Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 77 (28.9.1891)
- Date
- 1891-09-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1468 nicht der Presse gegenüber in die Rolle drängen lassen, die seiner unwürdig sei und nur zu leicht dazu führen könne, daß jedes freie, unerschrockene Wort vor der Oeffentlichkeit unterdrückt und eingeschüchtert werde. Der Richter soll sich hüten, der Todtengräber der öffentlichen Meinung zu werden. Aber auch wenn man hier der weiteren Auffaffung huldigen wolle, könne man zu keiner Verurteilung gelangen, denn die Flugblätter seien auch nicht geeignet, das natürliche Rechtsgefühl im Publikum zu erschüttern. Es gehe mit ihnen, wie mit allen Blättern politischen Inhalts. Die eine Partei ärgere sich über sie, während die andere ihnen zuftimme. Wenn da allemal die Partei, die sich ärgere, Anzeige wegen groben Unfugs erstatten könnte, da würde bald gar keine Zeitung mehr erscheinen können. Das hieße das Ansehen und die Bedeutung der Presse untergraben. Weilbirrg, 23. Sept. Die bei Gelegenheit des morgen in Weilmünster stattfindenden Marktes angesagte Versamcklung der Antisemiten unter freiem Himmel ist wegen zu befürchtender Ruhestörungen vom hiesigen Landrath untersagt worden. Weilmünster, 25. Sept. Der heute hier abgehaltene antisemitische „Markttag" endet mit einem großen Mißerfolg der Antisemiten. Böckel wurde ausgelacht, drei andere Antisemiten wurden feftgenommen. Hamburg, 34. Sept. Zum Generaldirector der neuerdings von Baron Hirsch ins Leben gerufenen Aktiengesellschaft für jüdische Kolonisation wurde der hiesige Kaufmann Korkus, langjähriger Disponent der Kaufmannsfirma Breymann u. Hübner, ernannt. Korkus ist Russe von Geburt und als gewandter Organisator bekannt; er siedelt demnächst nach Paris über. Eydtkuhnen, 23. Sept. Unter den vielen russ. Auswanderern befinden sich nicht allein Arbeiter der verschiedensten Klassen, sondern wir bemerken auch Künstler darunter. So waren vergangene Woche einige jüd. Familien hier, die aus Moskau ausgewiesen waren, und Musiker sind. Aller Baarmittel entblößt kamen dieselben hier an und konnten deßhalb nicht Weiterreisen. Theils wurden sie vom Comit« verpflegt und theils suchten sie selbst durch Concerte in Restaurationen Geld zu verdienen. Nachdem dieselben einige Mal Abends gespielt hatten und man sah, daß man Künstler vor sich hatte, gaben dieselben ein programmmäßiges, prachtvolles Concert vor vollbesetztem Saale. Juden und Christen waren erschienen, um die schöne Musik zu hören und um Wohlthätigkeit zu üben. Fünf Mann, schon zum Theil recht bejahrte, gaben das Concert und spielten Violine, Flöte, Baß undCimbal. Besonders erregte das Spiel eines älteren Herrn großes Erstaunen und Bewundern, der seiner Violine die schönsten Vogelstimmen zu entlocken verstand. Von hier aus reisten dieselben weiter, um in einigen Städten Concert zu geben. Speyer, Lehrer. Ulm a. d. Donau, 24. Sept. Der Gemetnderath beschloß heute, der „Ulmer Schnellpost" wegen ihrer antisemitischen Agitation den Titel „Städtisches Amtsblatt" zu entziehen. O e st e r r. - U n g a r. Mo n a r ch i e. Budapest. Der evang.-reform. Bischof Gabriel Pap hat an das Präsidium des ersten ungarischen israelitischen Krankenunterstützungs- und Leichenbestattungsvereines in Budapest, welcher ihn zum Ehrenmitgliede gewählt jhat, das folgende Schreiben gerichtet: Sehr geehrter Herr Präsident! Haben Sie die Güte, den Mitgliedern des israelitischen Krankenunterstützungsvereines meinen Dank für die einstimmig erfolgte, mich so sehr ehrende Wahl zum Ehrenmitgliede des Vereins zu verdolmetschen. Mit meinem Aufrufe habe ich nur eine Pflicht erfüllt, habe ich nur die Eingebung eines menschlich fühlenden Herzens befolgt. Es ist bedauerlich, daß wir gerade in unserem Zeitalter, da der Fortschritt in allen Zweigen der Wissenschaften ein so großer ist, die Schrecken des Mittelalters zu neuem Leben erstehen sehen in jenen Atrozitäten, welche Menschen gegen ihre menschlichen Geschwister nur darum verüben, weil ihre Glaubensprinzipien verschieden sind und sie nicht nach einem und demselben Ceremontel den einzigen Gott anbeten, der unser aller liebender himmlischer, süßer Vater ist, der nicht darauf sieht, von wem und mit welchem Ceremoniel er angebetet wird, sondern der die menschlichen edlen Gefühle des Herzens und die diesen Gefühlen entstammenden guten Handlungen gnädig aufnimmt und belohnt, der Barmherzigkeit will und kein Opfer. Ich habe den festen Glauben an die bessere Zukunft, an den die Unmenschlichkeiten vernichtenden Geist des fortschreitenden Zeitalters, an den Sieg der Aufklärung. Jener Rückfall, der sich in den russischen Atrozitäten, in den an mehreren Orten sich zeigenden retrograden Richtungen, in der Verherrlichung des Zeitalters der Schrecken: des finsteren Mittelalters, zeigt, ist nur scheinbar und dient als Mittel dazu, daß der wirkliche Humanismus einen umso glänzenderen, einen umso vollständigeren Steg erringe, nach den Worten des großen Dichters : „Die Zeit ist gerecht, sie stürzt um, was nicht gerecht".... „Die Zeit ist der Führer der guten Seelen, sie stellt sich zu deren Vertheidigung." Die russische Verfolgung ist keine That des Christen-