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Der Israelit · 1891-09-21 · Heft 75 (21.9.1891) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 75 (21.9.1891)
Date
1891-09-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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so daß die Judennur zwei- oder dreimal ganz beiläufig und verhältnißmäßig sanft berührt wurden. Da überdies auch die bekannten, sonst selten fehlenden geistreichen Scherze diesmal gänzlich fehlten, so war selbst aus den Reihen der um die Rednertribüne geschaarten „bewährten Getreuen" nur ein verhältnißmäßig schwacher und sehr vereinzelter Beifall zu vernehmen. Rach Herrn Böckel erhielt Redakteur Schreiber-Frankfurt das Wort. Derselbe erklärte, er würde nach dieser unerwarteten Rede Böckel's sich kaum veranlaßt gesehen haben, das Wort zu ergreifen, wenn nicht Dr. Böckel wieder der antisemitischen Partei Verdienste zugesprochen hätte, die anderen Parteien zukämen. Redner bemerkte, er habe sicherlich nichts dagegen einzuwenden, wenn die Bauern Vereine gründen, wenn sie dabet die Juden davon ausschlössen, so sei das allerdings nach seiner Ansicht weder schön, noch klug, aber es sei das eben ihre eigene Sache. Zum Schluffe kam Redner dann noch auf die antisemitische Hetze im Allgemeinen zu sprechen und, indem er die gegenwärtig nicht gerade erfreuliche und beruhigende internationale Lage streifte, schloß er ungefähr mit den Worten: Wenn früher oder später das Unglück eines Krieges uns treffen sollte, so würde sicher mancher der heute in diesem Saale Anwesenden Schulter an Schulter mit jüdischen Mitbürgern dem Feinde entgegentreten müssen. Daun, in der Stunde der Roth und Gefahr, wenn er vielleicht auf die Hilfe des jüdischen Kameraden angewiesen sei, würde ihm sicherlich die Röthe der Scham auf die Stirne treten, wenn er daran dächte, daß er sich einstmals an der skandalösen Hetze gegen diesen Mitkämpfer und Freund in der Roth betbeiligt habe; um sich dieses demüthigende Gefühl zu ersparen, solle man sich von der Judenhetze fern halten und den Hetzern die Thür weisen. Während zu Beginn der Schreiber'schen Ausführungen aus den Reihen der Antisemiten hier und da Zwischenrufe laut geworden waren, wurden dieselben im weiteren Verlaufe von der Versammlung sehr aufmerksam angehört und an manchen Stellen von Beifall unterbrochen, der sich nach den Schlußworten äußerst lebhaft gestaltete. Desgleichen wurde ein von Herrn Conr. Linn-Gedern verfaßtes und mit Schwung vorgetragenes Gedicht gegen den Antisemitismus von einem großen Theil der Versammlung lebhaft akklamirt. Dr. Böckel's Erwiderung auf die Schreiber'schen Ausführungen klang, was allerdings begreiflich, sehr gedrückt und war inhaltlich das Absurdeste, was der „große Führer" vielleicht seit lange geleistet hat. Und das ‘toill etwas besagen. Als von der Böckel'schen Erwiderung Redakteur Schreiber, der in derselben wiederholt angegriffen worden war, sich nochmals zum Worte meldete, erklärte der Vorsitzende, ein Maler B i n d e w a ld, Herr Schreiber habe einmal das Wort gehabt, man wisse jetzt, daß er nicht zur antisemitischen Partei gehöre, sondern Demokrat sei, und es könne ihm daher „in dem Saal, den wir gemiethet haben", das Wort nicht nochmals ertheilen werden. Als sich gegen diese Mundtodtmachung lauter und lebhafter Protest erhob, richtete der Vorsitzende an die Versammlung die Frage, ob sie Herrn Schreiber noch hören wolle und erklärt dann, offenbar auf Winke vom Vorstandstische aus, trotzdem der Ruf: „Schreiber soll reden" ganz überwiegend laut wurde, die Versammlung in aller Eile für geschloffen. Dieser plötzliche Abschluß der Versammlung, dessen wahrer Beweggrund selbstverständlich auch dem einfachsten Verstände klar war, die „muthige" Verhängung der Mundsperre über einen angegriffenen Gegner hatte auf die Versammlung sichtlich einen nichts weniger als günstigen Eindruck gemacht und gerade noch gefehlt, um den eigenartigen „Triumph", den Herr Böckel heute davon getragen, zu vervollständigen. Aus Düsseldorf geht die Traueranzeige von dem am 2. September erfolgten Ableben des Rabb. Dr. A. W e d eil ein. Die ganze Gemeinde und die weitverzweigte hochachtbare Familie — der Verstorbene war ein Schwiegersohn des sel. Land- Rabbiners Dr. S. Meyer in Hannover, — betrauert tief den schmerzlichen Verlust des in den besten Lebensjahren ihnen entrissenen Seelsorgers, Gatten und Vaters. Es war ein längeres, unheilbares Leiden, das er ergebungsvoll trug, von dem der Tod ihn im eben begonnenen 43. Lebensjahre erlöste. Sein Verlust wird aber auch besonders noch in den weiten Kreisen jüdischer Handwerker beklagt werden, die in ihm eine wirksame Stütze verlieren; denn der Verstorbene hatte sich große Verdienste durch die Gründung des Vereins zur Verbreitung des Handwerks unter den Juden erworben. Wo er die Zwecke dieses segensreichen Vereins fördern konnte, da scheute er weder Opfer an Zeit, noch persönliche Mühen und Anstrengungen. Memel. Das Comit6 zur Unterstützung und Beförderung russisch-jüdischer Auswanderer an unserem Orte hat bis vor Kurzem mit ungeschwächten Mitteln und Kräften weiter gearbeitet und hat bis zur Stunde nahezu 7000 Personen die nöthigen Mittel zur Auswanderung nach überseeischen Ländern durch örtliche Unterstützungen und Ueberweisung an die ausführenden Comit6's in Stettin und Hamburg geboten. Alle Geldmittel bezieht das hiesige Comitü gegenwärtig vom Deutschen Central- Comitä in Berlin. Seit kurzer Zeit ist nun ein gewisser Stillstand in die Angelegenheit gekommen. Zurück! zurück! heißt die Loosung. Die Hafenorte,

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