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Der Israelit · 1891-09-21 · Heft 75 (21.9.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 75 (21.9.1891)
Date
1891-09-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1426 So sehr die Antisemiten auch bestrebt sind, alles Semitische aus der deutschen Literatur auszumerzen, wenn sie auch damit den deutschen Dichterwald entblößen; der Name Hieronymus Lorm wird genannt, so weit die deutsche Zunge klingt und wird genannt werden, so lange sie klingt. Und Hieronymus Lorm hat sogar viel, sehr viel Semitisches in die deutsche Dichtung hineingetragen! Selten ist ein menschliches Schicksal tragischer gewesen als Hieronymus Lorm'S. Von frühester Kindheit an kränklich, warf sich sein Schicksal aus die edelsten Sinnesorgane, so daß er mit 15 Jahren völlig taub und halb blind war, und niemals ist ein solches Uebel mit edlerer Resignation ertragen worden, daß der so schwer Heimgesuchte noch das Lob der Natur singt, wie Lorm in seinem Werke „Der Naturgruß". Das ist semitisches Empfinden, das Psalmen in den Leiden singt. Hieronymus Lorm stammt aus einer alten jüdischen Familie zu Nikolsburg in Mähren. Sein eigentlicher Name ist Heinrich Landesmann. Schon in seinem ersten Lebensjahre kam er durch die Uebersiedlung seiner Eltern nach Wien. Sein Elternhaus war der Sammelpunkt aller literarischen und Kunst-Großen der Kaiserstadt, und das kränkliche Kind war empfänglich sür die geistigen Eindrücke dieses Kreises. Durch seine physischen Leiden war Heinrich Landesmann auf den Weg der autodidaktischen Fortbildung angewiesen, aber dadurch gelangte er zu einer Innerlichkeit, die seinen ersten Büchern schon das Gepräge der Reife geben. Die im Jahre 1846 von ihm erschienenen „Wien's poetische Federn und Schwingen" nöthigten ihn, wegen ihrer politischen Färbung nach Berlin zu flüchten. In Berlin nahm er das Pseudonym „Hieronymus Lorm" an. Das Jahr Achtundvierzig führte ihn nach Wien zurück, wo er auf die hier neuerwachte Journalistik entscheidenden Einfluß nahm. Gutzkow bezeichnet in seiner Geschichte des Feuilletons Hieronymus Lorm als „den Schöpfer des deutschen Feuilletons, soweit es lebensphilosophischen Inhalt hat." Neben seiner journalistischen Thätigkeit begann er mit novellistischen Arbeiten. Von seinen vielen Romanen behandeln zwei „Gabriel Solmar" und „Der ehrliche Name" jüdische Verhältnisse, die er mit voller Objektivität schildert, Licht und Schatten gleich vertheilend. Im Jahre 1856 verheiratete sich Lorm und genoß nun die Freuden des Familienlebens, das ihm ein größeres Bedürfniß als jedem anderen Menschen war, weil sein gebrechlicher Körper einer Pflege und Stütze nicht entrathen konnte. Im Jahre 1873 übersicdelte er nach Dresden. Sein Geist zog ihn nach Deutschland, aber das zur Weltstadt gewordene Berlin sagte ihm weniger zu, als das von landschaftlichen Reizen umgebene Elbflorenz. Seitdem hat Lorm noch nicht zu schaffen aufgehört. Seine Arbeitskraft ermüdete so wenig, wie seine Phantasie — er muß ja arbeiten, um sein Haus zu erhalten. „Mein Loos ist so hart, daß ich alle Philosophie praktisch verbrauche", schreibt er, und sein höchster Wunsch: „Arbeiten zu können und etwas sorgenfrei zu leben", ist noch leider nicht in Erfüllung gegangen. So feierte der erste jetztlebende deutsche Dichter seinen siebzigsten Geburtstag in Sorgen um das Morgen. Wieder ein Beweis gegen die Lüge, daß die Juden ihre Größen poussiren. Wir haben nichts mehr für sie als die Bewunderung, daß sich bei unseren socialen Verhältnissen noch solche Größen entwickeln können und daß die Welt trotz allem Antisemitismus diese Größen doch anerkennt und sie feiert. Lorm ist eine durchaus eigenartige Erscheinung, nicht blos weil er, der Jude, ein deutscher Nationaldichter geworden: eigenartig ist sein persönliches Leben, eigenartig ist seine Poesie, in der das Metaphysische mit dem sinnlich Wahrnehmbaren wunderbar sich mischt. Lorm läßt sich nicht zu anderen Dichtern gruppiren, er muß für sich betrachtet werden, er macht den Antisemitismus zu Schanden, der dem Juden jede Originalität abspricht. Und wie sein Leben vollen Anspruch auf unsere Theilnahme hat, so müssen wir ihn selbst nicht nur hochachten als Charakter, wir müssen ihn auch liebgewinnen, den gebrechlichen Greis mit dem jugendfrischen Geist, der noch unermüdlich arbeitet, um den Unterhalt für sein Haus zu gewinnen — echt jüdisch, der bei aller Fruchtbarkeit seiner Mühe nichts erworben hat und den antisemitischen Anwurf Lügen straft, daß der Jude Kunst und Wissenschaft nur um Vermögen zu erwerben betreibt. Wir wünschen dem Jubilar einen heiteren und glücklichen Lebensabend. (Oesierr. Wochenschr.) itfabbatai Aewi. H i st o r i s ch e Erzählung Trust Srlnnav?. (Fortsetzung.) Juanito schüttelte den Kopf. „Nein," sagte er leise, aber mit Bestimmtheit, „nein, ich bin nicht wahnsinnig. Aber weißt Du denn nicht, daß uns unsere Mutter jene heiligen Worte hat beten lassen, Tag für Tag, Früh und Abend? — weißt Du nicht, was unsere Mutter uns doch gelehrt hat, daß sie die Einheit Gottes verkünden? — Daß sie das Glaubensbekenntniß des Volkes verkünden, dem wir entstammen, Du und ich — dem wir angehören, Du und ich, so lange wir athmen, wenn auch unsere heuchlerischen Lippen die Einheit Gottes leugnen, Tag für Tag —" „Juanito! — ich beschwöre Dich!" „Du weißt das alles nicht? — Du weißt nicht, weßhalb unsere Mutter gestorben ist? — Du weißt nicht, daß ihr das Herz gebrochen ist, weil sie nicht länger hat heucheln können? — weißt nicht, daß unser Vater —" „Ich weiß das alles," unterbrach sie ihn bebend, „o, wie oft habe ich in schlafllosen Nächten weinend daran gedacht." „Oft hast Du daran gedacht? — seltsam! — seltsam! — Doch freilich, Du warst älter, hattest bereits mehr Verftändniß als ich, als unsere Eltern uns entrissen wurden. — Denn ich, ich habe bis heute nie mehr daran gedacht, bis ich aus dem Munde jener Unglücklichen die Wahrheit vernommen, für die sie ihr Leben ausgehaucht — da ist

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