Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 77 (28.9.1891)
- Date
- 1891-09-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1474 ich hier auf dieses Geschehniß verweise, so geschieht es in einer doppelten Absicht: einmal um zu zeigen, daß man über die gelegentliche Mißachtung der Taufe durch Elemente, wie wir sie in den deutschsozialen Antisemiten finden, sich nicht zu verwundern braucht, wenn ein Stöcker im Landtage in so geringschätziger Weise von der Taufe zu reden wagt, und sodann um die innere Verwandtschaft Stöckers mit solchen Elementen, die ja mehr und mehr zu Tage tritt, auch an diesem Vorfall nachzuweisen." Gewiß kann ein gläubiger Ehrist garnicht ananders über Stöckers Chriftenthum urtheilen als es hier geschehen ist, und ist ihm erst das christliche Mäntelchen, in das er sich hüllt, abgestreift, so steht der wüste Agitator da, der um nichts besser als Böckel und Konsorten, vielleicht nur mehr formgewandt in seinen Reden ist. Hier ist es nicht ein Jude oder „Judenknecht", welcher Stöcker in seiner wahren Gestalt zeichnet, es ist ein Mann, der auf ausgesprochen positivem christlichen Standpunkt sich befindet, bibelgläubig und bibelfest, an dessen Christenthum nicht zu mäkeln und zu kritteln ist, und dies gibt der Schrift ihren großen Werth. Mau sieht in jenen Reihen der Christenheit, die auch nicht dem politischen Freisinn und noch weniger dem religiösen Freisinn angehören, wie gefährlich das Treiben eines Stöcker und der ihm nahestehenden Deutsch-Sozialen sei, daß diese nur zu sehr dazu angethan sind, das Chriftenthum zu schänden und die christliche Gesinnung im Volke zum Wanken zu bringen; daß das Treiben des Antisemitismus in sittlicher und religiöser Beziehung die Volksseele zu vergiften drohe. Ein packendes Beispiel hierfür ist das schamlose Auftreten der Antisemiten in der Kassel-Melsunger Wahlbewegung, worüber sich der Verf. unter Vorlegung von Aktenstücken des weiteren ausläßt. Daß der Verf. bic antisemitische Bewegung auch deßhalb perhorrescirt, weil sie die Bekehrung der Juden zum Chriftenthum erschwere, ist für die Beurthetlung und Werthschätzung dieser Schrift irrelevant. Der Verf. meint es ehrlich, und darum grollen wir ihm durchaus nicht, wenn er den oben erwähnten Wunsch offen ausspricht; er wird uns aber auch nicht grollen, wenn wir es aussprechen, daß so wenig wie der Sturmwind uns den Mantel abtrotzen konnte, so wenig die Sonne ihn uns abschmeicheln wird. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. - Gladenbach, 18. Sept. Ein schönes Fest feierte heute die hiesige israelitische Gemeinde, die Einweihung der neuerbauten Synagoge. Von Rah und Fern waren Fremde herbeigeeilt und heute Mittag bewegte sich ein stattlicher Festzug durch die festlich geschmückte Stadt von der interimistischen Synagoge zum neuen Gotteshause. Zu der Feier war Herr Landrath Geh. Negierungsrath Seybert aus Biedenkopf erschienen; auch bemerkten wir im Zuge den Herrn Geistlichen der kath. Gemeinde. Die evangelischen Pfarrer waren dem Zuge ferngeblieben, an dem sich die hiesige Bevölkerung aller Kreise stark betheiligte. Der Gemeinderath unter Führung des Herrn Bürgermeisters war in eorxore anwesend. In der neuen Synagoge wurde nach den einleitenden Gesängen, ausgeführt vom Synagogen-Chorverein, die Weihe durch Herrn Provinzialrabbiner Dr. Munk aus Marburg in einstündiger, ergreifender und schwungvoller Rede vollzogen. Die Synagoge wurde von dem Synagogen-Berschönerungsverein aus Vereinsmitteln erbaut, und es hat sich auch hier das Wort bewährt: „Viele wenig machen ein Viel, vereinte Kräfte führen zum Ziel." Berlin, 24. September. Zur Auswanderung der russischen Juden wird dem „Lok.-Anz." von authentischer Seite geschrieben: Bei dem bekannten Philantropen Simmel, dem rührigsten Mitgliede des Berliner Comitö's zum Schutze der ausgewiesenen russischen Juden, gehen täglich aus Rußland zahlreiche Gesuche ein, doch den Auswandererstrom in erster Linie nach Palästina zu leiten, besonders aller ackerbautreibenden Petenten. Die Absicht, sie in Südamerika anzusiedeln, stößt dort bet den Emigranten vielfach auf Schwierigkeiten. Die große Mehrzahl wünscht vielmehr nach Kanaan auszuwandern, um dort als Bauern ihr Dasein zu fristen. Berlin, 20. September. Heute wurde im Norden ein Gotteshaus festlich eingeweiht. Dasselbe ist in bescheidenen aber würdig ausgestatteten Räumen in der Lothringerstraße untergebracht. Das Innere des kleinen Betsaales, der 170 Männer- und Frauensitze enthält, ist aus dem Atelier des bekannten Malers Bodenstein mit geschmackvollen Wand- und Deckenmalereien unentgeltlich geschmückt worden. Den feierlichen Weiheakt, dem eine angemessene Predigt folgte, vollzog der Rabbiner Dr. Grünfeld. Berlin, 20. Sept. Das Hauptorgan unserer Hochtories, welches ebenso antisemitisch ist, wie die Hetzblätter der ausgesprochenen Antisemiten, wittert und denuncirt überall -jüdischen Einfluß. Auch in ihrem Raisonnement über den Beschluß des Juriftentages betr. das Trunksuchtsgesetz kann die „Kreuzztg." sich dieser Gewohnheit nicht entschlagen, indem sie die jüdische Confession einiger Redner betont. Das antisemitische Blatt wäre in seinen alten Fehler vielleicht nicht verfallen, wenn es in der gesinnungs-