Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 76 (24.9.1891)
- Date
- 1891-09-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1441 hatten die jüdischen Flüchtlinge am Abend den Ausweisungsbefehl erhalten; sie durften die folgende Nacht nicht mehr in ihren Wohnungen verbringen, sondern mußten auf freiem Felde übernachten. Ihre Immobilien zu verkaufen, war ihnen unmöglich; sie mußten dieselben den Bauern, welche in den Häusern der ausgewiesenen Juden schon auf die zurückbleibenden Effekten warteten, zurücklasfen. Die Alliance Jsraelite hat denselben jetzt die Mittel zur Fahrt nach Amerika zur Verfügung gestellt. Rumänien. Dr. C. Bukarest, 13. September. Die Gräuel, die sich mit den Ausweisungen und Brodlosmachung der Israeliten in Rußland vollziehen, finden selbst in christlichen Kreisen Rumäniens warmes Mitgefühl. Leider sind es allerdings nur die Sozialisten, als politische Partei bei uns noch sehr klein, welche die Vorgänge im nordischen Reich sowohl, als auch was in Rumänien gegen die Juden geschieht, verdammen. So protestirte in einer sozialistischen Versammlung einer der Führer, Jon Catina energisch „gegen die Infamien, welche an den russischen Israeliten begangen werden und die keinen anderen als den religiösen Grund haben" und fand darin bei seinen Hörern lebhafte Zustimmung. Die „Munca" (Arbeit), Organ der Sozialisten, bringt des Oefteren Artikel in ähnlichem Sinn; in einem derselben schreibt C. G. D. V a sstltuu. A.: „Am Ende des 19. Jahrh. läßt man noch Unthaten zu, über welche die Christen selbst sich so viel beklagt haben, die aber die „frömmsten", derselben, wie sie sich nennen, mit empörender Frechheit begehen. Und das bürgerliche Europa schweigt." In anderer Form geschieht in Rumänien dasselbe. So kam der Gutsverwalter des „einflußreichen" Großbesitzers T. Lee ca über die Brücke bei Holt, Bezirk Bacau, und wollte dem israelitischen Aufseher das gesetzliche Brückengeld nicht entrichten. Der während des darüber entstandenen Disputs hinzugekommcne Lecca schlug den Aufseher Herschkowitz mit der Faust in die Augen derart, daß sie ihm anschwollen. Darauf ließ er noch dessen Vater und Bruder arretiren und als ein anderer Bruder nach der Polizei ging, um sich über das Schicksal derselben zu erkundigen und Aechzen und Stöhnen hörte, sah er nach dem Einschlagen einer Scheibe, daß sein Brüder mit einem Dolch blutig zugertchtet war. Nach solchen Gräueln kräht kein Hahn, denn Lecca ist „einflußreich" und allmächtig; oft gelangen sie gar nicht in die Oeffentltchkeit. — Es wird uns ja vorgeworfen, daß wir den Handel „an uns gerissen haben;" ein Bericht der Handelskammer (in Rumänien sind diese nur aus Christen zusammengesetzt — also einwandsfrei) in Botoschani an den Minister, mit Nr. 52, besagt aber ehrlich, daß den Rumänen der Handels¬ und Unternehmungsgeist, sowie jegliche Kenntnisse darin abgehen und daß sie sich gar nicht die Mühe nehmen, sich letztere anzueignen, darum also verschwindend wenig rumänische Kaufleute sind." Trotzdem die Sache sich so verhält, das Land aber doch den Handel dringend nothwendig hat, wird den Israeliten als nothwendigen Ersatz der fehlenden Christen der Handel in jeder Weise gestört. So z. B. in Braila, wo die Polizei Maßregeln erließ, daß die israelitischen Getreideexporteure auf dem freien Markt Produkte nicht mehr sollen kaufen dürfen, u. zw. auf Intervention der nicht blos christlichen, sondern auch antisemitischen Handelskammer von Braila, die auch einen bezügl. Gesetzentwurf dem Minister unterbreitet hat! So verkennt man sein eigenes Interesse und schädigt sich, blos um die Juden zu schädigen und sowohl diese, als auch die Christen, die von ihnen leben, arm zu machen. — Wir haben seit Kurzem einen neuen Unterrichtsminister, Herrn Ploni. Demselben wird in Bezug auf uns wenig Gutes nachgesagt und es soll viel Schlechtes von ihm zu erwarten sein: er ist die seltene Erscheinung eines dem okr atischen Antisemiten. Wir werden ja sehen. Amerika. Philadelphia, 4. Sept. Im südlichen Stadttheile von Philadelphia, welcher sehr stark von russischen und polnischen Juden bewohnt wird, macht sich eine starke antisemitische Bewegung unter den nicht-jüdischen Einwohnern bemerkbar. In letzter Zeit haben sich die Anzeichen dieser antisemitischen Strömung derartig vermehrt, daß der „United Columbus-Club" und der „Central-Rcpublikan-Club" bereits Schritte gethan haben, um eine bessere polizeiliche Beschützung der Juden zu erwirken. Es sind Petitionen in Umlauf gesetzt worden, in welchen der Mayor ersucht wird, dafür zu sorgen, daß die Polizei sich der russisch-jüdischen Bewohner des südlichen Stadttheils energischer annimmt und sie namentlich gegen Insulte und Mißhandlungen besser beschützt. > Vermischtes. Rödelheim, 16. September. Dem toleranten Geiste der hiesigen Bürgerschaft stellt es ein ehrendes Zeugniß aus, daß bei den am 10. und 11. ds. stattgehabten Neuwahlen von 18 Stadtverordneten auch 2 Juden in diese Körperschaft gewählt worden sind. Es sind dieses die Herren Mayer Lehrberger und Hirsch Lehmann. Ich bringe dieses erfreuliche Ereignrtz mit dem Bemerken zur öffentlichen Kunde, daß Herr Hirsch Lehmann, ohne daß er als Candidat bei dieser Wahl in Betracht kam, dennoch