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Der Israelit · 1891-09-17 · Heft 74 (17.9.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 74 (17.9.1891)
Date
1891-09-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1406 \ statt eine Geschichte der Juden zu schreiben, eine Entwickelungsgeschichte des Judenthums, d. i. der jüdischen Lehre zu verfassen unternahm, der Lehre und des Gesetzes, die ein Gegebenes sind. Es sollte demnach eine Geschichte geschrieben werden, „wo nichts geschehen war, es sollte eine Entwickelung gezeigt werden, wo sich nichts entwickelt hatte. Was Wunder, daß Kalliope der Klio den Griffel aus der Hand nehmen, daß man geflissentlich die Augen vor den klar darliegenden Thatsachen schließen, daß man Quellen verstümmeln, Fakta entstellen. Motive erdichten und sich an der Hand der gaukelnden Phantasie zu einer leichtfertigen, ungründlichen und unwahren Behandlung der Urkunden hinreißen lassen mußte, die unter der Leitung eines wahrhaft historisch forschenden Strebens ein wahres Räthsel sein würde." Die Verstümmelung der Quellen, die Entstellung der Fakta, die ungründliche und unwissenschaftliche Behandlung der Urkunden sind dem Schüler von seinem Lehrer Schritt für Schritt in einer umfangreichen Kritik so niederschmetternd gründlich nachgewiesen worden, daß bis zum heutigen Tage weder von Seiten des Verfassers, noch seiner zahlreichen Schüler auch nur der Versuch einer Widerlegung gewagt werden konnte. Der Verfasser begnügte sich damit, in der Vorrede zu einem spätern Bande seines Werks diese an der Hand der Urkunden geführte vernichtende Kritik mit einer Zeile abzuthun, indem er seinen Lehrer mit einem unwürdigen Epitheton belegte. So steht das Judenthum abseits der Bahre des Entschlafenen. Wir haben in ihm einen der Unsrigen zu beklagen, der, von dem Taumelgeiste eines dem Judenthum sich entfremdenden Kreises erfaßt, nicht der Wahrheit, sondern der Täuschung und dem Jrrthum gedient, während er so berufen wie befähigt gewesen wäre, Herrliches zu wirken zum Heile des Judenthums im Dienste der Wahrheit und ernsten Wissenschaft. Die Täuschung wird als solche dennoch einst erkannt werden, und an des Jrrthums Stelle wird die Erkenntniß der Wahrheit zur Herrschaft gelangen. Daran vermögen die Lobeserhebungen und die Ruhmesverkündigungen, die an dem Grabe des Verblichenen laut werden, nichts zu ändern. Hannover, 14. September 1891. Isaak Hirsch. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Bezüglich der Memeler Affaire habe ich nach Orientirung an competenter Stelle in Erfahrung gebracht, daß der Delegirte des Central- Comites nur correkt gehandelt und mehr als rücksichtsvoll seinen Obliegenheiten nachgekommen ist. Es hatten sich in Memel mehr denn 600 Auswanderer eingefünden. Das Rülf'sche Comit« hatte keine Mittel, dieselben weiter zu befördern. Da gefiel es einem Unberufenen der hiesigen Centralleitung im Namen des Memeler Comitös zu depeschiren, daß die 600 Unglücklichen in Memel ohne jeden Schutz dem tiefsten Elend preisgegeben wären. Unmittelbar nach Eintreffen des Telegramms begab sich der Delegirte, Herr Simmel, nach Memel, ließ die geeigneten Personen, welche derselbe zu einer überseeischen Reise befähigt hielt, aussondern und gab ihnen die erforderlichen Reisegelder. Den Andern wurde erklärt, daß sie wohl einige Zeit in Memel verpflegt, dann aber mittelst Wagen nach Rußland zurückbefördert werden müßten. Die Meisten erklärt sich bereit den Anforderungen zu folgen, ein kleiner Theil der Exulanten wollte dagegen von einer Subordination nichts wissen. Herr S. versammelte nunmehr die widerhaarigen Elemente und erklärte ihnen, daß nur noch ein Tag für deren Verpflegung gesorgt werden dürfte, und daß es ihnen dann freistehe nach eigenem Ermessen und eigener Verantwortung zu handeln. München, 14. September. Den Herren Antisemiten und Genossen diene zur Nachricht, daß zum erstenmale vor dem Kaiser deutsche active Offiziere jüd. Eonfession den Parademarsch ausgeführt haben — bei den bayer. Mannövern nämlich, welche zur größten Zufriedenheit des obersten Kriegsherrn verliefen. Ein jüd. Hauptmann, der seine Compagnie dem Kaiser vorführt, wie es diesmal im 12. Infanterie-Regiment der Fall war, ist das nicht ein Schauspiel, zu dem mau Herrn Stöcker hätte eigens einladen sollen? Oe st er r. - Ungar. Monarchie. Galgoez, 9. September Der Deputation der israelitischen Gemeinde, welche nebst anderen Deputationen vom Kaiser empfangen wurde, erwiderte auf ihre Ansprache Se. Majestät: „Ihre von guten Wünschen begleitete Huldigung nehme ich gerne entgegen, und indem ich Vertrauen in Ihre treuen und patriotischen Gefühle setze, versichere Ich Sie herzlichst Meines ferneren Schutzes und Meiner ferneren Gnade.j Z Graz in der Steiermark, 9. September. Am 1. d. M. hat in unserer Stadt, in der noch bis 1860 den Juden das Wohnen verboten war, wo aber jetzt schon eine schöne jüdische Gemeinde mit Rabbiner und Synagoge existirt, ein neues deutschnationales Blatt „Grazer Tagblatt" zu erscheinen begonnen. Das antisemitische „Deutsche Volksblatt" in Wien war außer sich vor Freude über das ihm

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