Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 76 (24.9.1891)
- Date
- 1891-09-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Erft« Beilage m.D 76 d« „Israelit Jeschurun" Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Bielefeld, 13. Sept. Die „Saale-Zeitung" bringt in ihrer neuesten Nummer folgende Mittheilung aus Berlin: Einer Anregung des Bankiers S. von Bleichröder Folge gebend, hat der Reichskanzler das Auswärtige Amt angewiesen, auf diplomatischem Wege bei der brasilianschen Regierung die in großem Maßstabe geplante Einwanderung russischer Israeliten zu befürworten. Dem kaiserlichen Gesandten in Rio sind in diesem Sinne bereits Instruktionen ertheilt worden. Auch weilt dort seit etwa 8 Tagen ein Delegirter des jüdischen Central-Eomites, das die Leitung dieser Ansiedelung in die Hand genommen hat. Breslau, 14. September. Vom antisemitischen Breslauer Amtsrichter Wiedemann erzählt die „Breslauer Ztg." noch folgenden Vorfall, welcher beweist, daß Herr Wiedemann auch in seiner amtlichen Thätigkeit seine antisemitische Gesinnung dokumentirt hat. Herr Amtsrichter Wiedemann hat nämlich, wie die der „Vresl. Ztg." im Original vorliegenden amtlichen Schriftstücke bezeugen, kein Bedenken getragen, einen angesehenen jüdischen Kaufmann, den er als Zeugen zu vernehmen hatte, mit Bezug auf dessen Konfession aufs Schwerste zu beleidigen. Jener Zeuge war Gläubiger eines österreichischen Kaufmanns, gegen welchen die Einleitung eines Strafverfahrens im Gange war. Es mag hier vorweg bemerkt werden, daß das Strafverfahren nach näherer Prüfung der Sache niedergeschlagen worden ist. Herr Amtsrichter Wiedemann hatte den Breslauer Kaufmann, nennen wir ihn X., u. A. darüber zu befragen, ob sich derselbe in seiner Eigenschaft als Gläubiger des österreichischen Kaufmanns A. einem gegen letzter» eingeleiteten Strafverfahren anschließen wolle oder nicht. X. verneinte die Frage mit der Begründung, daß er dem A. das ihm zur Last gelegte Vergehen nicht zutrane, ta er ihn persönlich als rechtschaffenen und braven Mann kenne. Dem wiederholten Drängen des Herrn Amtsrichters Wiedemann, sich doch dem Strafantrage anzuschließen, gab Herr X. gleichwohl aus den angeführten Gründen nicht nach, worauf Herr Amtsrichter Wiedemann erklärte: „Ich werde Ihnen sagen, weßhalb Sie sich dem Strafantrage nicht anschließen; Sie sind jüdisch und A. (der Beklagte) ist auch jüdisch." Selbstverständlich beschwerte sich X. über Herrn Wiedemann wegen dieser unerhörten, beleidigenden Unterstellung. Die Thatsache, daß er den Zeugen X. in dieser Weise haranguirt habe, mußte Herr Amtsrichter Wiedemann bei seiner Vernehmung durch die Vorgesetzte Behörde zugeben. Herr X. hatte die Genugthunng, daß der Justizminister durch Bescheid vom 29. November 1890 der an ihn gelangten Beschwerde Folge gab und den zuständigen Oberlandesgerichts-Präsidenten anwies, Herrn Wiedemann das Unangemessene seiner Aeußerung vorzuhalten. Also nicht einmal im amtlichen Verkehr mit dem Amtsrichter Wiedemann war man sicher vor der Bethätigung seiner antisemitischen Gesinnung. Interessant ist jedenfalls noch die Thatsache, daß der inzwischen nach Berlin übergesiedelte Kaufmann X. seit der Zeit, da er mit Herrn Amtsrichter Wiedemann in amtliche Berührung gekommen war, durch die von Breslau aus erfolgte Zusendung von antisemitischen Schmähschriften und Flugblättern belästigt wurde. Danzig, 17. Sept. Ein bedauerlicher Zwischenfall hat unter den russischen Badegästen des unweit von hier gelegenen Seebadeortes Zoppot große Entrüstung erregt. Der Sachverhalt stellt sich nach den vereideten Zeugenaussagen wie folgt: Kürzlich begleitete am späten Abend der Großhändler Cohn aus Warschau zwei höchst achtbare Damen, welche zur Kur in Zoppot weilen, vom Knrhause nach der Wohnung der letzteren (Eisenhardtstraße). Auf dem Wege dahin begegnete ihnen ein augenscheinlich angetrunkener Nachtwächter, welcher die Damen in frechster Weise anredete und schließlich Herrn C. mit Worten belästigte, die diesen zu einer barschen Erwiderung veranlaßten. Der Wächter ging nun zu Thätlichkeiten über, er versetzte Herrn C. Schläge aus den Kopf und in das Gesicht und hetzte dann den Hund auf ihn, der ihm den Paletot zerriß. Die Damen liefen unterdessen in das nächste Haus und schrieen um Hilfe. Es wurde der Wachtmeister hinzugerufen und dieser suchte Herrn C. mit den Worten zu beruhigen: „In Rußland kommen noch ganz andere Geschichten als solche vor." Herr C., dem bei diesem Rencontre auch die Brille von den Augen geschlagen worden war, beschwerte sich am nächsten Tage über die ihm angethane Mißhandlung bei dem hiesigen russischen Generalkonsul Baron von Wrangel; dieser zeigte den Vorfall der Staatsanwaltschaft an und forderte in energischer Weise die strengste Bestrafung des Nachtwächters, beschwerte sich aber auch über die Worte des Wachtmeisters: „In Rußland kommen noch ganz andere Geschichten als solche vor", welche für das russische