Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 74 (17.9.1891)
- Date
- 1891-09-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXII. Jahrgmg. <$tf tt Krilllge w M 74 des „Israelit & Ieschurun" Leitender Artikel. Professor vr. Hirsch Grätz. Wenn an der Bahre eines Dahingeschiedenen, dessen Name über den engen Kreis der Familie und der Freunde hinaus bekannt ist, zum Bewußtsein gebracht werden soll, was der Verblichene der Mitwelt gewesen, was er gewirkt und erstrebt, dann sollte der Wahrheit allein die Ehre gegeben werden und weder das Vorurtheil der Liebe, noch der Feindschaft das Bild entstellen, welches von des Verstorbenen Schaffen entrollt wird. Ein altes, im jüdischen Volksmunde lebendes Sprüchwort lautet: Dem Todten darf man die Wahrheit nachsagen. , Derjenige ist um so berechtigter hierzu, der sich bewußt ist, auch von dem Lebenden stets die Wahrheit, wie sie sich ihm nach gewissenhafter Ueberzeugung dargcstellt, gedacht und gesprochen zu haben. Der am 7. d. M. im fünfundsiebzigsten Lebensjahre der Zeitlichkeit entrückte berühmte Professor Dr. Hirsch Grätz zählt gewiß zu den hervorragenden Männern unserer Zeit. Er hat die volle Kraft seines reichen Geistes in den Dienst der Forschung gestellt, Jahrzehnte lang an dem Breslauer Rabbiner-Seminar als Lehrer gewirkt und in unermüdlicher Schaffenslust bis in das hohe Greisenalter eine sehr bedeutende literarische Thätigkeit entfaltet. So sind die Spuren seines Wirkens weithin erkennbar. Dem Schreiber dieser Zeilen stand der Verstorbene persönlich nicht fern. Meine früheste Knaben-Erinnerung findet ihn als Schüler zu den Füßen meines großen Vaters, und im frühen Jünglingsalter war er mein Lehrer im elterlichen Hause. Tiefe Wehmuth erfüllt mich, wenn ich dieser Zeit gedenke, in Welcher Grätz bereits in emsiger Arbeit die Bausteine für das bedeutendste Werk seines Lebens zusammentrug, das seinen Namen zwar berühmt gemacht, das aber vor einem streng wissenschaftlichen Urtheil nicht zu bestehen vermag. Was hätte Grätz mit seiner unversiegbaren Arbeitskraft, seinen herrlichen Geistesanlagen, seinem umfassenden Wissen für den Anbau einer echten Wissenschaft des Judenthums und dessen heiligste Interessen leisten können, wenn ihn nicht die von einer seltenen Kombinattonsgabe unterstützte Sucht nach neuen, geistreichen Entdeckungen von den Pfaden wahrer Wissenschaft abgeführt und fthn immer weiter in den Jrrgängen der luftigsten Hypothesen und abenteuerlichsten Konjekturen verstrickt haben würde, Hypothesen und Konjekturen, die endlich sonder Scheu und Zagen auch die Autenticität des heiligen unantastbaren Schatzes der Menschheit, des Gottes- und Prophetenwortes, zum Gegenstände ihrer spielenden Versuche sich zu erküren wagten. So hat Grätz eine Schule mit erziehen helfen, die mit einer Afterwiffensckaft sich brüstet, so hat er den Zweifel in der Brust der Jünger geweckt, die als Lehrer und Prediger des Gottesgesetzes in den Kreis der Gemeinden treten und statt Wahrer und Mehrer des jüdischen Pflichtbewußtseins zu sein, Mißachtung des Judenthums und Untreue gegen dessen Satzungen verbreiten. So ist Grätz einer der Hauptbegründer jener sich sprechenden „historisch-kritischen" Schule geworden, welche iu leichtfertigem Sinne jenen verderblichen Zwiespalt einer Scheidung von Wissenschaft und Religion in die jüdischen Kreise getragen hat, so daß z. B. derselbe Mann, welcher als Rabbiner und Lehrer vor der geöffneten Thorarolle Gottes Namen anruft und Ihn preist, daß Er die Thora Israel gegeben, als Mann einer angeblichen Wissenschaft den vermeintlich unumstößlichen Beweis zu führen sich unterfängt, daß dieser Glaube einer naiven, unerleuchteten Anschauung entstamme, der vor der Leuchte des Geistes keinen Stand halte. So hat Grätz in seiner umfassenden Geschichte seinen vorgefaßten Hypothesen zu Liebe die geschichtlich feststehenden Thatsachen entstellt und geleugnet. So hat er seinen Muthmaßungen zu Gefallen sich auch angebliche Thatsachen konstruirt, die nichts anderes sind als die Luftgebilde seiner phantastischen Einbildungskraft. Als Grätz vor achtunddreißig Jahren mit der Veröffentlichung seines Geschichtswerkes begann, da war es kein Geringerer als sein ehemaliger Lehrer, Samson Raphael Hirsch, welcher schweren Herzens der Pflicht gehorchte und in eingehendster Weise den unwiderleglichen Nachweis führte, wie diese „Geschichte von dem Untergang des jüdischen Staats bis zum Abschluß des Talmuds" rein von dem Standpunkte der Wissenschaft sich „als ein Product der verwerflichsten Leichtfertigkeit und der leichtsinnigsten Ungründlichkeit" darstellt. „Mit sympathetischer Tinte scheint dieses Werk geschrieben", heißt es in dieser vernichtenden Kritik. „Vor dem unerbittlichem Strahle der Wissenschaft und Wahrheit verschwindet — fast Zeile für Zeile — die Schrift." Der Grundkrrthum dieses Geschichtswerks wird in der Umkehrung des Verhältnisses nachgewiesen, deren Grätz sich schuldig gemacht; da er (in diesem 3. Bande, der zuerst erschien) an-