Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 76 (24.9.1891)
- Date
- 1891-09-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1443 in die Halle. Sämmtliche Hausleute waren dort versammelt und auch mehrere Fremde, ihr Blick suchte ihren Bruder. „Juanito!" rief sie. Er kniete dort in der Nähe des Hausthores neben einer Bahre, über die er sich geneigt hatte. Als er seinen Namen rufen hörte, richtete er sich hastig auf und wollte zu ihr eilen, aber sie hatte bereits denjenigen erkannt, der dort auf der Bahre lag, laut schluchzend warf sie sich über die Leiche ihres Gatten. Sie hatte ihn erst in einigen Wochen erwartet, er hatte jedoch seine Geschäfte früher beendet und gedachte, sie zu überraschen. Von seinem Reitknecht begleitet, hatte er zu Pferde die Heimreise angetreten. Doch schon in der Nähe der Hauptstadt war sein Pferd scheu geworden und hatte den Reiter abgeworfen, er war mit dem Kopf auf einen Steinhaufen geschleudert worden und hatte nicht lange gelitten. Juanito betrachtete es als Fügung, daß er in dieser schrcckensvollen Stunde der Schwester zur Seite sein konnte. Sie hatte den Verstorbenen aufrichtig geliebt, in den ersten Tagen war sie vollständig fassungslos. Als jedoch der erste wilde Ausbruch ihres Schmerzes sich gelegt hatte, da war es dem Bruder ein Leichtes, sie zu überreden, mit ihm und ihren Kindern die Heimath zu verlassen, um in einem fernen, freien Lande, vereint mit ihm, ein neues Leben zu beginnen. Zwar mußten sie, um das Aufsehen eines vollständigen Aufbruches zu vermeiden, einen nicht unbeträchtlichen Theil ihres Vermögens zurücklassen; auch die freundliche Villa, die Jsabella bewohnt hatte, wagten sie nicht zum Verkauf auszubieten, nur was sie ohne aufzufallen, mit sich nehmen konnten, das nahmen sie mit. Es war auch das noch ein nicht unbedeutendes Vermögen. Den Freunden in Madrid hatten sie mitgetheilt, daß Jsabella mit ihren Kindern den Bruder nach Sevilla begleiten lwerde, während Juanito nach Sevilla berichtet hatte, daß er die Schwester vorläufig nicht verlassen könne; so ward ihre Abwesenheit an keinem Orte auffallend, und schon nach einigen Wochen befanden sie sich auf dem Schiffe, das sie nach dem Norden, ihrer zukünftigen Heimath zuführte. Wie so viele ihrer Glaubensgenossen vor ihnen und nach ihnen, hatten sie Amsterdam als ihr künftiges Domicil gewählt. Juanito hatte sich gleich nach ihrer Ankunft dort an hervorragende Glaubensgenossen gewandt und war unter ihrer Anleitung mit den Seinen offen zum Judenthume zurückgekehrt. Dann hatte er einen Lehrer ausgenommen, der sie unterweisen mußte in den Pflichten, die ihnen noch fremd waren. Juanito lernte mit unermüdlichem Eifer, bald konnte er das Studium des Talmud beginnen und Tag und Nacht forschte er seitdem in dem Gottesgesetz, so daß er nach Verlauf einiger Jahre auch als Talmudgelehrter sich einen Namen erworben hatte. Bei ihrem Rücktritte zum Judenthum hatten sie, wie das üblich, andere Namen angenommen. Juanito hatte sich Juda genannt und nach der Heimath seiner Eltern Toledo, unter dem Namen Rabbi Juda Toledo kannte ihn jedes Kind. Jsabella hatte sich Leah genannt und ihre Kinder Baruch und Jakob. Rabbi Juda war eine stattliche Erscheinung, hochgewachsen, von stolzer Haltung, wie solche dem Spanier eigen, und seine kräftige Natur hatte durch den Wechsel des Klimas in keiner Beziehung gelitten, seine Schwester jedoch war unter dem rauheren Himmelsstrich auffallend rasch gealtert, selbst nach zwanzigjährigem Aufenthalt in der holländischen Hauptstadt hatte sie sich noch nicht acclimatisirt, und obgleich sie es nie bereut hatte, ihrem Bruder gefolgt zu sein und alle Pflichten einer jüdischen Hausfrau mit strengster Gewissenhaftigkeit übte, eine geheime Sehnsucht nach dem sonnigen Himmel ihrer früheren Heimath hatte sie nie verwinden können. Baruch und Jakob erinnerten sich kaum, daß sie je in einem anderen Lande und unter anderen Verhältnissen gelebt hatten. Unter der Obhut ihres Oheims waren sie herangereist zu braven, pflichtgetreuen Jünglingen, sie waren die Freude und der Stolz ihrer Mutter. Wenige Jahre, nachdem sie sich in Holland niedergelassen, hatte Rabbi Juda die Tochter eines der angesehensten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Amsterdams heimgefühlt und lebte seitdem in glücklichster Ehe. Seine Gattin Dinah war das Prototyp einer schönen Holländerin, ihre Formen weich und rund, ihre Hautfarbe lilienweiß, nur die Wangen vom schönsten Jncarnat überhaucht; die langen, blonden Wimpern, die ihre schönen, sanften Augen beschatteten, verricthen die Farbe ihrer Haare, die durch das goldene Sttrnblech der Holländerin, das Stirn und Schläfen umspannte, zurückgehalten waren, ein Häubchen von belgischen Spitzen verhüllte das Haar und fiel auf das glitzernde Stirnblech und schien die Frische ihrer Farbe noch zu heben. Ihre Tochter dagegen schien eine Vollblut- Spanierin vom Scheitel bis zur Sohle, mit jedem Zuge ihres reizvollen Gesichtes glich sie ihrem Vater, jede ihrer Bewegungen verrieth Anmuth und Feuer; ihre Tante Leah behauptete, daß sie das Ebenbild ihrer Großmutter väterlicherseits, und das dürfte der Fall gewesen sein, nur ihr Blick war