Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 75 (21.9.1891)
- Date
- 1891-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1427 es mir plötzlich klar geworden, was unsere Mutter uns gelehrt — da —" Die Sprache versagte ihm, wie ein Schauer durchrieselte es ihn. Jsabella nahm seine beiden Hände und drückte sie innig. „Armer, armer Bruder — ich begreife Deine Erschütterung — ich empfinde sie mit Dir — aber ich beschwöre Dich, gebiete Deinen wild aufgeregten Gefühlen Schweigen, dränge sie zurück, die Erinnerung, die —" „Was?" rief er auffahrend, „ich sollte weiter heucheln, nachdem ich die Wahrheit erkannt? — nimmermehr!" „Juanito!" stammelte Jsabella, von namenlosem Entsetzen erfaßt, „ich beschwöre Dich! — die Wände haben Ohren." „Mögen sie es hören! mag alle Welt es hören, daß ich Jude bin — laut will ich es verkünden!" „Heiliger Gott! — Du wirst uns alle in's Verderben bringen! — Dich und mich und alle die Meinen! — Juanito! fußfällig flehe ich zu Dir —" Sie war in die Knie gesunken, flehend hob sie die Hände zu ihm, er riß sie empor. „Was kniest Du vor mir? — bin ich ein Gott r „Nein, Du bist kein Gott," stammelte sie, „aber Du bist ein Mensch, der die Macht hat, mich und alle, die mir theuer sind, zu verderben. — O!" rief sie, in Schluchzen ausbrechend, „Du hast nicht nur die Macht, uns zu verderben — Du hast auch die Absicht, Du hast auch den Willen — o, meine Kinder! meine armen Kinder!" Er schaute hernieder auf die Weinende, in seinem Antlitze zuckte es; — er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und athmete tief auf. „Weine nicht, Jsabella," sprach er mit leiser, bebender Stimme, „Du hast nichts von mir zu befürchten. — Einen Augenblick war mir freilich jede Ueberlegung abhanden gekommen. — Doch jetzt bin ich ruhig — und ruhig lasse uns miteinander reden." „Gelobt sei Gott! — ich wußte es ja, Du konntest Deine Schwester nicht unglücklich machen wollen." „Gewiß nicht," betheuerte er flüsternd, „habe ich doch keinen Menschen, der mir näher stände, als meine Schwester. — Komm', setze Dich zu mir, dort auf den Divan, und flüsternd will ich Dir eröffnen, was ich beschlossen habe." „Was Du beschlossen hast? — wann hast Du einen Beschluß gefaßt? — wann?" „In dieser Minute — aber mein Entschluß steht fest, — unwiderruflich." „Keine Ueberetlung! — Juanito! — bei dem Andenken an unsere verstorbenen Eltern —" „Sei unbesorgt, ich wiederhole, Du hast nichts zu befürchten. — Aber Du hast wohl gethan, das Andenken an unsere dahingeschiedenen Eltern Dir ins Gedächtniß zu rufen." Er hatte sie bei diesen Worten auf den Divan gezogen und hatte sich neben sie gesetzt, mit leiser, vibrirender Stimme fuhr er fort: „Gedenke, Jsabella, der Verzweiflung unseres Vaters, als er die Verzeihung unserer Mutter erflehen wollte, daß er ihrem unablässigen Drängen, er möge mit ihr das Land verlassen, in dem sie den Glauben ihrer Väter nicht offen bekennen durften, nimmer entsprochen habe. — Erinnerst Du Dich?" Sie neigte bejahend das Haupt. „Ich erinnere mich." „Ich habe heute Männer sterben sehen — ich habe heute Juden sterben sehen für den Glauben unserer Väter — von Flammen umzüngelt jauchzten sie das Bekenntniß unseres Glaubens empor. — Im Anblick jener entsetzlichen Gräuel — im Anblick jener Verherrlichung Gottes erschien es mir als das Höchste, zu sterben für den Glauben der Väter. — Du hattest recht, als Du mich wahnsinnig schaltest — denn ohne Veranlassung in diesem unglückseligen Lande den Gott Israels laut verkünden zn wollen, das wäre Wahnsinn. „Es ist nicht wahr, es ist nicht das Höchste, ohne zwingende Veranlassung sterben zu wollen für den Glauben der Väter — sondern für ihn zu leben. — Und so habe ich denn beschlossen — unwiderruflich beschlossen, fortan nur für diesen Glauben zu leben — und weil das in diesem unglückseligen Lande unmöglich ist, so werde ich es verlassen." „Du willst fort?" flüsterte Jsabella, auf's neue erbleichend. „Ich niuß fort. — Nachdem ich die Heuchelei erkannt habe, die auch ich seit Jahren geübt, wäre es mir unmöglich, sie fortzusetzen." „Aber — hast Du auch bedacht —" „Nichts habe ich bedacht — gar nichts — denn es ist dabei nichts zu bedenken." „Wird es Dir so leicht, Deine Schwester zu verlassen? — die Einzige, die Dir auf Erden lebt?" „Das würde mir schwer werden, unsäglich schwer. — Dich und die Deinen — wen habe ich sonst? — Aber, Jsabella — was mich sorttreibt aus diesem Lande, sollte das nicht auch Dich von hinnen ziehen?" „Bist Du von Sinnen?" schrie sie auf, „meinen Gatten sollte ich verlassen? — meine Kinder?" „Deine Kinder sollst Du mit Dir nehmen, denn sie sind Juden, wie Du und ich. — Doch