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Der Israelit · 1891-09-28 · Heft 77 (28.9.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 77 (28.9.1891)
Date
1891-09-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1466 Handlung durch blaue Male im Antlitz an sich trug. Bei der Gefahr, in welcher ihr Mann schwebte, ließ sie sich nichtsdestoweniger herbei den Fürsten um Gnade zu bitten. Aber statt ihr zu antworten, fragte sie der Fürst, woher die Verletzungen rühren, die sie so schwer entstellten. Sie gab zuerst ausweichende Antworten, aber als sie füglich genöthigt wurde die volle Wahrheit zu sagen, loderte der Zorn des Fürsten noch höher auf. Die Fürsprecherin war gegen ihren Willen zur Anklägerin geworden. Die Rücksichtslosigkeit und Rohheit des Mannes, wurde gerade durch sein Weib erst recht offenkundig, so daß er der Gnade unwürdig erschien, um welche er flehte. Aehnlich verhält es sich mit uns an Rosch- Haschono. Wir wissen, daß an diesem Tage Gott über uns als Richter seines Richteramts waltet, daß an diesem Tage über unser Wohl und Wehe entschieden wird, daß wir mehr als je auf die Gnade Gottes für uns, unser Haus und die Gesammtheit angewiesen sind, nawn und o»an3'd’ipj/ö Volle, rückhaltlose Rückkehr zu Gott und unverkürzte Erfüllung des göttlichen Willens sind der einzige Schild, der das strafende Verhängniß des göttlichen Richterspruchs abzuwenden vermag. Jede Mizwa, die wir geübt, ist eine rettende That, wird zum Anwalt in der Stunde des Gerichts. Jede Awera, die uns belastet, wird zum Ankläger vor Gottes Richterthron und drängt auf strafende Vergeltung. Die erste Mizwa, die so alt ist als die Weltschöpfung selbst, ist der Sabbat. Wie die Hcilighaltung des Sabbat die erste Mizwa ist, so ist sie auch das letzte Ziel aller Entwickelung der gesammten Menschheit, der eine Zeit ros? ibw, die vollkommen Sabbat ist als das letzte Ideal, als der höchste Preis alles menschlichen Strebens und Rin* gens winkt. Wenn nun Rosch-Haschono mit dem Sabbat zusammenfällt, wenn der Ruf, der uns vor den Richterthron ladet, uns bei der Heilighaltung des Sabbat findet, so ist diese Mizwa an und für sich ein überaus beredter Fürsprech, der zu unseren Gunsten plaidirt — wenn wir den Sabbat wirklich in Ehren halten. Aber der Sabbat wird unser lautester Ankläger, wenn wir ihm nicht die gebührende Achtung und Ehre erwiesen, wenn der uns am Rosch-Haschono vor Gottes Richterthron begleitende Sabbat, die unverkennbaren Spuren der Gleichgiltigkeit und Geringschätzung offen an sich trägt. Deßhalb bedeutet in Zeiten, in welchen Israel den Willen seines himmlischen Vaters erfüllt und somit auch dem Sabbat gebührend Rechnung trägt, Rosch-Haschono am Sabbat ein günstiges Omen für das kommende Jahr. In Zeiten da. gegen, in welchen der Sabbat mißachtet und gar öffentlich entweiht wird, muß der Sabbat an der Schwelle des neuen Jahres zum lauten Ankläger für seine Entweiher werden. Angesichts dieser Erwägung mögen wir wohl mit banger Scheu dem neuen Jahre entgegen blicken, das mit einem Sabbat eröffnet. — Es ist ein schweres, mit Prüfungen und Heimsuchungen mannigfacher Art reich bedachtes Jahr, das in wenigen Tagen schließt. Schwere Wolken drohen über unseren Häuptern, und aus mächtig bewegter Seele, ringt sich in diesen Tagen die Bitte zum Vater der Menschheit empor: .naiv nw tnn u>a» „Unser Vater, unser König, gewähre uns ein gutes neues Jahr!" — Soweit das Auge reicht, macht sich eine feindliche Strömung gegen Judenthum und Judenheit geltend. Was wir in unseren Tagen täglich an uns selber erfahren, ist so wunderbar eigenartig, daß sich vielleicht keine Zeit der jüdischen Diaspora damit vergleichen läßt. Wohl haben wir in den hinter uns liegenden Jahrhunderten Härteres und Unerträglicheres zu erdulden gehabt, als in unserer Gegenwart. Aber in Zeiten, in welchen nicht nur den Juden gegenüber, sondern überall sonst, das Recht der Gewalt, die Humanität der Brutalität, das Menschenrecht dem Faustrecht weichen mutzte, mochten sich auch unsere Väter leichter über die Vergewaltigung trösten, die ihr ganzes Leben bedeutete. In einer Zeit dagegen, welche den Fortschritt, die Menschenliebe, ja selbst die Thierliebe, die Gleichheit und Brüderlichkeit so laut verkündet und sie gerade den Juden gegenüber so ostentativ verleugnet, in einer solchen Zeit legt uns jeder Tag aufs Neue die Wahrheit nahe: .uns xbx ihn ub ys u»3n „Unser Vater, unser König, wir haben keinen König außer Dir." Wir haben Niemand, bei dem wir Schutz suchen und finden können, als unseren Vater im Himmel! Wie müßten wir in solcher Zeit mit doppeltem und dreifachem Ernst unser ganzes Sinnen und Streben darauf richten, den Willen Gottes zu erfüllen, und wie hat es trotzdem vielleicht nie eine Zeit gegeben, in welcher der Abfall von Gott und Seinem Gesetz so furchtbare Dimensionen angenommen hat, als gerade in unseren Tagen. Der Sabbat, dieses 'ja yni wa nw, dieses Zeichen unserer Unterordnung unter Gott, dieser Maßstab für die Innigkeit und die Lockerung des Bandes, das uns mit Gott verbindet, zeugt laut gegen uns. Gibt cs doch heutzutage große jüdische Gemeinden, in denen sich fast kein einziges jüdisches Haus mehr befindet, in welchem der Sabbat dem Gesetze Gottes gemäß geheiligt und gefeiert wird. Gott hat den Sabbat aber nicht nur geheiligt, auch gesegnet hat

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