Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 78 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448196--32912-2480780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1487 eine Stunde leihen zu wollen, damit ich ihn Dir, und wenn der Onkel ihn sehen will, denselben auch ihm zeigen kann." Er zog bei diesen Worten ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Brusttasche, entfaltete es und las mit bebender Stimme: „Sabbatai Zewi, Messias und Erlöser des israelitischen Volkes, allen Söhnen Israels Frieden! Nachdem Ihr gewürdigt worden seid, den großen Tag und die Erfüllung des Gotteswortes durch die Propheten zu sehen, so müssen Eure Klage und Trauer in Freude und Euer Fasten in frohe Tage verwandelt werden, denn Ihr werdet nicht mehr weinen." „Freuet Euch mit Gesang und Lied und verwandelt den Tag, der sonst in Betrübniß und Trauer verlebt wurde, in einen Tag des Jubels, weil ich erschienen bin." „Ich hoffe, Du siehst es jetzt ein," fügte er hinzu, indem er das Blatt, nachdem er es ehrfurchtsvoll an die Lippen gedrückt batte, wieder zusammenfaltete und in die Tasche schob, „Du siehst es ein, daß das morgige Fasten unzulässig wäre." Das junge Mädchen kräuselte verächtlich die Purpurlippen und schien im Begriffe, zu antworten, aber Vater, der inzwischen wieder in das Zimmer getreten war, kam ihr zuvor. „Es ist merkwürdig, Du scheinst alles vergessen zu haben, was Du gelernt hast. Weißt Du denn nicht, daß es in der Gemoroh ausdrücklich heißt.- und wenn selbst der Prophet Elijahu käme und wollte nur einen einzigen Minhag ändern, wir dürften ihm nicht folgen." „Das habe ich mit Nichten vergessen," entgegnete der junge Mann gereizt, „aber seit der Messias erschienen ist, haben die Aussprüche der Rabbinen doch keinen Werth mehr." „Nicht?" fragte Juda höhnend, „und woher weißt Du denn das?" „Woher ich das weiß? — aber ich bitte Dich, Onkel, das geht ja aus allem hervor." „Ich weiß nicht, was Du „alles" nennst." „Ich meine aus jedem Sendschreiben, aus jedem Wort, das uns von und über den Messias zukommt." „Jetzt bist Du, wo ich Dich haben wollte", sagte der Rabbi, indem er einen Sessel herbeischob und sich dem jungen Manne gegenübersetzte. „Laß uns nun nocki einmal ruhig über diese unglückselige Angelegenheit miteinander reden. — Baruch, mein Sohn, Du bist kein Ignorant, bis vor wenigen Monaten hast Du sogar gut gelernt. — Und nun sagst Du selbst, daß jedes Wort, das von und über denjenigen bekannt ist, der sich der Welt als Messias vorgestellt hat, mit den Aussprüchen der Rabbinen, oder, um mich deutlicher auszudrücken, mit der Gemoroh im Widerspruch steht — und dennoch könntest Du ihn als den uns von Gott gesandten Messias betrachten wollen?" „Aber, mein Gott! warum denn nicht?" „Warum nicht? — sage Du mir lieber, warum ja. Was kann der Messias wollen, wenn er die mündliche Ueberlieferung des Gottesgesetzes nicht anerkennt?" „Aber haben wir denn nichts anderes, als die mündliche Ueberlieferung? — Ijabett wir nicht das geschriebene Gottesgesetz?" „Wenn wir die mündliche Ueberlieferung nicht hätten, wäre das geschriebene Gottesgesetz für uns ein durch sieben Siegel verschlossenes Buch. Nicht Ein Gebot vermöchten wir dem göttlicheu Sinne vollkommen entsprechend zu beobachten. In dem geschriebenen Gottesgesetz sind die Gebote uns nur angedeutet, und der menschliche Geist ist viel zu schwach, um aus der einfachen schriftlichen Andeutung den ganzen Umfang und die ganze Tragweite der Gebote folgern zu können. — Oder wärest Du vielleicht ohne die mündliche Ueberlieferung im Stande, auch nur ein Thier dem Gottesgesetze entsprechend zn tödten?" Baruch fuhr sich mit der Hand über die Stirn und murmelte einige unverständliche Worte. „Du wärest es nicht im Stande," fuhr Rabbi Juda fort, „Du so wenig als ich oder als jener Betrüger, der es wagt, für den von Gott gesandten Messias sich auszugeben. — Und hätte ich nichts anderes von ihm gehört, als das, was Du soeben über ihn geäußert, daß er nämlich die Aussprüche der Rabbinen als nicht verbindend anerkennt, so wäre ich überzeugt, daß er der uns von Gott verheißene Messias nicht sein kann." „Aber alle die Zeichen, alle Wunder?" „Roch weiß ich weder von Zeichen, noch von Wundern." „Weil Du nichts davon wissen willst," entgegnete der junge Mann mit schlecht unterdrückter Heftigkeit, „aber in allen Briefen —" „Das Papier ist sehr geduldig,,, erwiederte Rabbi Juda in wegwerfendem Ton, „oder wären Dir vielleicht die Schreiber jener Briefe als glaubwürdige Leute bekannt? — Doch selbst wenn sie es wären, wenn ich auch von der Thatsächlichkeit jener angeblichen Zeichen und Wunder so fest überzeugt wäre, wie ich von dem Gegentheil überzeugt bin — so wäre ich dennoch überzeugt, daß jener Sabbatai Zewi der uns von Gott verheißene Messias nicht sein kann. — Denn wer sich mit dem Gottesgesetz in Widerspruch setzt — sei es mit dem schriftlichen oder mit dem mündlichen — der ist kein Gottesgesandter."