, indem er sich in das anstoßende Zimmer begab. Baruch seufzte schwer, indem er sich wiederum Tirza gegenübersetzte. „Der Fanatismus des Onkels übersteigt alle Grenzen — nach so vielen Zeichen, nach so vielen Wundern dieser Unglaube. — Ich fürchte, fürchte sehr —" „Nach dieser Richtung hin fürchte ich nichts," sagte Tirza, die Stirn in Falten ziehend, wodurch die Aehnlichkeit mit ihrem Vater noch mehr als sonst hervortrat, „aber Du hast uns vorhin aufgefordert zu backen und zu braten, weil, Deiner Ansicht nach, morgen ein Freudentag ist — ich möchte doch wissen, wie Du den morgigen Tag zu verbringen gedenkst?" „Tirza," sagte Baruch erregt, „ich weiß, daß ich nicht verlangen kann, daß Du mir, gegenüber Deinem Vater, Glauben schenken sollst, deßhalb habe ich den Rabbi, der den betreffenden Brief des Messias erhalten hat, gebeten, denselben mir auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.